19. November 2012 11:35 Fotografien vom RAF-Gefängnis Stammheim Ein tödlicher Ort

"Kafka wird von Stammheim um Längen geschlagen", schrieb einst einer der RAF-Insassen. Stuttgart-Stammheim ist ein Synonym für den Deutschen Herbst, jetzt wird das Hochsicherheitsgefängnis abgerissen. Andreas Magdanz hat dort fünf Monate fotografiert. Erstmals zeigt nun das Kunstmuseum Stuttgart seine Aufnahmen.

Von Catrin Lorch

Andreas Magdanz, Flur mit Blick in Zelle 719, 2010/2011, Buch- & Ausstellungsprojekt "Stammheim"

(Foto: Andreas Magdanz, 2012/2011, Hatje Cantz)

Beigefarbene Plastikstühle, ein einfacher Tisch, das Etagenbett aus dunklem Metall. Zwei Fenster, vergittert und abgedunkelt. Das ist die Zelle. Nummer 719, siebter Stock, Gebäude 1 in Stuttgart Stammheim. Der Fotograf Andreas Magdanz hat die Aufnahme für die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart als meterhohes Hochformat abgezogenes, weswegen es wirkt, als könne man eintreten in den engen Raum. Gab es überhaupt schon solche Bilder? Von dieser Architektur? Sie sind zu ruhig und sorgfältig gemacht, als dass man sie für das Ergebnis einer Undercover-Aktion halten könnte. Andreas Magdanz fotografierte mit Erlaubnis der Leitung der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Anlass für die Kooperation war der bevorstehende Abriss des Gebäudes, das durch modernere Trakte auf dem Gelände ersetzt wird. Mehr als dreißig Aufnahmen werden nun erstmals im Kunstmuseum Stuttgart gezeigt.

Aus meterbreiten, schwarz-weißen Großfotos (nur ein Bild wurde in Farbe abgezogen) entsteht ein nüchternes Panorama, auf dem man sich umschauen kann: im Flur, wo Magdanz die Kamera genau dort aufbaute, wo einst eine Behelfs-Wand den Trakt abteilte, in dem ab 1974 Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) untergebracht wurden. Auf der vergitterten Terrasse im Hochhaus, dem "Hofgang", in Zellen, Besucherkabinen, dem Mehrzweckgebäude, in dem ab 1975 der RAF-Prozess stattfand. Andreas Magdanz fotografiert in Nahsicht, Fernsicht und Aufsicht.

Die fugenlose, sechs Meter hohe Mauer sieht auf Luftaufnahmen aus wie weiße Gischt, die sich wellig um das gut 50.000 Quadratmeter große Areal im nördlichsten Stadtteil von Stuttgart legt. Andreas Magdanz sagt, es ginge ihm vor allem darum, eine Erinnerungslücke zu schließen, bevor es zu spät sei. Dafür ist er für fünf Monate in eine der Kasernen gezogen, in denen die JVA-Mitarbeiter wohnen, im Glühwürmchen-, Hornissen- oder Termitenweg, wo von der Dauerbeleuchtung verwirrte Vögel auch nachts zwitschern. Magdanz durfte ungestört arbeiten, evakuierte Teile des Gefängnisses standen ihm von nachmittags bis nachts offen, schlussendlich arrangierte man sogar Helikopterflüge.

Stuttgart-Stammheim, eine Anstalt, die Medien während ihrer Bauzeit zwischen 1959 und 1963 noch als "Haftanstalt mit Dachterrasse" und "Gefängnis mit Komfort" bezeichnet hatten, wurde nicht zufällig zu einem Synonym des Kapitels Deutscher Herbst. Schon im April 1974, als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin aus dem Frauengefängnis Köln-Ossendorf dorthin verlegt wurden, ratterten auf dem Gelände die Bagger, die dort, bewacht von fünfzig Polizisten, für den RAF-Prozess eine Mehrzweckhalle errichteten. So "wuchsen in Stammheim Gefängnis und Gericht zu einer baulichen Einheit zusammen", schreibt der Historiker Michael Sontheimer im Katalog der Ausstellung.

Stammheim wirkte wie eine Schaltzentrale

Ort, Ereignisse, Architektur, Begriffe verklammerten sich fortan: Otto Schily kritisierte die Einschränkungen, denen er hier als Anwalt begegnete, als "Stammheimer Landrecht". Der Begriff "Umschluß" wurde dort geprägt, als Andreas Baader den Beamten erklärte, er wolle künftig gemeinsam mit Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe in den Zellen eingeschlossen werden, was das Oberlandesgericht Stuttgart genehmigte. War Ulrike Meinhof in Köln noch 238 Tage lang im "Stillen Trakt" isoliert worden, entwickelte sich in Stammheim der siebte Stock zu einer eigenen Zone, die man als privilegiert nicht ausreichend beschreibt, auch wenn Fernseher, Plattenspieler und Bücher einzogen.

