6. April 2018, 07:34 Interview am Morgen: Facebook "Sicherheit im Netz kann nicht allein Aufgabe des Einzelnen sein"

Vielmehr bräuchte es dazu ein kollektives Bewusstsein, verlangt Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann. Ein Interview über Datenschutz und darüber, was unser Online-Verhalten mit Rauchen zu tun hat.

Von Kolja Haaf

Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann lehrt Internetpolitik an der FU Berlin und befasst sich am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit digitalem Wandel. In ihren Vorträgen merkt sie immer wieder, wie schwer greifbar diese Themen für die meisten Menschen sind. Um ein echtes Umdenken zu bewirken, sagt sie, brauche es deshalb mehr als gut gemeinte Ratschläge, wie man sparsamer mit seinen Daten umgeht.

SZ: Der Fall von Facebook und Cambridge Analytica macht klar, wie wenig Kontrolle wir über unsere Daten haben. Trotzdem löscht kaum jemand sein Facebook-Profil. Sind uns unsere Daten egal?

Jeanette Hofmann: Die Schwierigkeit bei diesem Thema liegt darin, den Menschen zu zeigen, dass es sie unmittelbar betrifft. Den meisten ist erst einmal gar nicht klar, dass es sich bei dem Vorfall mit Cambridge Analytica nicht um einen Unfall handelt, sondern dass das System hat: Jedes Mal, wenn ich auf eine Website zugreife, steht automatisch ein detailliertes Nutzerprofil von mir zum Kauf. Wer das kauft und was der dann damit macht, darüber hat niemand Kontrolle. Allein das zu verstehen, erfordert viel Wissen und ist sehr abstrakt.

Etwa 87 Millionen Nutzer von Facebook-Datenskandal betroffen

Das Unternehmen gibt damit zu, dass das Ausmaß des Skandals weitaus größer ist als bislang bekannt. Ab dem 9. April erfahren Nutzer per Einblendung im News-Feed, ob sie zu den Geschädigten gehören. mehr ...

Was wir nicht erfassen können, interessiert uns auch nicht?

Ich vergleiche das gerne mit Einbrüchen. Wenn man über wachsende Einbruchzahlen in seiner Stadt liest, dann denkt man immer: schrecklich, schrecklich, schrecklich! Aber es führt in den meisten Fällen nicht dazu, dass man sich sein Schloss anschaut und denkt, vielleicht sollte ich hier mal in was besseres investieren. Das passiert erst, wenn die Gefahr nah heranrückt. Bei einer Freundin von mir wurde eingebrochen und wenig später bei einer Arbeitskollegin. Und die haben mir erzählt, was es für ein schreckliches Gefühl ist, wenn jemand in die Wohnung eindringt und sie in kürzester Zeit komplett verwüstet. Erst dann habe ich mein Schloss auswechseln lassen.

Das heißt im Bezug auf Datensicherheit: Es müssen erst Nacktbilder von uns im Netz auftauchen, damit sich unsere Einstellung ändert?

Das hoffe ich nicht. Man kann die Konsequenzen auch indirekt begreifen. Es gibt ja auch Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, obwohl sie selbst noch keine schwere Krankheit davongetragen haben. Trotzdem ist das Thema Netzsicherheit schwer vermittelbar. Was da passiert, in Bilder zu übersetzen, ist sehr schwer. Dazu kommt ein Abstumpfen: Vor vielleicht zehn Jahren wäre es den meisten nicht geheuer gewesen, so viele Dienste zu nutzen, wie wir es heute tun und dafür mit unseren personenbezogenen Daten zu bezahlen. Aber dieses ungute Gefühl lässt nach, je öfter man sich in diese Situationen begibt. Das Paradoxe dabei ist, dass wir mittlerweile den ganzen Tag genau das ermöglichen, was wir eigentlich vermeiden wollten: Dritte häufen immer mehr Informationen über uns an und wissen dadurch mehr über uns als wir selbst, zumindest was unsere Verhaltensmuster angeht. Dadurch wächst wiederum auch die Abhängigkeit von diesen Diensten.

Es heißt oft, man müsse sein Online-Verhalten individuell ändern oder einschränken. Aber kann man überhaupt vom Einzelnen verlangen, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien?

Nein, Sicherheit im Netz kann nicht allein Aufgabe des Einzelnen sein. Datensparsamkeit ist schließlich nicht vergleichbar mit etwa der Entscheidung, weniger Fleisch zu essen. Es ist ein Dilemma: Auf der einen Seite finden wir Dienste im Netz unverzichtbar, sind aber auf der anderen Seite nicht gewillt, den Preis dafür zu bezahlen. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auf individueller Ebene lösen. Trotzdem geht unsere Datenschutz-Grundverordnung immer von der Würde des einzelnen Menschen aus und von der Entscheidungsfreiheit, die sich daran knüpft. Aber das Individuum hat in der Praxis keine Verhandlungsmacht gegenüber Google und Facebook. Dieses Problem muss kollektiv gelöst werden.

Also bleibt als Lösung eine staatliche Regulierung?

Einerseits ja, andererseit stößt man dabei leider zuerst auf ein weiteres Dilemma. Schließlich profitieren wir ja auch von diesen personenbezogenen Daten, die Dritte über uns sammeln. Dadurch entstehen neue Dienstleistungen: Zum Beispiel Echtzeitdienste, die berücksichtigen, wo man sich gerade befindet oder auch Übersetzungsdienste, die immer besser werden, je mehr Informationen sie bekommen. Wer mal die Personalisierungsfunktion bei Google ausschaltet und eine Suchanfrage losschickt, der wird bestürzt sein darüber wie viel Müll dabei ist - völlig irrelevante Ergebnisse, falsche Sprache, falsche Wörter, falsche Kontexte. Deshalb wäre es auch keine Lösung, gar keine Daten mehr zu sammeln oder das komplett zu verbieten. Es geht vielmehr darum, das richtige Maß zu finden. Einerseits brauchen wir diesen Aspekt der Optimierung, andererseits darf der nicht auf Kosten zukünftiger Generationen gehen, die dann irgendwann gar keine Privatsphäre mehr kennen.

Um das Rauchen einzuschränken gibt es Steuern und groß angelegte Kampagnen - müssten beim Datenschutz auch solche Maßnahmen her?

Warum nicht? Ich könnte mir vorstellen, dass es eine große Wirkung hätte, wenn man etwa jeden Monat eine verständlich aufbereitete Zusammenfassung der Daten bekommt, die man veräußert hat.

Was glauben Sie, wann das große Umdenken kommt?

Schwer zu sagen. Als erstes braucht es eine gesellschaftliche Einigung darauf, dass wir im Internet nicht alles nutzen, was wir nutzen könnten. Also eine Art kollektive Selbstbeschränkung. Dafür sehe ich zwar im Moment noch keine politische Mehrheit, aber dass man sich als Gesellschaft auf ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden einigt, wäre vor nicht allzu langer Zeit schließlich auch undenkbar gewesen. Man kann Verhaltensweisen im großen Stil ändern, auch wenn es sich um liebgewonnene Gewohnheiten handelt.

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