CLAUS-HEINRICH MEYER

SZ-Serie "Aufmacher" (XLV): Theodor Heuss, Bohemien aus Schwaben

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Theodor Heuss? Wer war Theodor Heuss? Ferne, löchrige Ahnungen. Bundespräsidenten haben etwas von Meteoriten, sie leuchten auf in einer kurzen „Amtsperiode“ (fünf Jahre), längstens einer zweiten – danach verglühen sie im kollektiven Gedächtnis, die republikanischen Staatsoberhäupter. Würdevoll sollen sie sein, schön weißhaarig. Aufrüttelnde Reden sollten sie halten können, in feinem Deutsch. Theodor Heuss schien der geborene Ersatzmonarch zu sein in der „Bonner Republik“. Heuss hat das Amt überhaupt erst konturiert, gleichsam mit erschaffen als einer der Verfassungsgebenden „Väter“ des Grundgesetzes, 1949. Man wollte eine stabile Demokratie und der mächtigste Mann sollte nicht ein „Präsident“ sein (nach Hindenburg ff. hatte man die Nase voll von Präsidenten), sondern der jeweilige Bundeskanzler. Der Zweite sollte der Erste sein. Und das erste Alphatier war Konrad Adenauer.

Die Rollen schienen gut verteilt. Hier das Land, das Volk, vielfach apostrophiert als „die junge Bundesrepublik“. Unsicher. Demokratie ein Fremdwort. Dabei fleißig „aufbauend“ und ebenso fleißig verdrängend, in welcher Weise man mitschuldig gewesen an den Trümmerbergen ringsum, am Rassenwahn und an Hitlers Eroberungskriegen.

Dort? Nun, man hatte das unverschämte Glück, dass ein solches „Gespann“ voran ging, ein Gespann, das in Wahrheit keines war. Einerseits ein autoritativer Kanzler, welcher die Sehnsucht nach „starker Führung“ auf sich zog. Anderseits Theodor Heuss, Bundespräsident, welcher nicht nur habituell Antipode zu sein schien. Ein Mann der gebildeten Bürgerlichkeit, orgelnd sein schwäbelnder Bass, als Erscheinung zweifellos „väterlich“ und zweifellos auch eine erwünschte Wiederherstellung des anständigen, gebildeten Deutschen, nachdem man sich den unanständigen, ungebildeten Nazis so willfährig an den Hals geworfen hatte.

Man sollte die Situation der Jahre 1949 bis 1959 flüchtig rekapitulieren, um den tieferen Heuss wiederzuentdecken. Es schien ihn öffentlich kaum zu geben, in seiner Amtszeit nicht und nicht in der Nachspielzeit. Heuss wurde reduziert – verkitscht, wie er klagte –, auf präsidentielle, „gemütliche“ Bonhomie, auf den Landesvater; im tiefsten Inneren jedoch war er leidenschaftlich, ungemütlich, jähzornig, schroff. Hasste Staatsschauspielerei, empfand sich insgeheim als „Staatssklave im Frack“ – und war, was die Weggefährten wussten: ein Intellektueller, Schriftsteller – ein Journalist.

Heuss besaß alles, was einen vorzüglichen Journalisten auszeichnet, gleichsam von Jugend an. Fremde Sachgebiete rasch und gründlich sich anzueignen war ihm ein leichtes. Genaue Beobachtungsgabe, lebenslang wach gehalten durchs geliebte Zeichnen. Sein Sprachgefühl fein und nuancenreich. Schreiben? Die Wörter gehorchten ihm. Die Äußerungslust war grenzenlos. Am Tage seines Abiturs, 1902, erschienen in beiden Heilbronner Zeitungen Leitartikel aus seiner Feder, der Verfasser war sechzehn. Und wie uns scheint: ein wenig altklug.

Aber der hochbegabte junge Mann, 1884 als Sohn eines Straßenbauingenieurs in Brackenheim geboren, war durchdrungen von unbändigem Bildungs- und Aufstiegswillen; seine Lesewut kannte keine Grenzen, seine Gier auf „das Neue“ auch nicht. Er spürte es in der Bildenden Kunst, in den Bildern von Hodler und Munch, in dem anschwellenden Gegensatzpaar Großindustrie/Proletariat, in der Gestalt seines Vorbildes, Freundes und Förderers Friedrich Naumann, einem bedeutenden liberal-sozialen Politiker. Außerdem baute sich vor ihm auf ein unbekanntes Wesen, genannt: „Das zwanzigste Jahrhundert“. Gewiss hat bei Heuss’ Ansturm auf Bildung jeglicher Art auch mitgespielt, dass er auf dem Humus einer ihn verpflichtenden schwäbischen Dichter- und Geisteslandschaft gedieh. Fotos aus den Tagen vor dem ersten Weltkrieg zeigen einen selbst inszenierten, koketten Bohemien.