Stammheim wirkte wie eine Schaltzentrale, aktiv, rhetorisch aufgeladen und voll uneinsehbarer Vorgänge, ein Gegenpol zu staatlicher Macht, die umgekehrt Zellen und Besucherräume abhörte. Als im Mai 1975 das Gericht zusammen trat, waren die Bedingungen, unter denen die RAF-Mitglieder lebten, integraler Teil des Prozessverlaufs, wo man erst am 23. Verhandlungstag mit den Vernehmungen beginnen konnte, weil die Einzelhaft vor der Verlegung nach Stammheim die Gefangenen so belastet hatte. Am 9. Mai 1976 wird Ulrike Meinhof an einem in Streifen gerissenen Handtuch erhängt in ihrer Zelle gefunden, in der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1977 sterben dort dann Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Stammheim, ein Gefängnis, das in der demokratischen Gegenwart doch nur gesicherte Verwahranstalt sein soll, wird zum richtenden, tödlichen Ort.

Die Ereignisse dieser als Deutscher Herbst apostrophierten Epoche sind von wenigen Künstlern aufgegriffen worden, obwohl sie als das Trauma der jüngeren deutschen Geschichte gelten. Gerhard Richters Gemälde-Zyklus "18. Oktober 1977" reflektiert vor allem die Medienbilder, während Hans-Peter Feldmann mit seiner Reihe "Die Toten" alle Opfer des bundesdeutschen Terrorismus zu einem Panoptikum vereint: Polizisten, Geiseln, Terroristen, Zivilpersonen. Zudem hat Hans-Peter Feldmann 2003 im Kölner Museum Ludwig auch drei Zellen aus dem Gefängnis in Köln Ossendorf nachgebaut.

Immer noch als Gegen-Ort

Die Verschränkung der Bewahr-Anstalt Museum und der Verwahranstalt Gefängnis war verstörend. Denn das Gefängnis ist ja - wie Schule, Krankenhaus, Parlament - eine staatlich minutiös organisierte Verantwortung, die bis ins Detail auch als Bauaufgabe begriffen wird. Die Installation "Weiße Folter", die Gregor Schneider 2007 im Düsseldorfer K21 einbaute, bezog sich dann auf einen politisch aktuellen Ort, der, wie Stammheim, sich gleichzeitig in einem unerreichbaren Außerhalb wie im Nukleus eines Konflikts befand: Guantanamo. Als Blaupause für diese Zelle dienten Internet-Fotos der "High Security Cells", in denen die Amerikaner auf einem Stützpunkt auf Kuba ihre Gefangenen isolierten.

Auch Stuttgart-Stammheim funktioniert jetzt, mehr als dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst und kurz vor seinem Abriss, immer noch als Gegen-Ort. Wobei es zur Wirkung der Bilder beiträgt, dass das Gebäude noch existiert. Es ist der richtige Moment für die Präsentation eines Projekts, für das sich die Museumsdirektorin Ulrike Groos engagierte, als kein Geschichtsmuseum das Interesse oder den Mut hatte. Sie stellt den Gefängnisbildern eine "Hörstation" gegenüber, wo Radio-Dokumentationen zum Deutschen Herbst laufen. Zudem hat man darauf verzichtet, die Zelle "719", in der Ulrike Meinhof starb, aufzubauen. Sie wird Magdanz im kommenden Jahr in Aachen erstmals einrichten. So hätte die kühle Bestandsaufnahme im Museum also auch enden können - im voyeuristischen Simulacrum. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Andreas Magdanz bewegt, der schon in Auschwitz-Birkenau fotografierte, am BND-Standort in Pullach und im Vogelsang.

Doch weil die schlichten Diasec-Abzüge in fein nuancierten Grauwerten gezeichnet sind, zudem perfekt scharf, kann man sie wie wissenschaftliche Abbildungen untersuchen. Nichts lenkt ab vom Gebäude, die Zellen sind geräumt, die Umgebung menschenleer. "kafka wird von stammheim um längen geschlagen", schrieb Peter-Jürgen Boock als er 1983 im 7. Stock einsaß, weil der Staat es offensichtlich als angemessen empfand, die nachfolgenden Generationen der RAF in diesen Zellen unterzubringen, "so viel kaputtheit kann sich ein einzelner gar nicht ausdenken". Die Aufnahmen verweisen auf mehr als eine Kulisse, einen Schauplatz oder gar Tatort. Hier zeigt sich die Architektur als das, was sie auch war: als Werkzeug und Waffe.

"Andreas Magdanz. Stuttgart Stammheim". Im Kunstmuseum Stuttgart bis zum 3. März 2013. Es erscheint ein Katalog zum Preis von 35 Euro.