30. Dezember 2012, 13:44 Hip-Hop- und Rock-Newcomer 2013 Zehn Reservierungen für den Thron im Pop-Himmel

Wir haben es immer gewusst: Dass das Jahr 2012 den internationalen Durchbruch für Skrillex und Frank Ocean bringen würde, war ebenso klar wie die nationalen Triumphe von Kraftklub und Cro. Doch wie sieht es mit der Prognose für das kommende Jahr aus? Wir stellen Ihnen jene Künstler vor, die nächstes Jahr einschlagen werden.

Von Toni Lukic

A$AP Rocky

Nach seinem legendären Mixtape "Live.Love.A$AP" hat A$AP Rocky bereits 2011 die komplette amerikanische Musikszene hinter sich gebracht. Im Video zu Lana Del Reys "National Anthem" mimte der Rapper aus Harlem Ex-Präsident John F. Kennedy, und wirkte kein bisschen lächerlich. Denn Rakim Meyers, wie er bürgerlich heißt, hat diesen Swag, diese beneidenswert lässig-coole Ausstrahlung, die so oft besungen wird.

Dabei macht A$AP Rocky vieles nicht anders als seine Rap-Kollegen: Auch bei ihm geht es um goldene Ketten, grüne Scheine und lila Codeindrinks. Doch der New Yorker ist stilsicherer als andere, sein Geschmack lässt ihn stets den besten Beat picken, den modischsten Zwirn anziehen und den Nerv der Jugendkultur treffen. Dazu bietet er durch seine Rapkünste keine Angriffsfläche für die Technikstreber.

Eigentlich war schon für 2012 ein Platz auf dem Pophimmelthron reserviert. Doch wegen ungeklärter Samples musste Rocky die Veröffentlichung seines Debütalbums "Long.Live.A$AP" auf den kommenden Januar verschieben. 2013 wird das Jahr von A$AP Rocky werden, versprochen!

Eine der kleinen Sensationen des ablaufenden Jahres war das Schwesterntrio Haim aus Los Angeles. Mit ihrer EP "Forever" brachten sie im Oktober den California-Sound zurück - zumindest ein Stück weit. Este, Danielle und Alana musizieren gewissermaßen seit Geburt zusammen. Als Folkband Rockinhaim tourten sie mit ihren Eltern durch die Staaten, doch auch Teenager in einer Familienband wollen sich irgendwann selbst erfinden und ihren musikalischen Horizont erweitern.

Bei den drei Schwestern geschah das durch die Spice Girls, die Strokes oder Destinys Child. Und so hört sich der Sound von Haim an. Folk mit 80er-Synthipop, 90er-R'n'B und dazu klassischem Indierock. Zusammen klingt das alles angenehm sonnendurchflutet und sehr frisch. Das haben nicht nur die Blogs erkannt, sondern auch Musikgrößen wie Mumford & Sons und Florence & The Machine, die Haim mit auf Tour nahmen. Ende des Jahres soll ihr Debütalbum erscheinen. Wir freuen uns drauf.

In Großbritannien scheinen sich die Experten ziemlich sicher zu sein, mit Peace das nächste große Indie-Ding gefunden zu haben. Der Guardian bezeichnete die Vierer-Formation vorsorglich schon Mal als "Zukunft des Indie" und viele Argumente dagegen lassen sich nicht finden.

Die Band aus Birmingham kommt mal daher wie eine Mischung aus den Maccabees und den Foals, und dann wieder wie eine Melange zwischen Wu-Lyf und Vampire Weekend. Das kommt ganz darauf an, in welcher musikalischen Schaffensphase sich die vier Jungs befinden. Denn kein Song klingt wie der andere. Mal sind es zuckersüße Melodien mit schallenden Gitarrenriffs wie auf "California Daze", dann schroffer Afro-Pop auf "Bblood", während "Follow Baby" auf einmal in die eher elektronische Kerbe haut und doch ziemlich an den Nirvana-Hit "Smells Like Teen Spirit" erinnert. Wir sind gespannt, ob die Kollegen auf der Insel Recht behalten.

2012 war das Jahr des Frank Ocean. Der Sänger gab dem R'n'B, den man nur noch von ölbeschmierten Schönlingen vor der Paarungszeit kannte, einen intelligenten und reflektierenden Anstrich. Bevor Frank den Mainstream eroberte, wurde er regelmäßig in Zusammenhang mit einem anderen Künstler gebracht, der den neuen R'n'B mindestens ebenso begründete: The Weeknd.

