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Von T. Haberkorn

Die neue französische Revolution: Immer mehr Angestellte begehen Selbstmord - weil sie das knallharte Geschäft nicht ertragen und herkömmlicher Protest im Land der Revolte nicht mehr zieht.

selbstmorde unter französischen angestellten afp  Grossbild

France-Telecom-Mitarbeiter protestieren am 28. September gegen ihren Arbeitsgeber, nachdem der neuerliche Selbstmord eines Kollegen bekannt wurde. Es war der 24. innerhalb von zwei Jahren. (Foto: afp )

Arbeitskämpfe und soziale Konflikte wurden in Frankreich stets mit größerer Vehemenz ausgetragen als hierzulande. Die Protestkultur der Franzosen folgt dabei einer Logik des Kräftemessens: Demonstrationen und Streiks, sei es von Lokführern, Studenten oder, wie in der vergangenen Woche, von Postangestellten, dienen zunächst einmal dazu, dem Gegner (in der Regel einem zu Kürzungen gewillten Geld- oder Arbeitgeber) die eigene Macht vor Augen zu führen.

Sie münden nicht selten in eine Blockadehaltung, die das sachliche Verhandeln noch erschwert, gleichzeitig aber die Geschlossenheit der eigenen Gruppe zementiert und oft zu beachtlichen Erfolgen führt. Große Teile der Bevölkerung tragen diese "Politik der Straße" mit und solidarisieren sich mit den Demonstrierenden, wenn deren Anliegen mit den Grundfesten des französischen Sozialstaats verknüpft ist.

In letzter Zeit wird die französische Öffentlichkeit mit einer verstörenden Form des Protests konfrontiert, die Politiker und Firmenchefs in immer größere Verlegenheit bringt. Die Berichte über Selbsttötungen am Arbeitsplatz reißen nicht ab. France Télécom, sechstgrößtes Unternehmen des Landes, wird von einer Suizidserie heimgesucht.

Am Montag stürzte sich ein Callcenter-Agent nahe Annecy von einer Brücke, nach Polizeiangaben hinterließ er einen Brief mit Anschuldigungen gegen seinen Arbeitgeber. Zwei Wochen zuvor sprang in der Pariser Konzernzentrale eine Angestellte, die am selben Tag über Umbesetzungen in ihrer Abteilung unterrichtet worden war, aus dem Fenster. In ihrem Abschiedsbrief schrieb die 32-Jährige, sie wolle eher sterben, als unter ihrem neuen Chef arbeiten. Wenige Tage zuvor hatte sich ein Techniker des ehemaligen Staatskonzerns vor Kollegen ein Messer in den Bauch gerammt. Er überlebte den Suizidversuch und sagte später, er habe mit seiner Aktion gegen die Arbeitsbedingungen demonstrieren wollen.

Wie ein makabrer Protestschrei nimmt sich der öffentliche Abschiedsbrief eines Mitarbeiters aus, der sich im Juli das Leben nahm: "Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund: permanenter Druck, Arbeitsüberlastung, fehlende Weiterbildung, Desorganisation des Unternehmens, Terrormanagement."

"Terrormanagement"

In den vergangenen 18 Monaten kam es zu 24 Selbstmorden in der Belegschaft des Ex-Monopolisten, acht davon allein seit Anfang Juli. Gewerkschaftler prangern Stress und schlechten Führungsstil an, die Konzernleitung wies jede Verantwortung aber lange von sich. Es handle sich um menschliche Dramen und Einzelschicksale, und bei rund 100 000 Mitarbeitern liege die Zahl der Selbstmorde noch unter dem nationalen Durchschnitt.

Das Argument verfängt nur teilweise, da Risikogruppen wie Arbeitslose, Heranwachsende und alte Menschen die landesweite Suizidrate anheben. Unter den Opfern von France Télécom befanden sich aber auch leitende Angestellte, deren Arbeitsplatz nicht akut bedroht war. Konzernchef Didier Lombard sprach schon von einer "Selbstmord-Mode" und musste sich öffentlich für diese Wortwahl entschuldigen, nachdem ihn Arbeitsminister Xavier Darcos zum Rapport bestellt hatte.

Der Staat ist mit 27 Prozent noch immer größter Aktionär von France Télécom, 60 Prozent der Beschäftigten sind verbeamtet und begannen zu Zeiten, als die Bereitstellung von Telefonanschlüssen einen Dienst an der Allgemeinheit darstellte und kein knallhartes Geschäft.

Die Suizidfälle beschränken sich allerdings nicht nur auf France Télécom, wo man alle Umstrukturierungsmaßnahmen bis Ende Oktober gestoppt hat und, nach Worten Lombards, nach einem neuen "contrat social" für das Unternehmen sucht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie die Politik reagiert.

  • In diesem Artikel:
  1. Sie lesen jetzt: 1 Verstörender Protest
  2. 2 Ohnmacht und Revolte

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Leserkommentare (8)



30.09.2009 18:01:01

TantePolly1:

Da fehlt nur noch der Zusatz, dass auf diese Weise (Suizid) wieder einige Arbeitsplätze frei werden... .

Ja, das alles ist erst der Anfang, an dessen Ende in der Tat Bürgerkrieg stehen wird.

Interessant ist übrigens der Hinweis darauf, dass viele der Selbsttöter aus den früher staatlichen und nun privatisierten Arbeitsbereichen kommen. Das sollten sich gefälligst mal die neoliberalen Befürworter einer solchen allmählichen Staatsentmachtungstendenz in einer stillen Stunde klar machen.

Andererseits: Selbst das wird sie nicht weiter jucken, zu groß ist die Gier. Und Gier ist immer was, das man verachten und bekämpfen sollte, denn sie ist asozial.


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