24. Dezember 2012 13:31 Hobbit-Film in Neuseeland Jacksons Traumwelt, eine Denunziation der Wirklichkeit

Ein Gastbeitrag von Alan Duff

Was hat Peter Jacksons Hobbit-Film mit Neuseeland zu tun? Gar nichts. Es ist empörend, wie weit sowohl Landschaft und Fantasywelt als auch das Leben der Menschen und das der Kinobesucher auseinanderklaffen. Denn der Mob der Hobbit-Fans erfährt wenig vom wirklichen Leben der Neuseeländer.

Ich bin zur Hälfte Maori, neuseeländischer Ureinwohner also. Und ich bin neuseeländischer Schriftsteller, zwei meiner Romane wurden hier verfilmt. Man sollte also meinen, dass ich mich dem übersprudelnden Lob für Peter Jacksons ersten Teil der Hobbits-Trilogie anschließe, der ja die wunderbaren Landschaften Neuseelands zur Kulisse hat. Ich respektiere Jacksons weltweites Ansehen in der Filmindustrie. Aber, Verzeihung, wenn ich die friedliche Weihnachtszeit stören muss: seine Arbeiten haben für mich keine Bedeutung.

Sie haben keine Bedeutung für mich als Neuseeländer, obwohl ich die prächtigen Landschaften meiner Heimat liebe. Noch weniger verstehe ich die Phantasiewelt, die er in diese höchst reale Welt hineinsetzt. Ich finde, der Großteil seines Fan-Clubs setzt sich aus einem, wie ich es nenne, Virtual-Reality-Mob zusammen. Ja genau: eine Vielzahl von Schafen ist auch ein Mob. Einer, der allein am ersten Wochenende, an dem der Film lief, 85 Millionen Euro für den Eintritt ins Kino ausgegeben hat.

Es mag ungerecht sein, aber es empört mich, wie sehr sowohl Landschaft und Fantasywelt als auch das Leben der Menschen in dieser Landschaft und das der Kinobesucher auseinander klaffen, wie wenig diese Besucher von unserem wirklichen Leben erfahren. Die meisten von ihnen sind junge Leute, die niemals irgendeinen Mangel litten, noch nicht einmal einen leeren Magen für mehr als ein paar Stunden.

Jeder besitzt ein Smartphone, und die meisten von ihnen würden über Nacht Schlange stehen, um die neueste Apple-Kreation zu erwerben. Was immer sie wollen, der Markt versorgt sie, sofort. Sie klimpern auf ihren Smartphones und Kriegsspiel-Konsolen so virtuos wie Konzertpianisten.

Die virtuelle Welt des verlogenen Heldentums

Sie kennen sich aus in dieser virtuellen Welt der künstlichen Gefahr, des verlogenen Heldentums, wissen, wie man dort mit Waffen umgeht, mit Gewehren mit mehreren Läufen, die selbst ein Arnold Schwarzenegger nur mit Schwierigkeiten heben könnte. In den Händen dieser Kinder können Feinde zu Tausenden zerstäubt, weggezappt, mit Stromschlägen aus dem Weg geräumt werden. Den Kugeln ihrer Feinde kann man hingegen ausweichen, mit äußerster Gewandtheit und der kriegerischen List eines Tieres. Wie ein McDonald's-Hamburger mit Fritten und Cola erzeugt das unmittelbare, schnelle Befriedigung. Doch bald möchte man mehr davon.

Letztlich verspricht Peter Jackson mit seiner Hollywood-Armee von Marketing-Einschmeichlern Ähnliches - eine Traumwelt, in der sich die Hauptpersonen fast wie in einem Computerspiel von Level zu Level zum großen Ziel vorarbeiten. Es liegt nahe, dass da dieses Jungvolk nicht widerstehen kann. Über beinahe drei Stunden hinweg reisen, watscheln und stolpern sie mit ihren Kumpels, den Hobbit-Zwergen durch den Film und suchen einen Schatz, der von einem Drachen bewacht wird. Von einem Drachen? Ja, eine dieser Kreaturen, durch und durch böse, schwer zu töten, feuerspeiend. Er ist erfunden und echt zugleich - echt in dieser virtuellen Welt, die irgendwie wie Neuseeland aussieht.

