17. Mai 2010, 21:08 Musiker-Legende Dave Brubeck "Jazz konnte dich dein Leben kosten"

Der 84 Jahre alte Pianist erzählt im SZ-Interview von seinen deutschen Wurzeln, den Erlebnissen als US-Soldat im vom Krieg zerstörten Bayern und erklärt, warum Hitler und Stalin Jazz-Musik fürchteten.

Interview: Martin Zips

SZ: Sie waren vor mehr als 60 Jahren als GI unter anderem in Nürnberg stationiert. Was sind Ihre Erinnerungen?

Der Meister in Aktion: Dave Brubeck am Flügel

(Foto: Foto: AP)

Brubeck: Mit 21 Jahren bin ich zur US- Armee gegangen. Das war 1942. Zwei Jahre später entsandte man mich nach Europa. Ich landete als Grenadier in General Pattons dritter Armee. An der Front in Frankreich angekommen, bat man mich, eine Jazzband aufzubauen. Zur Unterhaltung der amerikanischen Truppen. Die Band, wir nannten sie ironischerweise "Wolf Pack", bestand größtenteils aus verwundeten Soldaten, die sich von ihrem Aufenthalt an der Front erholten. Sofern es sich bei ihnen um Musiker handelte, wurden sie in meine Band gesteckt.

Zunächst brachte man uns in der Nähe von Frankfurt unter. In einer großen Fabrik, in der die Waffen englischer Soldaten aufbewahrt wurden, die in Dünkirchen am Strand zurückgelassen worden waren. Dann ging es nach Nürnberg, Erlangen, München, Oberammergau und nach Regensburg, wo ich das Kriegsende erlebte. Manchmal kauften wir in der Tschechoslowakei Instrumente oder Noten. Wir waren ja keine offizielle Armee-Band - unsere Instrumente waren alt und eher zufällig zusammengesucht.

SZ: Und wann kamen Sie nach Nürnberg?

Brubeck: Dorthin kamen wir, nachdem die US-Armee die Stadt gesichert hatte. Ich erinnere mich an die Bulldozer, die den Schutt von der Straße kehrten. Man erklärte uns, dass die Gegend rund um die Oper deshalb so zerstört worden sei, weil die Nazis bis zum Schluss in der Altstadt ausharrten. Wir durften in der Oper proben, und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der erste Jazz war, der hier gespielt wurde. Zunächst brachte man uns in einer Schule unter, ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Gleich neben einer Fabrik, in der Kabel und offenbar auch Saiten für Klaviere hergestellt wurden. In einem Kellerraum der Fabrik standen etwa 20 Klaviere herum, und ich durfte mir eines auswählen. In einem anderen Kellerraum, daran erinnere ich mich auch noch, sah ich eine Art Vorläufer des Kassettenrekorders. Ein paar Wochen probten wir in der Oper. Dann wies man uns einen Raum in der Fabrik als Probenkammer zu. Auch der amerikanische Filmkomiker Bob Hope war übrigens zu dieser Zeit in der Stadt. Ich traf ihn einmal in einem Hotel.

SZ: Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von Konzentrationslagern?

Brubeck: Wenn man in der Armee ist, machen ja ständig Gerüchte die Runde. Besonders die jüdischen Musiker unserer Band diskutierten jede Neuigkeit. Doch wie schrecklich es tatsächlich zuging, ahnten wir lange nicht. Einer meiner Leute, Leon Poberesky - später bekannt als der Komponist Leon Pober -, wurde fast wahnsinnig, wenn es um dieses Thema ging. Er hasste alles, was deutsch war. Er wollte Rache um jeden Preis. Gleichzeitig war er der Allererste von uns Soldaten, der eine deutsche Freundin hatte. Wir hänselten ihn, beschuldigten ihn, sich mit Hitlers Tochter zum Rendezvous zu treffen. Doch er redete sich heraus, er würde versuchen, sie zu bewegen, kein Nazi zu sein. Das war zu der Zeit, als amerikanische Soldaten sich mit Deutschen nicht privat treffen durften. Doch als erst einmal Frieden war, ignorierten viele Amerikaner diese Anweisung.