Das publizistische Leben des Theodor Heuss ist atemberaubend. Im Jahr 1905, soeben hat er in München promoviert, holte ihn Naumann als zweiten Redakteur (für 150 Mark) zur Zeitschrift Die Hilfe. Achtundzwanzigjährig, 1912, wurde er Chefredakteur der Neckarzeitung in Heilbronn („württembergisches Kulturblättchen, darauf alle Pfarrer abonniert waren“, erinnerte sich Elly Heuss-Knapp). Heuss schrieb Leitartikel zum Kriegsanfang (1914), zur militärischen und politischen Lage; wobei man sich das Zeitungsmachen jener Tage und an jenem Ort als idyllisch vorstellen sollte, so Hermann Rudolf in seiner Heuss-Biografie: „. . . ein Zwei-Mann-Betrieb, bei dem sich Chef- und Lokalredakteur an einem Doppelpult gegenüber sitzen und der Chefredakteur zugleich das Feuilleton leitet . . .“ Dies geschah jedoch nicht, ohne dass Heuss nebenher die Kulturzeitschrift März redigierte, herausgegeben von Hermann Hesse und Ludwig Thoma. Der junge Heuss mittendrin.

Er wechselte 1918 abermals nach Berlin, dozierte an der Hochschule für Politik, schrieb kleine Porträts und größere Bücher, darunter das warnende Hitlers Weg. Der Polyhistor und Homme de Lettres war anderseits Politiker, Reichstagsabgeordneter der liberalen Deutschen Demokratischen Partei und beging in dieser Eigenschaft und in einer äußerst verzwickten Konstellation die einzige große Sünde seines Lebens, was ihm auch sogleich bewusst war: Er stimmte für Hitlers „Ermächtigungsgesetz“ .

Gleichwohl war Heuss den Nazis nicht geheuer. Vom Schreiben, streng beobachtet, musste er nun leben (und wäre ohne die Werbetexterkünste seiner Frau Elly Heuss-Knapp schier verhungert). Heuss verfasste Biografien (Naumann, Hans Poelzig, Justus von Liebig), historische Miniaturen und Feuilletons für die Frankfurter Zeitung, dies und das – eine kaum fassbare Fülle. Heuss, darin Journalist durch und durch, war sich nicht zu schade, das Kleine groß zu sehen und jeden Gegenstand für betrachtenswert zu halten. Gebrauchsprosa. Heuss schrieb eine beispielhafte Kostprobe über die Schwäbische Küche. Er hat in Wilhelm Busch den Satiriker erkannt, Mussolini als einen tausendfach vergrößerten Wilhelm Zwo apostrophiert (1927). „Lesbar“ und anregend ist Heuss’ untergetauchtes Oeuvre allemal. Einen Spleen darf man nicht übergehen: Heuss und die Stenografie. Kurzschrift beherrschte er aus dem Effeff. Einmal (1925) hielt er eine witzige Rede im Reichstag über den Glaubenskampf der Systeme Gabelsberger und Stolze-Schrey. Der Bundespräsident Heuss war dann wohl prädestiniert, die Bonner Parlamentskorrespondenten das Fürchten zu lehren, da er sich wiederholt nach ihren Stenografiekenntnissen erkundigte – den nicht vorhandenen.

Heuss, der Journalist, Schriftsteller, Politiker ist aufgestiegen zu den jeweils höchsten Weihen. Aus dem freien Mitarbeiter wurde der Verleger der Rhein-Neckarzeitung in Heidelberg, 1945. Etwas später, was (fast) alle wissen, Staatsoberhaupt. Einerseits wurde er damals mitunter richtig ausgeleuchtet, etwa in einer Bildbiografie von Hermann Proebst, seinerzeit Chefredakteur dieser Zeitung. Andererseits aber war es auch eine Zeit des Missverstandenwerdens. Als er das Amt ablegte, 1959, als der Chor der penetranten „Papa-Heuss“-Rufer nicht verstummen wollte vor der Redoute in Godesberg, verschaffte er sich einmal Luft: „Halts Maul“, gab er grob zurück.

SZ v. 13. Oktober 2003

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