18. Februar 2013, 11:28 Dokumentation über Beyoncé Knowles Selbstbestimmt wie ein Handyfoto

Erst ihr Playback der Nationalhymne bei Obamas Inaugurationszeremonie, dann ein Auftritt in der Halbzeitpause der Super Bowl im Lack- und Lederoutfit. Pop-Superstar Beyoncé ist derzeit ohnehin überall. Nun hat sie auch noch eine Doku über ihr Leben gedreht.

Von Peter Richter, New York

Beyoncé Giselle Knowles-Carter, Jahrgang 1981, ist eine tüchtige Frau. In jüngster Zeit geht es einem mit ihr wie dem Hasen mit dem Igel. Wo immer man hinzappt, hat sie sich bereits warm getanzt. Bei der Inaugurationszeremonie zu Obamas zweiter Amtszeit, Nationalhymnen-Playback: Beyoncé. In der Halbzeitpause der Super Bowl im Football, Lack- und Ledershow: Beyoncé. Und jetzt der erste große Dokumentarfilm über das Leben und die Kunst von Beyoncé, Samstagabend zur Primetime ausgestrahlt im Bezahlsender HBO, wer hat den wohl gemacht? Hahahaa: Beyoncé natürlich!

Wer gedacht hat, dass Gesamtkunstkontrollfreaks Madonna heißen oder Gaga, der kennt Frau Knowles aus Texas nicht, die ganz normal gebliebene Superdiva von nebenan.

Eine gute amerikanische Journalistentradition mit dem Namen "Disclosure" verlangt nun, dass man gleich am Anfang eines Textes auf mögliche Interessenskonflikte hinweist. Der Autor befindet sich hier in einem solchen. Er bewundert Beyoncé Knowles, aber er schaltet normalerweise den Ton ab, sobald sie auftaucht. Eine rein private Abneigung gegen das, was heute R&B genannt wird. Frauen, die klingen wie Männer, denen beim Singen sanft die Hoden malträtiert werden, kann man mögen, muss es aber nicht. Andere Spielarten schmerzhafter, auch schwarzer Musik sind ihm näher.

Erst am Abend zuvor hatte er zum Beispiel den vermutlich genialen Gitarristen Tosin Abasi erleben dürfen - im Vorprogramm der schwedischen Rhythmusforschungsgruppe Meshuggah. Das fiepte also sowieso noch in den Ohren, als im Fernseher Beyoncé auftauchte. Andererseits: Was für eine herrliche, reiche Welt, in der das beides seinen Platz hat - steife, autistische Mannsbilder, die sich wie Käfersammler in ihre Instrumente hineinbeugen, und dann wiederum diese Aerobicshow von rasenden Mänaden.

Ganz schön viel Schenkel für das Geld

So ein HBO-Abo kostet übrigens nur acht Dollar im Monat, und das ist ein Witz, wenn man bedenkt, dass unmittelbar vor der Beyoncé-Doku auf dem Parallelkanal HBO2 noch die neueste Folge von "Girls" lief, wo Lena Dunham, die andere wichtigste Frau der amerikanischen Gegenwartskultur, schon wieder sehr viel Sex mit einem attraktiven Mann hatte. Lena Dunham ist sozusagen die Beyoncé der weißen Mittelschichts-Loser; sie ist auch Erfinderin, Hauptfigur und Regisseurin zugleich und zeigt in ihrer Serie das, was sie gern hätte, und weil es in der ersten Staffel Kritik an zu viel Sex und Nacktheit gab, heißt das in der zweiten Staffel: noch mehr Sex und Nackigkeit. Ätsch.

"Girls" und Beyoncés "Life is but a Dream" hintereinanderweg, das heißt am Ende vor allem: ganz schön viel Schenkel für das Geld, ob man will oder nicht. Völlig unbegreiflich von hier aus, was da neulich über die deutsche Brüderle-Debatte in der Zeitung stand; hier werden die Körperlichkeitsdiskurse jedenfalls noch einmal ganz, ganz anders geführt.

Der Film: Suburbia von Houston, Beyoncés dunkle Stimme erzählt von ihrem strengen, offenbar recht Peter-Graf-haften Vater, man sieht kleine Mädchen vor einem großen Haus, dann ein Schnitt und: Show von heute. Bühnenwind. Eine Deko aus digitalen Bienenwaben. Beyoncé ist natürlich die Bienenkönigin, die so tun darf, als sei sie hier nur die Stripperin, der man Dollarnoten in den Bikini schieben soll. Dann hält sie inne, sagt ihrem Publikum: "Jetzt bitte mal herhören!", und dann, Hohohohoohaa, eine dieser Vier-Oktaven-Koloraturen, mit denen sich der R&B so gerne als die Belcanto-Oper von heute ausgibt.

