8. November 2010, 15:05 Mark Ronson, Gnarles Barkley und Co. Herrscher des Pop

Sie sind in der Musik das Pendant zum Regisseur im Film: Warum die Musikgeschichte den Produzenten endlich den Platz einräumen sollte, den sie verdient haben.

Von Jens-Christian Rabe

Sein Name stand groß auf den Plakaten für diese Dienstagnacht im Oktober im Münchner Club Puerto Giesing. Aber dass Mark Ronson nach dem Konzert der R'n'B-Sängerin Kelis, die ja nicht mehr in der ersten Liga spielt, noch den DJ geben würde, klang doch sehr unwahrscheinlich.

Mark Ronson wurde jüngst zu einem "GQ Mann des Jahres" gewählt. Er ist außerdem noch Amy-Winehouse-Erfinder und Grammy-Gewinner. Und der derzeit vielversprechendste Produzent des avancierten Mainstream-Pop.

(Foto: dpa)

Der Mark Ronson? Der Amy-Winehouse-Erfinder und Grammy-Gewinner? Der derzeit vielversprechendste Produzent des avancierten Mainstream-Pop? Genau der. Als der hagere 35-jährige New Yorker ein paar Stunden nach Mitternacht dann wirklich hinter dem DJ-Pult stand, waren die meisten schon gegangen.

Sein programmgemäßes Erscheinen dürfte wesentlich mit dem Sponsor des Abends zu tun gehabt haben, einem amerikanischen Modeunternehmen, das sich um jugendliche Glaubwürdigkeit bemüht. Und doch fühlte sich die Anwesenheit des Stars völlig richtig an. Sein eindrucksvoll professionell konzipiertes Hit-Set zündete sofort.

Man merkte, dass hier einer zwar einen Pflichttermin erfüllte, aber eben auch, dass es ihm mit dem Pop-Puzzlen, dem Sammeln und Erforschen dieser Musik, viel zu ernst ist, als dass er sich dabei Nachlässigkeit verzeihen würde. Und sei es bei einem gesponserten Auftritt in einem halbleeren Münchner Clubkeller.

Sein soeben erschienenes drittes Album heißt Record Collection (Sony) und ist tatsächlich viel mehr als ein Album. Schon die Liste der Mitwirkenden Stars zeigt, welchen Bogen Mark Ronson spannen will. Der denkbar elegant nuschelnde Rapper Q-Tip ist genauso dabei wie das denkbar aggressive rappende Wu-Tang-Clan-Mitglied Ghostface Killah, außerdem der R'n'B-Crooner D'Angelo und das Elektro-Hip-Hop-Duo Spank Rock.

Der einzige echte Star ist hier der Produzent

Aber eben auch Boy George, Simon Le Bon von Duran Duran und Nick Hodgson, der Songwriter der britischen Indierock-Band Kaiser Chiefs. Man erfährt all das allerdings nicht unübersehbar auf dem Cover, sondern nur im Kleingedruckten des Booklets. Der einzige echte Star ist hier der Produzent Ronson. Alle anderen sind nur Material. Wenn man nach einem finalen Beweis für den Paradigmenwechsel suchte, den der Pop im vergangenen Jahrzehnt vollzogen hat - hier wäre er.

Natürlich könnte auch die Geschichte der ersten 40 Jahre der Popmusik ohne weiteres als die Geschichte der wichtigen Produzenten erzählt werden, als die Geschichte von Sam Phillips, George Martin, Phil Spector, Quincy Jones, Malcolm McLaren, Brian Eno, Martin Hannett, Rick Rubin, Dr. Dre, Butch Vig. Wird sie aber nicht.

Die großen Namen - die Reihe ließe sich um manch anderen ergänzen von Ted Templeton über Nile Rodgers zu Stock Aitken Waterman und den Dust Brothers - sind zwar bekannt, trotzdem haben längst nicht alle einen eigenen Eintrag in den einschlägigen Lexika. Die im Studio sieht man nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Geschichte der jüngsten Popmusik unbedingt als die Geschichte der Produzenten erzählt werden muss.

Knistern, knacken, rumpeln

mehr...

Die Geschichte der jüngsten Popmusik allerdings muss unbedingt als die Geschichte der Produzenten erzählt werden. Und das nicht nur, weil einige der einflussreichen Produzenten der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre selbst große Stars wurden. Denn das war im Grunde nur die Folge davon, dass unüberhörbar wurde, wohin die Innovationskraft des Mainstream-Pop gewandert war: auf die Seite der Produzenten.

Zu Produzenten wie den Neptunes etwa, deren in der vergangenen Woche veröffentlichtes viertes Album ihrer Band N.E.R.D., "Nothing" (Star Trak/Interscope/Universal) zwar lange nicht so viele Stars wie Ronson instrumentalisiert, aber mindestens so ambitioniert mit der Popgeschichte jongliert.

