Gegen Ted Honderichs Buch „After the Terror“, das bei Suhrkamp erscheint, werden schwere Vorwürfe erhoben. „Philosophischer Judenhass“ ist nur einer von ihnen.
»Bezweifeln wir alles, was uns als scheinbar selbstverständlich angetragen wird.«
In der Jubiläumsreihe „40 Jahre edition suhrkamp“ ist in diesen Tagen die deutsche Ausgabe eines Buches erschienen, das bereits bei seiner Publikation in England und den USA eine heftige Diskussion auslöste. „After the Terror“ lautet der Originaltitel des Traktates, in dem der britisch-kanadische Philosoph Ted Honderich den Versuch unternimmt, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – um das Mindeste zu sagen – die Weltmoral neu auszubuchstabieren.
Der Gestus des Buches kommt dabei mit scheinbarer Naivität daher: Vergessen wir alles, was unsere ethischen und politischen Vorurteile uns bisher einflüsterten. Bezweifeln wir alles, was uns als scheinbar selbstverständlich angetragen wird. Misstrauen wir unseren vorschnellen moralischen Impulsen und fangen wir noch einmal ganz von vorne an. Und weil der solcherart stets direkt angesprochene Leser auf dieser Tabula rasa der Moralkritik allein auf sich gestellt vielleicht ein wenig orientierungslos sein könnte, nimmt ihn der analytische Philosoph Ted Honderich bei der Hand, um ihn Schritt für Schritt von der alleranfänglichsten philosophischen Prämisse bis zur ultimativen ethischen Maxime und Handlungsanweisung zu führen.
Was ist das gute Leben und was ist das schlechte, beginnt der Philosoph seinen Traktat, um über viele Zwischenstationen am Ende zu klären, wer für das Elend in der Welt verantwortlich ist (der Kapitalismus) und welche Formen der Revolte gegen dieses Elend, das schlechte Leben, moralisch legitim sind. Der Gestus des Buches ist von verblasener Selbstherrlichkeit, denn er simuliert rhetorisch eine permanente Überprüfbarkeit jeder seiner Argumentationsschritte, so dass alle jene, die am Ende Honderichs Klassenziel nicht erreicht haben, sich unterwegs irgendwann wider die Vernunft vergangen haben müssen.
»Antizionistisch ist dieses Buch gewiss.«
Doch diese gewissermaßen ästhetisch-rhetorische Kulisse seines Traktats war es natürlich nicht, welche in der angelsächsischen Welt eine heftige Debatte auslöste. Vielmehr war es sehr konkret eine der moralischen Schlussfolgerungen, die Ted Honderich aus seinen Meditationen zog: Dass nämlich die Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gegen Israelis moralisch gerechtfertigt seien. Es ist das Schlusskapitel seines Traktats, das in seiner Überschrift die leninistisch inspirierte Frage stellt: „Was zu tun ist“ – nämlich angesichts des schlechten Lebens. Tatsächlich ist es keine Frage, sondern gleichsam die Summe seiner vorherigen Moralreflexionen, die Honderich mit der Unerbittlichkeit einer philosophischen Registrierkasse zieht: „Diejenigen Palästinenser, die zu unvermeidlichen Tötungen als Mittel gegriffen haben, waren im Recht, zu versuchen, ihr Volk zu befreien; und diejenigen, die sich selbst für die Sache ihres Volkes getötet haben, haben sich in der Tat selbst gerechtfertigt.“
In der angelsächsischen Presse gab es höchst zwiespältige Reaktionen. Die einen warfen Honderich unverhohlenen Antizionismus vor. Die anderen stellten sich aus eher diskursstrategischen Gründen hinter ihn: Es dürfe nicht jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik intellektuell tabuisiert und gesellschaftlich geächtet werden. Die so sprachen, hatten sich aber weder auf die philosophisch-moralischen noch politischen Argumente Honderichs eingelassen.
