7. November 2017, 18:59 Essays Mary und der Riesenhai

Die gesammelten Aufsätze und Rezensionen der Friedenspreisträgerin Margaret Atwood.

Von Franziska Augstein

Viele Bewohner kleiner Länder haben einen ausgeprägten, eigenen Humor. Er entsteht aus Hilflosigkeit und der Notwendigkeit, mit großen Nachbarn klarzukommen, weshalb man weder sie noch sich selbst ganz ernst nimmt. Kanada ist gigantisch groß, aber mit den mächtigen USA zu seinen Füßen betrachten viele Landeskinder sich eher als Zazie in der Metro denn als Captain Marvel. Letzteres gilt auch für Margaret Atwood, davon kündet die Sammlung ihrer Essays und Rezensionen, die anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in deutscher Übersetzung erschienen ist.

2003, nachdem die USA im Irak eingefallen waren, hat Atwood einen offenen "Brief an Amerika" geschrieben. Der tat naiv und war Ergebnis des Entsetzens, mit dem Atwood den Krieg und die Destabilisierung des Mittleren Ostens ansah: "Liebes Amerika (...) Obwohl wir hier nördlich des 49. Breitengrads einen Logenplatz haben, haben wir Dich nie ganz verstanden. Wir sind wie die Gallorömer - wir sehen aus wie Römer, ziehen uns an wie Römer, sind aber keine Römer -, die über die Mauer auf die echten Römer schauen. Was machen sie? Warum? Was machen sie jetzt?" Anlässlich ihrer Dankesrede nach Erhalt des Friedenspreises sagte sie: "Kanadier scheuen sich grundsätzlich, sich irgendetwas als persönlichen Verdienst anzurechnen. Wenn es heißt, wir hätten etwas gewonnen, werfen wir erst mal einen Blick hinter uns, um zu sehen, wer tatsächlich gemeint war."

Atwood ist Dichterin. Beim Dichten zählt jede Silbe. Ungezwungen-einfach aber wirkt ihre Prosa. Darin regieren die Gedanken, die Komposition und die Lust daran, die Leser zu unterhalten. Mehrmals in ihrem Leben hat sie erklären sollen, worauf es ihr beim Schreiben ankomme. Das ist für sie vertrackt, denn sie arbeitet ohne Netz, soll heißen: Sie arbeitet nicht auf Grundlage eines Konzeptes, sondern lässt einen Roman beim Schreiben sich entwickeln. Schriftsteller, meint sie, haben beim Verfassen von Romanen keinen "groben Plan", der dann nur noch "mit Figuren und Wörtern" koloriert werden müsse, "ähnlich wie beim Malen nach Zahlen".

Was soll es die Leser, die sich nicht als Romanciers versuchen wollen, angehen, wenn Atwood erklärt, wie sie schreibt? Die Antwort ist von grandioser Banalität: Was Atwood als "Flaschenpost" (ihr Wort) in die Welt setzt, ist interessant, weil sie etwas zeigt: Jeder Essay in diesem Sammelband führt den Lesern ein kleines Teilchen des Universums vor Augen, klug und unterhaltsam. Wer sich darauf einlässt, wird mitgenommen. Hilfreich dabei ist, dass die Texte alle sehr gut übersetzt sind - es gibt keinen Schleier zwischen der deutschen Sprache und dem, was Atwood sagen will. "Jede Fiktion", sagt sie, "beginnt mit der Frage Was wäre wenn? Inhaltlich variiert sie von Buch zu Buch: Was, wenn John Mary lieben würde, was, wenn er sie nicht lieben würde, was, wenn Mary von einem Riesenhai verspeist würde, was, wenn die Marsianer hier einfallen würden?"

Die Aufsätze handeln von den Unterschieden zwischen Männern und Frauen (wenn ein Mistkäfer "die unbefangene Neugier" von Wissenschaftlern verdiene, "warum dann nicht das etwas kompliziertere Studienobjekt, der menschliche Mann?"); von Büchern, die Atwood schätzt (sie hat nie Bücher besprochen, von denen sie nichts hält); von fremden Ländern und Geschichten. Am Ende steigt aus dem tiefen Wasser ihrer Welt eine Autorin, deren Verhältnis zu den Lesern mit Goethe gut beschrieben ist: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin." Nur dass Atwoods Leser nicht untergehen, sondern bereichert aus der Lektüre auftauchen.

Margaret Atwood: Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner. Berlin Verlag, Berlin 2017. 478 Seiten, 28 Euro. E-Book 24,99 Euro.