Der Kanadier mit dem bürgerlichen Namen Abel Tesfaye schreckte 2011 die Musikszene mit seinem Mixtape "House of Ballons" auf, in dem er dem Gefühl vieler Jugendlicher Ausdruck verlieh, das zwischen verflossener Liebe und dem nächsten Drogentrip oszilliert. Dabei hörte er sich gefährlich nah an Michael Jackson an. Mehr noch, Tesfaye wagte es sogar, Jacksons "Dirty Diana" zu covern - mit gutem Ergebnis.

Wahrscheinlich würden wir heute immer noch Frank und ihn im gleichen Atemzug nennen, doch entschied sich The Weeknd dafür, konstant unter dem Radar zu fliegen und auf Live-Shows, Interviews und generell auf einen Marketingplan zu pfeifen. Wir glauben trotzdem, dass sich so viel Talent irgendwann durchsetzen wird.

Früher gab der mangelnde Erfolg deutscher Musiker in den USA gerne Anlass zur Kritik. Mittlerweile hat sich die Szene daran gewöhnt und eigentlich schielt keiner mehr über den großen Teich, bis auf ein paar DJs vielleicht.

Das führt dazu, dass Deutsche in Amerika inzwischen Karriere machen, und keiner merkt's hier. Ein großer Star in den Staaten ist beispielsweise Zedd, ein 23-Jähriger Elektro-Produzent, der aus dem beschaulichen Kaiserslautern kommt und mittlerweile riesige Hallen in den USA füllt.

Zum Großteil hat er seinen Ruhm seinem Freund Skrillex zu verdanken, der, ob man seinen Dubstep-Pop mag oder nicht, eine Riesennummer außerhalb Deutschlands ist. Auf dem gleichen Pfad schreitet nun Anton Zaslavski, so wie Zedd bürgerlich heißt, und profitiert gerade davon, dass elektronische Tanzmusik in den USA so angesagt ist. Hierzulande ist Zedd noch relativ unbekannt, was eine Ironie der Geschichte darstellt, schließlich wurde elektronische Musik in Deutschland maßgeblich mitentwickelt.

Yasha ist Kennern im Zusammenhang mit Marteria und Miss Platnum ein Begriff. Zusammen veröffentlichten die drei Musiker im Spätsommer die EP "Lila Wolken" mit der gleichnamigen Single, die in Deutschland die Chartspitze eroberte. Vielleicht kennen viele Yashas unnachahmliche Stimme auch von Marterias Hit "Verstrahlt". Kaum einer wird den Berliner aber noch aus seinen Zeiten bei der Hip-Hop-Band Moabeat kennen, mit der er Anfang der 2000er Jahre unter anderem mit seinem Bruder David alias Monk sowie DJ Illvibe rappte.

Monk und DJ Illvibe gründeten später mit Dirk Berger das Produzententeam "The Krauts", das einige Treffer landete, etwas das erfolgreiche Debütalbum "Stadtaffe" von Peter Fox sowie "Zum Glück in die Zukunft", das zweite Solo-Album von Marteria.

Yasha zog in der Zwischenzeit mit seiner Frau nach Brooklyn um, lebt aber inzwischen wieder in Berlin, wo er an einem Debütalbum zu arbeiten scheint. Bei seiner einzigartigen Stimme und seinen exzellenten Kontakten könnte es großartig werden.

Nach Missy Elliot hat es im HipHop lange an guten Rapperinnen gemangelt. Erst Nicki Minaj sorgte wieder für weibliches (Selbst-)Bewusstsein im Rap. Während sich Nicki mittlerweile in Richtung Plastikpop verabschiedet hat, schicken sich gleich mehrere Rapperinnen wie Azealia Banks, Kreayshawn, Iggy Azalea un Angel Haze an, ihren Platz einzunehmen. Die spannendste unter diesen Künstlerinnen ist zweifelsohne Angel Haze. Raykeea Wilson, so ihr bürgerlicher Name, brachte dieses Jahr zwei Mixtapes heraus, auf denen sie ein riesiges Potenzial offenbarte.

Ihren bissigen Stimm-Rhythmus, der jedem männlichen Gangstarapper zur Ehre gereichen würde, vereint sie mit einer engelsgleichen Stimme, die so wunderbar an die große Aaliyah erinnert. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hat sie keine Musik gehört, weil sie und ihre Mutter der Greater Apostolic Faith-Kirche angehörten, einer Sekte, die jegliches Hören von Musik untersagt.