Der Streit erreichte eine neue Erregungsstufe, als Honderich ankündigte, 5000 Pfund aus den durch das Buch erzielten Tantiemen der Wohltätigkeitsorganisation Oxfam zu spenden. Dazu muss man wissen: Honderich entstammt einer reichen kanadischen Zeitungsverlegerfamilie. Deren unmittelbarer Konkurrent, der Toronto Globe and Mail, griff in einem Leitartikel den Fall auf, verurteilte das Buch scharf und kritisierte die Spende an Oxfam. Daraufhin erst – so behauptet Ted Honderich – habe Oxfam die Spende zurückgewiesen. „Wir glauben“, erklärte Oxfam, „dass alle menschlichen Leben gleich viel wert sind. Wir lehnen jeden Akt von Gewalt ab.“
Von diesem Vorspiel scheint man bei Suhrkamp nichts gewusst zu haben. Und so erschien in diesen Tagen Honderichs Traktat wie ein Buch neben anderen in der Jubiläumsausgabe der „edition suhrkamp“. Am gestrigen Dienstag publizierte die Frankfurter Rundschau einen offenen Brief Micha Brumliks an den Suhrkamp Verlag. Brumlik ist Direktor der Fritz Bauer Instituts. „Philosophischer Judenhass“ ist sein Brief überschrieben, und Brumlik gibt darin seiner Bestürzung Ausdruck, wie Suhrkamp ein Buch habe publizieren können, das „Auslassungen über den Staat Israel und den Zionismus“ enthalte, die alles übertreffen, was Möllemann je über die Lippen gebracht habe. Es sei ein Buch, das „antisemitischen Antizionismus verbreitet, dabei die Ermordung jüdischer Zivilisten in Israel rechtfertigt und so – gemäß der strengen moralischen Logik des Autors Honderich – eben dies Tun auch zur Nachahmung empfiehlt.“
Natürlich gehört es zum Antisemitismus heutzutage dazu, dass er seinen Namen nicht nennt. Und auch Honderich behauptet in einer Fußnote der deutschen Ausgabe eigens, ein Befürworter der Gründung des Staates Israel zu sein. Wie auch immer: Antizionistisch ist dieses Buch gewiss. Und ob es den Sachverhalt des Antisemitismus erfüllt, kann man als Frage fast zurückstellen, weil sich sein Buch ohnehin als ein moralisch-intellektuelles Monster in Szene setzt.
»Für den Suhrkamp Verlag ist das alles nicht schön.«
Man folge dem analytischen Philosophen nur einmal in seiner Argumentation, in der er – im Gegensatz zu den palästinensischen Selbstmordattentaten – die Anschläge auf das World Trade Center verurteilt. Diese seien nur aus dem Grund moralisch zu disqualifizieren, weil die Attentäter absehbar Menschen töteten ohne jede Aussicht, dadurch das Problem des „schlechten Lebens“ in der Welt irgend lösen zu können. Während die palästinensischen Terroristen – so muss man supponieren – gerechtfertigt sind, weil sie ihr Ziel (den Unrechtszustand der israelischen Besatzungspolitik zu beseitigen) durchaus erreichen können. Die Rationalität, die hier menschliche Opfer mit prognostizierten historisch-politischen Entwicklungen verrechnet, trägt alle Züge von jener Robespierre’schen Selbstherrlichkeit und humanen Indolenz, die sich durch Mittel-Zweck-Abwägungen zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt. Der 11. September war irrational und darum zu verwerfen, palästinensische Selbstmordattentate dagegen „moralisch rational“, weil sie reelle Aussicht haben, ins Rad der Geschichte einzugreifen. Wohl dem, der in seiner Gewissensnot sich bei einer solcherart aufgeklärten Vernunft Rat, Trost und Ermutigung zu holen vermag.
Ist das Antisemitismus oder intellektueller Schmock (der ja oft seine moralisch monströse Seite hat)? Die erfolgreiche revolutionäre Tat schafft sich ihr eigenes Recht. Und da unsere „hierarchischen Demokratien“, diese „todbringenden Staaten“, durch Wahlen nicht zu reformieren sind, müssen andere Formen „massenhaften zivilen Ungehorsams“ greifen.Für den Suhrkamp Verlag ist das alles nicht schön. Doch erst Mittwochabend will man ein Statement abgeben. Besonders pikant: Der über jeden Verdacht erhabene Jürgen Habermas soll das Werk zur Publikation empfohlen haben. Nur so viel will der Verlag einstweilen dieser Zeitung sagen: „Hätten wir seinerzeit um die Diskussion in Amerika gewusst, hätte weder Habermas das Buch empfohlen noch der Verlag es publiziert.“
- Literaturdebatte Suhrkamp legt umstrittenen Titel nicht wieder auf
- Literaturdebatte Habermas verteidigt umstrittene Buchpublikation

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