KLAUS PODAK

SZ-Serie "Aufmacher" (XLII): Maximilian Harden - vielfältiger, eitler, widerspruchsvoller Mensch – und einer der gefürchtetsten und einflussreichsten Journalisten seiner Zeit.

Sein Name war Maximilian Harden, aber er hieß nicht so. Er war ein vielfältiger, eitler, widerspruchsvoller Mensch – und in der Kaiserzeit und anfangs der Weimarer Republik einer der gefürchtetsten und einflussreichsten Journalisten Deutschlands. Im Oktober 1861 wurde er in Berlin als Felix Ernst Witkowski ins Geburtsregister eingetragen. Harden, Maximilian, nannte er sich von 1876/77 an bis zum Tod in der Schweiz 1927. Aber er war auch „Kent“, „Apostata“, „Proteus“, „Theophil Zolling“ „Kunz von der Rosen“ – alles Masken, Pseudonyme, mit denen er jonglierte.

Das Naziblatt Der Angriff nutzte die Nachricht von seinem Tode noch mal zur Häme: „Maximilian Harden ist durch eine Lungenentzündung hingerichtet worden. Damit geht eines der gemeinsten und niederträchtigsten Individuen, die Deutschland an den Rand des Abgrunds gebracht haben, aus dem Zeitlichen heraus. (. . .) Wir bedauern am Tod dieses Mannes nur, dass er uns die Möglichkeit genommen hat, auf unsere Art mit Isidor Witkowski abzurechnen.“

Diese Art der Abrechnung war freilich schon geschehen – durch Mitglieder der Schwarzen Reichswehr. Kurt Tucholsky schrieb in der Weltbühne: „Am dritten Juli 1922 wurde Maximilian Harden auf offener Straße von einem früheren Oberleutnant angehalten und mit einem eisernen Gegenstand bearbeitet. Er erhielt acht Schläge auf den Kopf. Der Oberleutnant entfloh, sein Komplize, der Schmiere gestanden hatte, wurde verhaftet. Harden schwebte vierzehn Tage in Lebensgefahr.“ Dies und der anschließende Prozess, der zur Farce geriet, weil die politischen Hintergründe des Attentats verschwiemelt wurden, waren die Gründe dafür, dass Harden – verbittert und vorausschauend – in die Schweiz umzog. Journalismus, der den rechten Horden entgegentrat, war zur lebensgefährlichen Sache geworden.

Der einst bis in die USA berühmte Maximilian Harden ist heute so gut wie vergessen. Er kommt vor in den Büchern der Historiker, die uns die Zeit von der Jahrhundertwende bis Weimar aufblättern, meist im Zusammenhang mit Skandalen. Oder er erscheint als oft recht unangenehm daherkommende Nebenfigur in den Biografien oder Autobiografien anderer. Er hatte es verstanden, am Ende keine Freunde mehr zu haben.

Gleich in der ersten Nummer der von ihm gegründeten Wochenschrift Die Zukunft hatte Harden munter den Rest der Zeitungsmacher als ein Heer käuflicher Fälscher denunzierte, das „ein Millionenvolk verdummt und verderbt“. Da wollte er nicht mitmachen – deshalb wurde er ein Journalist Gnadenlos. Er verletzte nicht nur Feinde, deren Machenschaften er enthüllte, Harden stieß auch ihm Wohlgesinnte vor den Kopf, weil er Privates in die Öffentlichkeit zerrte. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus 1907 im Pamphlet Maximilian Harden. Eine Erledigung mit ihm ab. Natürlich irrte Harden sich mannigfach. Natürlich bedauerte er Irrtümer. Natürlich änderte er Überzeugungen, wenn seine Vernunft es ihm gebot. Aber am tief in ihm sitzenden Furor des Wahrheitsfanatikers änderte sich bis zuletzt nichts.

Seine Stärke war ein unheimliches Gespür für das, was die Zukunft (der Name seines Blatts war ja Programm) an Schrecklichem bereithalten könnte. Er hatte ebenso ein Gespür für das, was Rettung bringen könnte. Die Einigung und Einheit Europas zum Beispiel war nach dem Ersten Weltkrieg einer seiner Programmpunkte. Die respektvolle Bewunderung der Zeitgenossen für den nicht korrumpierbaren Journalisten galt einer Institution, nicht einem Menschen.

Entschiedenheit hatte Harden schon früh gezeigt. Der Vater, ein jüdischer Seidenhändler, zwang den Zwölfjährigen, vom Gymnasium abzugehen, um eine Kaufmannslehre zu beginnen. Der Sohn verließ einfach das Vaterhaus, machte sich auf den Weg zur Mutter, die in Trennung von der Familie lebte. Nun wollte er Schauspieler werden, begann eine Ausbildung, zog mit einer Wandertruppe los, trieb sich an Provinztheatern herum. Bald erkannte er selbstkritisch, dass ihm als Mimen die Nachwelt garantiert keine Kränze flechten würde – und entschloss sich, Publizist zu werden, zunächst als Theaterkritiker. Seine Artikel erschienen, zum Teil pseudonym, im Berliner Tageblatt, in der Nation, in der Gegenwart. Harden wurde langsam bekannt. Aber er wollte hartnäckig, obwohl immer noch Mitarbeiter von Theodor Wolff am Berliner Tageblatt, seine eigene Zeitung. Am 1. Oktober 1892, kurz vor seinem 31. Geburtstag, erschien die erste Nummer seines Wochenblatts Die Zukunft, im halben DIN A4-Format, 48 Seiten für 50 Pfennige, Auflage 6000. Hauptautor: selbstverständlich Maximilian Harden.

Endlich hatte der gescheiterte Schauspieler mit den vielen Namen sich selbst die ihm gemäße Bühne errichtet. Er war angekommen. Hier wurde auch die Farce aufgeführt, die als Eulenburg-Affäre in die Geschichte eingegangen ist: Harden, der Bismarck-Verehrer, mischte die Umgebung des Kaisers Wilhelm Zwo auf, beschuldigte die Hofkamarilla hinterhältiger Bereicherungsabsichten und verdächtigte den Kaiserfreund Fürst Philipp zu Eulenburg und Hertefeld der Homosexualität – ein Riesenskandal, gefolgt von Gerichtsprozessen, die in der genauen Schilderung des Reporters Hugo Friedländer (Interessante Kriminalprozesse. Ein Pitaval des Kaiserreichs) heute noch spannend zu studieren sind. Koryphäen wie Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld traten als Gutachter auf. Homosexualität wurde zum großen Thema.

Eulenburg wurde nicht verurteilt. Aber dem in dieser Geschichte nicht ganz anständig agiert habenden Harden war es gelungen, das Ansehen des Kaisers und seiner Höflinge nachhaltig zu erschüttern. Die Witzblätter überboten sich mit anzüglichen Cartoons. Die Eulenburg-Affäre war der Höhepunkt von Hardens in diesem Fall fast neurotischer Wahrheitsverfolgungsjagd. Sie verschaffte ihm Aufmerksamkeit – es war Kampagnen-Journalismus der härtesten Sorte. Ob wir ihn als Vorbild ansehen sollen, das ist sehr die Frage – seine Unbeugsamkeit aber, seine Unabhängigkeit, seine wache Witterung für Probleme des Kommenden, das sind Eigenschaften, die ihm doch einen Spitzenplatz in der Geschichte der schreibenden Zunft sichern.

SZ v. 22. September 2003

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