17. Mai 2010, 21:48 Im Kino: "Berlin Calling" DJs und Dämonen

Berliner Lebensgefühl und gescheiterte Existenzen: In "Berlin Calling" ist ein Techno-DJ vom Absturz bedroht - und landet bei Corinna Harfouch in der Psychiatrie.

Von Anke Sterneborg

Es ist einer der bekanntesten Mythen der Antike, und er wurde spontan schon immer mit der Künstlerexistenz zusammengebracht - die Geschichte des jungen Ikarus, der mit seinen wachsgeklebten Flügeln der Sonne zu nahe kam.

So ist auch ein Musiker auf den Schwingen des Erfolgs immer vom Absturz bedroht - und so gesehen ist es ein kokettes Spiel mit der Gefahr, wenn man als Musiker heute unter dem Künstlernamen DJ Ickarus antritt, mit einem Pseudonym, das ein selbstbewusstes Berliner Icke-Ego mit dem Mythos des griechischen Sagenhelden verschmilzt.

Natürlich reagieren Künstler empfindsamer auf die Vibrationen der Welt, die sie reflektieren, und sind entsprechend anfälliger für die Fluchtversprechen von Drogen aller Art.

Jede Starexistenz birgt die Möglichkeit einer Tragödie, und wenn die Amerikaner Clint Eastwood, Taylor Hackford und James Mangold das Leben von Charlie Parker, Ray Charles und Johnny Cash filmisch rekapitulieren, dann erzählen sie auch vom Hader mit den eigenen Dämonen, von Alkohol und Sex und Ekstase im rastlosen Touralltag und vom Absturz in die Drogenhölle.

Die andere Version des Lebens

In "Berlin Calling" entwirft Hannes Stöhr sozusagen ein deutsches Gegenmodell, doch statt einen mythischen Star nachzuinszenieren, erzählt er die fiktive Biographie eines Berliner Techno-DJs, die er allerdings seinen eigenen Erfahrungen in der Berliner Clubszene der Neunziger abgelauscht hat, als er selbst noch illegale Partys organisierte.

Als Gewährsmann hat er sich den Berliner DJ Paul Kalkbrenner geholt, der ursprünglich nur für den authentischen Sound zuständig war, sich dann aber dazu überreden ließ, auch die Hauptrolle zu übernehmen.

So spielt Kalkbrenner in "Berlin Calling" eine mögliche andere Version seines realen eigenen Lebens durch, und verströmt dabei eine Glaubwürdigkeit, die er sich nicht erst mühsam erspielen muss.

Als einer jener Musiker, die offensichtlich einen besonderen Draht zum Schauspielen haben - nicht umsonst treten so viele Rapper in amerikanischen Thrillern auf - bringt er nicht nur ein besonderes Talent für nonverbale Kommunikation mit, sondern auch ein natürliches Gefühl für Rhythmus und Timing.

Man ahnt, dass Hannes Stöhr bei diesen Exkursionen in den Alltag eines Musikers bisweilen auch an seiner eigenen Existenz als Filmemacher rührt, dass die Anspannung vor dem Dreh der vor einem Liveauftritt ganz ähnlich ist, dass der Erregungszustand vor der Fertigstellung eines Film durchaus mit dem vor dem Abschluss einer neuen CD zu vergleichen ist, und dass darüber hinaus auch das Komponieren eines Musikstücks verwandt ist mit dem Schreiben eines Drehbuchs:

"Ein reiner Szenefilm hat uns nie interessiert", sagt Stöhr, "unsere Vision war immer, einen Film über Kunst und Wahnsinn zu machen, über Rausch und Ekstase, über den täglichen Überlebenskampf, über Beziehungen, Freunde, Familie, Liebe, Hoffnung, Zukunft, und auch darüber, wie wichtig es ist, ein Ziel im Leben zu haben."

Trotzdem hat Stöhr sich um eine authentische Stimmung in der Berliner Elektrobeat-Szene bemüht, dazu gehört beispielsweise auch, dass er reale Partys organisiert und abgefilmt hat, statt sie im Studio mit Statisten nachzustellen.

Tragödie und Therapie

Wie bereits in seinem Debütfilm "Berlin is in Germany" verbindet Stöhr auch hier ein dokumentarisch geschultes Gespür für Berliner Lebensgefühl mit dem Drama einer vom Scheitern bedrohten Existenz, mit einer Tragödie, der er immer wieder lichte, fast komische Momente verleiht.

Unter dem terminlichen und moralischen Druck von Freunden, Produzenten, Plattenfirmen und Clubmanagern erliegt DJ Ickarus den Versuchungen von Sex and Drugs.

Nach einem schlechten Trip landet er in der Psychiatrie, in der Corinna Harfouch ein wenig angestrengt als Therapeutin mit 68er- Vergangenheit agiert, und eine Weile lang lastet der Schatten der möglichen Tragödie über dem Film, bis er doch wieder vom unerbittlichen Drive des Elektrobeats mitgezogen wird.

Und wenn Paul Kalkbrenner mit dunkler Sonnenbrille und tief über den kahlen Kopf gezogener Kapuze durch Berliner Clubs, Wohnungen, U-Bahnhöfe und Straßen stromert, dann nimmt man ihm die fragile Balance zwischen düsterer Getriebenheit und lässiger Pose mühelos ab.

Berlin Calling, D 2008 - Regie und Buch: Hannes Stöhr. Kamera: Andreas Doub. Schnitt: Anne Fabini. Musik: Paul Kalkbrenner. Mit: Paul Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, Araba Walton, Peter Schneider, RP Kahl, Henriette Müller, Udo Kroschwald, Mehdi Nebbou. Movienet, 105 Minuten.