Es ist viel harte Arbeit zu sehen, Studioaufnahmen, Tanzproben, Tourmanager am Rande des Nervenzusammenbruchs, der Alltag eines perfektionistischen Hochleistungs-Unterhaltungsbetriebes. Ein paar Bilder aus der Zeit mit Destiny's Child, ein paar Bilder mit dem Privathubschrauber oder auf einer Yacht mit ihrem Ehemann Jay Z, dem Rapper. Dann: Plattenbosse, die beim ersten Hören rhythmisch mit den Köpfen vor- und zurückzucken, was an engagierte Hiphopper denken lassen soll, tatsächlich aber an Straßentauben erinnert. Und, besonders beeindruckend, die Rechennerds, die in riesigen Fabrikhallen, die digitalen Grafikeffekte basteln, aus denen Bühnenshows heute im Wesentlichen bestehen.

Ansonsten wird eigentlich nur von zwei Dingen erzählt, erstens kurz vom Bruch mit dem dominanten Vater, der die Tochter von klein auf für das Musikbusiness trainiert hatte; zweitens und ausführlicher von der Geburt ihrer Tochter, die, Weltpremiere, in dem Film schließlich erstmals kurz in die Kamera gehalten wird. Das Thema ist aber letztlich das gleiche: erst Emanzipation, Entfaltung weiblicher Wucht, schließlich sozusagen sogar deren Verdopplung: Die Schwangerschaft mit ihrer Tochter ist der einzige rote Faden, den der Film hat. Es gibt auch eine anrührende Passage, in der Beyoncé vom Scheitern einer vorangegangenen Schwangerschaft erzählt, und ihr Regieeinfall für solche Momente ist die Webcam ihres Computers, dem sie sozusagen vor dem Schlafengehen das Private beichtet.

Es ist dann erstaunlich zu sehen, wie lange sie trotzdem ihre akrobatischen Shows durchzieht. Aber in Amerika wird generell bis fünf Minuten vor der Entbindung gearbeitet, und zwei Wochen später geht es wieder los. Kaum ist das Mädchen da, sieht man Beyoncé mit ihrer Mähne wieder den Bühnenboden feudeln. Die Choreografen müssen etwas mit Hausfrauen und Porno im Sinn gehabt haben. Sie hat nicht viel mehr dabei an als eine minderjährige Bodenturnerin aus Rumänien, eher weniger, sie sagt: "Antreten und so hoch hinauswollen, wie es nur geht - das ist meine Philosophie", und sie singt "I was smart enough to make a million". Wie nennt sich so was? Bling Feminism?

Das, was einmal die Girls-Reihe war, bildet einen Keil, mit ihr an der Spitze, ansonsten ist es immer noch exakt so, wie das Siegfried Kracauer in "Ornament der Masse" über die amerikanischen Revuetänzerinnen der Zwanzigerjahre gesagt hat: Sie sind in ihrer maschinenhaften Präzision und geometrischen Aggressivität selbst eben nicht Erotik, sondern beschreiben nur ihre Stelle.

Gar nicht so schlimm wie erwartet

Jedenfalls konnten die Fans von Beyoncé Knowles lernen, dass sie von allen amerikanischen Superstars sicherlich der sympathischste, warmherzigste und unkomplizierteste ist. Der Autor fand die Musik am Ende gar nicht so schlimm wie erwartet, auch wenn unbegreiflich bleibt, warum der Gesang immer so gepresst sein muss, als ob die Künstlerin bei der Arbeit auf dem Klo hocken würde.

Und was das Ergebnis so eines filmischen Selbstporträts betrifft: Es ist ein bisschen wie mit den Fotos, die junge Mädchen gern auf Facebook von sich einstellen - mit Schmollmund, und der Arm, der das Handy hält, drückt gleichzeitig noch ein bisschen das Dekolleté nach oben. Das ist nicht unbedingt immer gelungen, das ist auch nicht unbedingt so sexy, wie es tut. Aber es ist immerhin sehr selbstbestimmt, und offensichtlich ist das Handyfoto aus dem gestreckten Arm nun einmal die Art, in der wir uns heute Bilder von uns selbst machen. Insofern war Frau Knowles nur mal wieder ganz vorne dran und oben dabei.