7. Februar 2013, 11:49 CIA über "Zero Dark Thirty" Nur den Willen brechen

"Ich werde dich zerbrechen. Noch Fragen?" In Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" foltern US-Agenten Gefangene. Seit Wochen wird über die Art der Darstellung gestritten. Wie CIA-Offizielle den Film bewerten.

Von Hubert Wetzel

Michael Hayden ist ganz entspannt. Pffft, macht die Cola-Dose, und der ältere Herr mit der Glatze schaut entschuldigend in die Runde. Dann beginnt der Film: "Ich bin nicht dein Freund", sagt eine Stimme. Sie stammt von einem Mann, der zu einem Gefangenen spricht. "Ich bin nicht hier, um dir zu helfen. Ich werde dich zerbrechen. Noch Fragen?"

Die Szene spielte sich vor einigen Tagen beim American Enterprise Institute in Washington ab. Die konservative Denkfabrik hatte zu einer Diskussion über Kathryn Bigelows Film über die Jagd auf Osama bin Laden gebeten und dazu drei besondere Gäste eingeladen. "Watching 'Zero Dark Thirty' with the CIA" lautete der Titel der Veranstaltung. Die Gäste waren: Michael Hayden, General a. D. und ehemaliger Direktor der CIA, John Rizzo, früherer höchster Jurist des Geheimdienstes, sowie Jose Rodriguez, ehemals Leiter des National Clandestine Service, jener CIA-Abteilung, die für Einsätze gegen al-Qaida und die Suche nach Bin Laden verantwortlich war.

Die Veranstaltung war gewissermaßen der konservative Beitrag zu einer Debatte, die Amerika seit einigen Wochen bewegt die bisher jedoch vor allem von der politischen Linken vorangetrieben wurde. Deren Vorwurf lautet: Bigelow zeige in ihrem Film die Misshandlung von Terrorverdächtigen in CIA-Haft. Zugleich deute sie an, dass Osama bin Laden nur gefunden werden konnte, weil Al-Qaida-Leute auf diese Weise malträtiert wurden. Dadurch rechtfertige die Regisseurin die Foltermethoden, zu denen die US-Regierung im Kampf gegen den Terrorismus gegriffen hatte.

Den drei ehemaligen CIA-Leuten, die einst maßgeblich für eben jene Foltermethoden verantwortlich gewesen waren, lag derartige Kritik fern. Hayden und seine früheren Mitarbeiter beharrten nicht nur darauf, dass durch die Anwendung körperlicher Gewalt gegenüber den Gefangenen wertvolle Erkenntnisse gewonnen worden seien, die die Zerschlagung al-Qaidas ermöglicht und das Leben vieler Amerikaner gerettet hätten. Auch den Begriff Folter - torture - wiesen sie von sich. Bei der Veranstaltung war durchweg von enhanced interrogation techniques die Rede, von "Befragungstechniken" also, die sich grob mit dem Euphemismus "verschärftes Verhör" übersetzen und beschreiben lassen.

Was die drei CIA-Männer an Bigelows Film störte, war weniger, dass darin gewaltsame Verhöre gezeigt werden. Stattdessen missfiel ihnen die Art der Darstellung. Die Geheimdienstler fühlten sich durch all das Blut und Urin, die Schläge, die Wasserkanister und Folterkisten, so könnte man sagen, falsch zitiert, zumindest aber missverstanden. So hätten die verhörenden Agenten zum Beispiel keineswegs nach Gutdünken draufhauen dürfen, versicherte Rizzo. Jeder Einsatz von Gewalt musste zuvor schriftlich beantragt, begründet und vom CIA-Direktor persönlich genehmigt werden. "Es lief immer so: Mama, darf ich?", sagte Rizzo. Das galt vor allem für die härteste Foltermethode, das Waterboarding, eine Art simuliertes Ertrinken.

Doch die Einblicke, die die drei Männer in das Folterprogramm gewährten, gingen weit über das bürokratische Beiwerk hinaus. Einmal ins Reden gekommen, breiteten sie die ganze gespenstische Logik aus, die den "verschärften Verhören" zugrunde lag. Zwei Dinge wurden dabei deutlich.

In die "Zone der Zusammenarbeit"

Zum einen: Die gewaltsamen Verhöre waren - anders als Bigelow es zeigt - keine plumpen Versuche, Informationen aus einem Gefangenen herauszuprügeln. "Wir haben während eines verschärften Verhörs niemandem jemals eine Frage gestellt, zu der wir die Antwort nicht schon wussten", sagte Hayden. Ein bemerkenswerter Satz. Die Gewalt diente dazu, den Willen des Gefangenen zu brechen, ihn, wie Hayden es in kältester Stasi-Sprache ausdrückte, von der "Zone des Widerstandes" in die "Zone der Zusammenarbeit" zu bringen. Erst dann begann das eigentliche und friedlich geführte Verhör, bei dem die CIA-Agenten etwas Neues erfahren wollten. War der Gefangene einmal "kooperationsbereit", so war er nur noch ein Informationsbehälter, den die CIA-Analysten über Monate hinweg je nach Bedarf vorführen lassen und erneut befragen konnten.

Zum Zweiten: Hayden und seine Männer wussten, dass das Folterprogramm moralisch und ethisch eigentlich inakzeptabel war. Sie waren weder dumm noch Sadisten. Zu rechtfertigen war die Gewalt gegen Wehrlose nur, wenn man strikt in den Kategorien des "Krieges gegen den Terror" dachte: Amerika führt Krieg gegen al-Qaida, und die CIA hat die moralische Pflicht, den Feind zu bekämpfen. Dann jedoch war das Foltern von Gefangenen geradezu ein Muss, um weitere Attentate zu verhindern und Leben zu retten. "Manchmal", so Hayden, "muss man Dinge unterlassen, die der eigenen Ansicht nach ethisch, legal und wirksam sind, weil die zweit- und drittrangigen Folgen eines solchen Handelns einen langfristig weniger effektiv machen."

Folgt man Hayden in dieser Logik, dann endet man bei einer erschreckenden Erkenntnis: Es braucht gar nicht viel, um Folter unter gewissen Umständen wie ein wirkungsvolles, legitimes Instrument aussehen zu lassen. Und es ist nur ein bisschen Moral, die verhindert, dass man zu diesem Instrument greift.

(Ein Video von der Veranstaltung finde Sie hier)