Ihre Kindheit war aber auch aus anderen Gründen schwierig und das thematisiert sie so detailliert in ihren Songs, dass dem Zuhörer regelmäßig schlucken muss, ob des Schreckens, den er vorgesetzt bekommt. Zu dem Eminem-Instrumental "Cleaning Out My Closet" rappt sie beispielsweise detailliert darüber, wie sie mit sieben Jahren sexuell missbraucht wurde. Angel Haze ist definitiv eine der spannendsten Künstlerinnen, deren Entwicklung 2013 noch manche positive Überraschung bereithalten dürfte.

AlunaGeorge, der Name drückt bereits aus, dass es sich hierbei um ein Duo bestehend aus der Sängerin Aluna Francis und dem Produzenten George Reid handelt. Doch auch wenn die beiden ihre Vornamen zu einem Wort zusammenfügen, so sind sie von ihrer Herkunft her doch ziemlich verschieden: Aluna spielte zuvor in einem experimentellen Electro-Kollektiv, dessen Songs ihrer Aussage nach so kompliziert waren, dass sie Probleme hatten, sie überhaupt aufzunehmen. George war damals Teil einer Indieband und hatte einen Hang für elektronische Musik. Sie lernten sich kennen, als George einen Remix für Aluna machte. Auf Anhieb verstanden sie sich, so dass sie wenig später ein Duo gründeten.

Die musikalische Entkrampfung, die sich aus dem Zusammenschluss für die beiden ergab, spürt man in jedem Song. Ihre Musik klingt nach UK-R'n'B mit viel Britpop auf futuristischen Electrobeats. Georges Fertigkeiten an den Reglern würden auch einer Produzentengröße wie Timbaland nicht schlecht zu Gesicht stehen und Alunas sinnliche Stimme umgarnt einen eh augenblicklich, ohne dass man sich wehren könnte.

Es ist wohl sehr angenehm, wenn dein Vater ein bekannter Chansonnier, Aktionskünstler, Schauspieler und was nicht alles ist, und das nötige Kleingeld hat, um dich nach New York zu schicken, damit du dich dort künstlerisch entfalten kannst. Vielleicht wusste André Heller, dass sein Sohn Ferdinand Sarnitz diese Chance nicht in den Sand setzen wird. Denn sein Sprössling hat sich letztes Jahr als Left Boy einen Namen als Rapper gemacht. Dabei nimmt der Österreicher, wie sein Vater, alles selbst in die Hand, von den Beats, über die Texte, bis zu den Videos.

Die Songs funktionieren folgendermaßen: Left Boy sampelt die Melodie eines Popsongs, legt einen knarzenden Synthesizer drunter und rappt auf Englisch über die Probleme, die ein reicher Bengel nun mal hat. Es gibt wohl ziemlich viele solcher reichen Artgenossen, die diese Art von dekadentem HipHop gerne haben. Vor allem in Deutschland und Österreich. Denn hier gab es einen selten dagewesenen Sturm auf die Konzertkarten. Wohlbemerkt: Left Boy rappt erst seit zwei Jahren, das auf Englisch und ohne Plattenfirma im Rücken.

Leslie Clio wird gerne mal mit Joss Stone verglichen, auch im Zusammenhang mit Adele ist ihr Name schon gefallen. Aber kein Druck, bitte. Diese Vergleiche liegen wohl daran, dass wir hierzulande gerade kaum erfolgreichen Soulsängerinnen zu bieten haben. Das könnte sich 2013 wieder ändern, wenn schon im Februar Leslies Debütalbum "Gladys" erscheint.

Produziert wurde es von Bassisten Nikolai Potthoff von der Hamburger Indie-Rock-Band Tomte, was Hoffnung auf eine mit Ecken und Kanten gespickte Platte machen kann. Ihr Radio-Hit "Told You So" klingt jedenfalls schon so: Durch die leichtfüßige Melodie treten immer wieder düstere Momente hervor. Und so soll Soul nun mal sein. Die Hamburgerin trat schon mit Marlon Roudette, Keane und Bosse auf, und mit Joss Stone ist ebenfalls eine Tour geplant. 2013 könnte also tatsächlich das Jahr der Leslie Clio werden.