SZ: Hatten Sie persönlichen Kontakt zu Opfern des Dritten Reichs?

Brubeck: In einer Fabrik nahe Frankfurt fanden wir Zwangsarbeiter aus ganz Europa und befreiten sie. Es bedrückte mich sehr, als ich sah, dass wir für einige von ihnen zu spät eingetroffen waren. Sie waren zu schwach zum Überleben. Diejenigen, die noch stark genug waren, freuten sich, dass sie Freunde trafen oder Menschen, die ihre Sprache sprachen. Nach meiner Rückkehr in die Staaten traf ich Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Sie zeigten mir die Nummern, die man ihnen unauslöschlich auf die Arme tätowiert hatte. Schon bevor ich in die Armee eingetreten war, hatte ich mir Gedanken über das gemacht, was wohl in Europa passierte. Zahlreiche Juden waren ja bereits früh nach Amerika geflohen. Unter ihnen auch mein Lehrer, der Komponist Darius Milhaud.

SZ: An welche Begegnungen mit Deutschen denken Sie zurück?

Brubeck: In Nürnberg lernte ich einen jungen deutschen Soldaten kennen, der an der russischen Front ein Bein verloren hatte. Er war Dichter und liebte Jazz. Oft hörte er bei den Bandproben zu. Wir verstanden uns sehr gut und hatten auch nach dem Krieg noch guten Kontakt. Nun ist er tot. Seine Tochter aber besuchte unlängst eines meiner Konzerte in Deutschland. Während der Okkupation jedenfalls holte ich oft deutsche Musiker in meine Band. Überall, wo wir auftraten, forschte ich nach Spielern. Besonders Posaunisten und Flötisten waren gefragt. Wir gewöhnten uns schnell aneinander. Und wenn ich die Musiker fragte, wie ich sie bezahlen soll, so sagten sie: Was wir brauchen, ist Seife, Essen oder Zigaretten. Das war wichtiger als Geld.

SZ: Mit welchen Gefühlen sind Sie später in Nürnberg aufgetreten?

Dave Brubeck bei einem Konzert in Helsinki

(Foto: Foto: dpa)

Brubeck: Seit 1958, wo ich zum ersten Mal seit dem Krieg wieder in Deutschland spielte, hatte ich immer wieder Auftritte in Nürnberg. Nicht nur in der Oper, sondern auch im Karstadt-Kaufhaus, wo mir einer der Angestellten mal erzählte, dass sein Vater mich 1945mit der Wolf Pack Jazz Band gehört habe. Beeindruckt hat mich der Wiederaufbau in den deutschen Städten. In etwas mehr als zehn Jahren schien sich das Land erholt zu haben.

SZ: Woher stammt Ihre Familie?

Brubeck: Meine Großmutter mütterlicherseits stammt aus Hannover, arbeitete aber schon früh für eine deutsche Familie, die sich in Kalifornien niedergelassen hatte. Mein Großvater war Engländer. Die Familie meines Vaters stammt, so weit ich weiß, ursprünglich aus der Nähe von Basel. Sie wanderte schon vor vielen Generationen aus der Schweiz nach Amerika aus.

SZ: Nürnberg war auch die Stadt der Kriegsverbrecher-Prozesse. Haben Sie davon irgend etwas mitbekommen?

Brubeck: Ich wäre gerne zu den Verhandlungen gegangen. Aber ich hatte keine offizielle Berechtigung. Gelegentlich aßen wir jedoch in einem Gebäude, in dem russische und amerikanische Soldaten, aber auch Fahrer und Gerichtsübersetzer verkehrten. Die erzählten mir davon. Ich kann mich an den Architekten Speer erinnern. Man sagte mir, dass er behauptete, die Zerstörung von Paris verhindert zu haben. Es hieß, er hätte vor der dortigen Architektur so großen Respekt gehabt.

SZ: Und haben Sie sich mit den Nürnberger Gesetzen später intensiver auseinander gesetzt?