Als mein erster Roman verfilmt wurde, geschah das, ich muss es zugeben, auch mit ein bisschen Hollywood-Klimbim. Das Ziel war aber ein anderes, und das erklärt, warum mir der Hobbit-Film fremd bleiben wird. Das Filmhandwerk mit seinen Vereinfachungen, Inszenierungen und Emotionalisierungen diente dazu, die Realität verständlich zu machen. Der Film erzählte von einer kaputten städtischen Maori-Familie, bei ihr führte der Suff zu sinnloser Zerstörung.

Die Maoris rannten in Scharen in diesen Film, obwohl sie nicht als große Kinogeher bekannt sind. Diesmal aber ging es um sie selbst. Es ging darum, wie viele der mehr als eine halbe Million Ureinwohner so leben - zu viele, war die einhellige Meinung. "Once were Warriors" war ein großer Erfolg in Neuseeland. Der Film fand genau deshalb Widerhall, weil es darin um etwas Wahres geht. Er servierte Leben - ohne Pommes und Gewürze. Dieser Wirklichkeit fehlte das Virtuelle.

Was haben Jacksons Filme mit Neuseeland zu tun? Wie reflektieren Tolkiens Bücher Neuseeland? Kommen Maoris in diesen Geschichten vor? Wird darin Rugby gespielt? Riecht es nach Lammkeule? Können wir das Geräusch der Vorort-Rasenmäher in irgendeinem Peter-Jackson-Film hören? Nein, natürlich nicht. Jackson ist Hollywood, und da geht es um verkaufbare Träume, um die Zulieferungen für den Markt der virtuellen Wirklichkeit.

Die Filmwelt, das sind visuelle und akustische Tricksereien

Hobbitland und Neuseeland sind sich nicht im Entferntesten ähnlich - auch wenn jetzt im Dutzend Reisen durch Neuseeland auf den Spuren der Hobbits angeboten werden. Haarige Zwerge mit Knollennasen, die einen Schatz jagen, der von einem Drachen bewacht wird? Und das in einem Land, das den Rugby verehrt - ein Spiel für echte Männer? Ach, komm!

Die Filmwelt, das sind Rauch und Spiegel und Illusionen, visuelle und akustische Tricksereien, die Sound- und Specialeffects nutzen, Musik und plötzliche, laute Geräusche, Lichtspiegelungen, um ihren Betrachter von einer anderen Realität zu überzeugen. Ein Film zielt auf Gefühle ab, weniger auf den Verstand.

Dies kann man wunderbar nutzen, um die Wirklichkeit erzählbar zu machen, denn die reine Wirklichkeit kann nun einmal kein Film zeigen und kein Buch beschreiben, jede Erzählung formt, lässt weg, spitzt zu, braucht erzählerische Mittel.

Problematisch wird es, wenn der Special Effekt und die Illusion zum Selbstzweck werden, zur Flucht aus der Wirklichkeit, ja zur Denunziation der Wirklichkeit: Da gibt es diese andere, wundervolle Welt, in der das Gute siegt und es für alles eine Lösung gibt - komm mit! Vergiss die Realität mit ihren Brüchen und diesem furchtbaren Durcheinander von Gut und Böse!

Wir sollten nicht Hollywood die Schuld geben, zumindest nicht ganz. Das wäre, als würden wir die Hamburger-Kette für Fettleibigkeit verantwortlich zu machen. Denn es gibt immer noch die Verantwortung des Einzelnen. Also: Du hast Dich entschieden, Hobbit-Fan. Du bist es, der es nicht erwarten konnte, Geld zu zahlen, um in diese virtuelle Welt zu entkommen.

Wahrscheinlich würdest Du, wenn man Dich fragt, Neuseeland wunderbar finden: So grün, so sanfte Hügel und wilde Berge, plappernde Bäche und rauschende Wasserfälle. Dass hier Menschen leben, die dieses Idyll stören, wirst Du vielleicht zur Kenntnis nehmen, wirklich interessieren aber wird es Dich nicht.

Dafür kannst Du aber, wenn Du das dritte Mal im Kino warst, wahrscheinlich die merkwürdigen Namen jedes einzelnen der dreizehn scheußlichen kleinen Typen aufzählen. Glückwunsch. Nein, ich werde diesmal nicht ins Kino gehen.

Der Schriftsteller Alan Duff, 62, setzt sich in seiner Heimat Neuseeland für die Maori ein. Als Jugendlicher lebte er einige Zeit im Erziehungsheim. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er als Installateur. Übersetzung: Viktoria Großmann.