Der energische Gestaltungswille

Gemessen daran, dass Pharell Williams und Chad Hugo als Neptunes vor zehn Jahren das originellste und wichtigste Produktionsteam des Pop waren, gelingt ihnen leider nicht besonders viel. Der energische Gestaltungswille ist dennoch beeindruckend. Und die unwiderstehlich schmatzende Bassline in Hot N Fun erinnert an die alten Zeiten.

Damals bastelten auch Timbaland und Missy Elliott aus avantgardistischen Sound- und Beat-Experimenten große R'n'B-Hits. Dance-Produzenten wie William Orbit, Mirwais und Stuart Price erfanden Madonna immer wieder neu. Der Schwede Max Martin schnappte sich mit seinem ersten Hit für Britney Spears, ...Baby One More Time 1998 die Definitionsmacht über den Sound des amerikanischen Bubblegum-Pop und hält sie bis heute.

Zuletzt war er für Katy Perry's Hits I Kissed A Girl und Hot N Cold verantwortlich. Assistiert wird ihm seit Jahren von Freunden und Schülern wie dem Amerikaner Dr. Luke oder dem ebenfalls schwedischen Produzentenduo Bloodshy & Avant, die ihrerseits in den vergangenen Jahren regelmäßig mit Geniestreichen für einige der regierenden Königinnen des Highscore-Pop Perry, Spears und Kylie Minogue auffielen. Dr. Dre wurde als Eminem-Produzent endgültig zum weltbekannten Paten des erfolgreichsten und besten Hip-Hop und Rick Rubin wurde heilig gesprochen, weil es ihm gelungen war, den totgeglaubten Johnny Cash als Country-Minimalisten wieder auferstehen zu lassen.

Postmoderner Hip-Hop aus dem Archiv

Und dann kam Brian Joseph Burton alias Danger Mouse und bewies zuerst, dass man das "Weiße Album" der Beatles ernsthaft mit den Raps von Jay-Zs Black Album zum Grey Album mischen kann - wenn man's kann. Umschließlich als Gnarls Barkley mit Crazy auch noch den Sommerhit des Jahres 2006 hinzulegen, der wie eine Retro-Soul-Hymne knarzte und rhythmisch doch so kühl, elastisch und präzise vorwärts federte, wie es dem Pop eben erst die zeitgenössische elektronische Musik beigebracht hat. Postmoderner Hip-Hop aus dem Archiv.

Danach war die Frage nach dem Produzenten eines neuen Albums endgültig kein Herrschaftswissen verrückter Popisten mehr. Der Hinweis auf die Beteiligung dieses oder jenes wichtigen Masterminds war obligatorisch. Es schlug die große Stunde der virtuosen Puzzler, der stilsicheren Auswähler und findigen Immer-wieder-neu-Kombinierer.

Und Danger Mouse brachte die neuen Verhältnisse so präzise auf den Punkt, als er sich im New York Times Magazine zum Pop-Regisseur erklärte: "Ich wollte für die Musik eine Rolle kreieren, die im Film der Regisseur innehat. Ich bin in der Lage verschiedene musikalische Welten zu gestalten, auf die sich ein Künstler dann einlassen muss." Verschiedene Welten wohlgemerkt, keine neuen.

Zufall dürfte das nicht sein

Das allerdings war nicht das Bemerkenswerte des Kommentars. Denn dass das Jahrzehnt ein Jahrzehnt des Historismus, des Archivs, der Wiedervorlage sein würde, war da längst klar. Neu war die unüberhörbare Ernsthaftigkeit. Der Umgang mit dem Archiv und dem Zitat ist seither so wenig spielerisch wie noch nie in der Geschichte des Mainstream-Pop.

Zufall dürfte das nicht sein. Die uneingeschränkte Verfügbarkeit des gesamten Sound- und Song-Materials der Popgeschichte im Internet fällt ziemlich genau in die Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Für eine musikalische Anspielung auf die achtziger Jahre etwa, die den guten Geschmack herausfordert, dauert die Recherche keine vier Sekunden mehr, und deswegen reißt sie auch niemanden mehr vom Stuhl. Zumal wenn der letzte Eighties-Gag schon längst gemacht worden ist und zwar von allen. Während immer noch kein rettender neuer Poptrend auszumachen ist.

Bis es soweit ist, sind akribische Tüftler wie die Neptunes oder Ronson, deren Songs man anmerkt, wie genau sie sich andere Musik anhören, nicht das Schlechteste, was dem Pop passieren kann. Zumal wenn dabei so blitzblanke Stop-and-Go-Pop-Hop-Songs wie Ronsons Bang Bang Bang abfallen.