Brubeck: Ich bin kein besonders politischer Mensch und habe auch im Nachhinein nicht viel über diese Zeit gelesen, von der ich froh bin, dass sie vorüber ist. Dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an getötete Kameraden, an das menschliche Leid und die höllenhafte Zerstörung denken muss. Ich war richtig dankbar dafür, dass die Verantwortlichen dieser Verbrechen verurteilt und bestraft wurden. Die menschlichen Geschichten interessierten mich mehr als die politischen.

SZ: Welche?

Brubeck: Ein Beispiel: In Oberammergau bat ein US-Soldat, der in einer Armee-Band spielte, Richard Strauss um ein Autogramm. Der Komponist fragte ihn, welches Instrument er denn beherrsche. Der Soldat antwortete: Oboe. Richard Strauss notierte ein paar Noten und sagte dem jungen Soldaten, man solle sich in ein paar Tagen doch noch einmal treffen. Bei diesem Treffen schenkte Strauss dem Soldaten dann ein Oboen-Konzert. Dabei muss es sich um die letzte Komposition gehandelt haben, die Strauss schrieb, bevor er starb. Oder: Ich erinnere mich an ausführliche Diskussionen über die Qualität der Musik dieser Zeit. Ich verteidigte meine Lehrer Darius Milhaud, Igor Strawinsky und Béla Bartók.

Ein deutscher Lehrer allerdings, der gelegentlich mit uns eine Bar besuchte, regte sich fürchterlich auf und sagte, das sei ja alles schön und gut, doch "der größte Komponist der Welt ist Richard Strauss." Später hörte ich zum ersten Mal Schönberg. Mein deutscher Dichterfreund hatte mich zu einem Privatkonzert mitgenommen. Es saßen nur 30Zuhörer im Raum. Dass Hitler Wagner-Opern liebte, interessierte mich ebenfalls. Als wir einmal in Bayreuth auftraten, durften wir gleich neben dem Festspielhaus übernachten. Wie verrückt: Meine Jazzband und ein paar Musikhallen-Künstler wohnten in den Zimmern von Goebbels oder Göring. Jedenfalls lag da noch eine großartige Plattensammlung mit italienischen Opern herum. Es hat mir Spaß gemacht, sie anzuhören.

SZ: Wie oft haben Sie in dieser Zeit Jazzkonzerte gegeben?

Brubeck: Die Wolf Pack Jazz Band spielte fast täglich. Unter sehr verschiedenen Bedingungen. Manchmal musizierten wir in einem Krankenhaus, das eigentlich ein Schloss war. Das US-Militär hatte es besetzt. Manchmal spielten wir so nah an der Front, dass wir den Lärm der Granaten hörten und nachts den Himmel hell erleuchtet sahen. Manchmal, wenn wir Freiluftkonzerte für die Truppen gaben, sahen wir Flugzeuge im Sturzflug über uns.

SZ: Haben Sie diese Erlebnisse auch musikalisch irgendwie verarbeitet?

Brubeck: Ja. Bereits 1945 schrieb ich zwei Kompositionen. "We crossed the Rhine" und "Weep no more". Es gibt noch ein weiteres Stück, das aber nie aufgenommen wurde.

SZ: Wie politisch ist Jazz?

Brubeck: Jazz kann Gefühle für jedermann verständlich ausdrücken. Und natürlich kann Jazz auch für politische Zwecke missbraucht werden. Sehen Sie: Stalin verbat Jazz, weil er dachte, dass diese Musik lediglich die Dekadenz der Bourgeoisie abbilde. Für Hitler war Jazz Negermusik und Spiegel einer Gesellschaft von Bastarden. Das zeigt, wie sehr Diktatoren den freien Ausdruck fürchten. Unter Hitler und Stalin konnte dich das Hören oder Spielen von Jazz dein Leben kosten. Für viele wurde Jazz zum Symbol, zur Stimme der Freiheit. Aber diese Freiheit ist keine Anarchie. Zu ihr gehört Disziplin und Verantwortung. Jazz kann als Metapher für Demokratie im Spannungsfeld der Freiheit eines Einzelnen und den Bedürfnissen der Allgemeinheit gelten.