Von Hanns Zischler

Wanderer zwischen den Welten: Wim Wenders zum sechzigsten Geburtstag.

Wenders, AFP

Wim Wenders bei den Filmfestspielen in Cannes. (Foto: AFP)

Die Schwere-Reiter-Straße im Münchner Norden, im Morgengrauen. Schwarz-weiß wie die Erinnerung. Winter 1967? Ein Filmstudent schiebt einen beigen Deux Chevaux langsam und nahe am Trottoir entlang, ein anderer sitzt am Steuer, in der Mitte des kleinen Autos ragt aus dem zurückgeschlagenen Dach ein Stativ mit einer 16mm-Kamera, hinter ihr steht Wim und sagt mir, ich solle mich immer ungefähr in Bildmitte bewegen.

Ich trage einen sehr schweren, offenen Wintermantel, an meiner rechten Seite baumelt eine Maschinenpistole. Ich taumle wie ein angeschossener Gangster aus einem Film noir um diese virtuelle Mitte und weiß, dass mein Kopf nicht im Bild sein wird. Wir drehen die Einstellung ein einziges Mal, will mir die Erinnerung einreden. „Same Player Shoots Again“ heißt der Film, nach den blinkenden Leuchtanzeigen auf dem Flipperautomaten, damals das schönste mechanische Kneipenspielzeug. Als es hell ist, sind wir fertig. Levitation des Morgens.

Man lief sich damals häufig und absichtslos über den Weg, zwischen Schwabing und der Maxvorstadt. In München strömten aus der neugegründeten Filmhochschule die Studenten des ersten Jahrgangs in die belebte Türkenstraße, in der neben einigen Antiquariaten, Cafés und Wirtshäusern das Türkendolchkino war, neben anderen kleinen Lichtspielhäusern in der Umgebung (Isabella, ABC, Theatiner).

Die Straßen nördlich der Uni wiesen damals noch keinerlei Symptome konsumistischer Aufblähung auf. Aus der Akademie der Künste mischten sich aktionistische Künstler dazu, ich selbst kam aus eher entlegenen Bereichen der Universität – Musik und Ethnologie – auf der etwas ziellosen Suche nach einem Studium, das sich langfristig als unabschließbar erweisen sollte.

Unerhörtes Neuland

Seltsam an dieser Mischung erscheint mir im Rückblick die ungewöhnliche Leichtigkeit, mit der Wünsche der Filmer zu Bildern wurden. Es gab keine unmittelbaren, nur ganz große, entrückte, meist amerikanische Vorbilder. Die Produktionsmittel standen bereit. Warum nicht zugreifen? Und Wim, Bernd Schwamm, Gerhard Theuring, Urs Aebersold und Mathias Weiss betraten unerhörtes Neuland.

1969 werden Wim und ich in dem gottverlassenen fränkischen Dorf Büttelbronn Zeugen der fernsehgestützten Mondlandung.

Im nassen Frühjahr 1971 riskiert Wim mit seiner Abschlussarbeit einen sehr langen Film: „51st Anniversary” sollte er zunächst heißen, nach einem Stück oder einer Platte von Jimi Hendrix, glaube ich, später wird er unter einem Song der Kinks firmieren: „Summer in the City“.

In nur sechs Tagen, den Werktagen einer einzigen Woche, drehen wir die ersten drei Tage in München, die restlichen drei in Westberlin – und selbst im Flug in meine schon neue Heimat Berlin wird die Beaulieu aufgezogen. Im Gegenlicht der Erinnerung sehe ich in der Münchner Einsteinstraße die Künstlerin Edda Köchl, damals Wims Freundin, an einem Frühstückstisch mit mir sitzen.

Lange Fahrten eines aus dem Gefängnis Stadelheim frisch entlassenen jungen Mannes durch nächtliche Straßen, aber vielleicht hat die Zeit die Bilder abgedunkelt. Helmut Färber berichtet in einer Münchner Wohnung von einem Wunder der Filmgeschichte: „Three Godfathers“ von John Ford – ich höre ihm zu, doch dann vergessen wir den Gegenschuss. Wir holen ihn in meiner Wohnung in Berlin nach.

Aus dem akustischen Jenseits

Visions and Revisions. Zu den Kinks treten, vermutlich ganz unvorbereitet, in Berlin die schwindelerregenden ersten Takte aus dem 4.Satz von Mahlers 9.Sinfonie. Libgart Schwarz ist von dieser Musik wie umstellt.

Die Schallplatte hatte ich kurz vorher gekauft. Draußen, vor meiner Wohnung in der Lietzenburgerstraße, die Neonschilder einer Tankstelle mit dem prophetischen Namen Amoco, längst verschwunden. Namen von Straßen, Produkten, Landschaften suchen Wim immer wieder heim, er fühlt sich von ihnen angezogen, sie werden in seinen Filmen zu Passbildern der Orte. Irgendetwas war mit dem Ton schief gegangen.

Die Stimmen waren kaum brauchbar, drangen wie aus einem akustischen Jenseits herein. Wim entscheidet sich, die Takes nicht zu synchronisieren, sondern mit einer indirekten, nacherzählenden Rede zu legieren. Ich schaue und höre mir selbst zu, wie das ,Erlebte‘ im Echo der Erinnerung verdoppelt wird. „Wenn ich mich des Genusses erinnere, genieße ich“, zitiert Derrida Jean-Jacques Rousseau. In dieser Zeit fing ich an, zu übersetzen.

Vier Jahre später, unsere Wege waren inzwischen weiter auseinander gelaufen, brechen wir im Juli und August 1975 zur großen Reise auf, vom Norden Deutschlands in den Süden – mit einer kleinen, gewissermaßen romantischen Abschweifung an den Rhein.

„Im Lauf der Zeit“. Reise entlang dessen, was damals schier unverrückbar „Zonenrandgebiet“ hieß. Ein Film, in dessen ruhiger, unaufhörlicher Bewegung der Fahrten – Lastwagen, Auto, Zug, Motorrad – das Kino sich selbst abbildet. Hinter der privaten Geschichte zwischen Lisa Kreuzer, Rüdiger Vogler und mir tritt nach und nach immer deutlicher das Röntgenbild eines gewesenen Deutschland hervor. (Weitere fünfzehn Jahre später werde ich mit Godard in „Allemagne Neuf Zéro“die damals unerreichbare Seite des Zonenrandgebiets erkunden.)

Wieder war es das kleine Team, die wie selbstverständliche organische Arbeitsteilung während der sechs Wochen, die den Film förmlich imprägniert haben: Robby Müllers Kamera, Martin Müllers Ton, die sanft vorantreibende Musik, die Wims unangestrengt gefundenen Bildräumen eine bemerkenswerte Haltbarkeit und Elastizität verleihen.

Belebend die grafische Schattierung des Schwarzweiß-Materials. Mit diesem Film hat er mir das Metier des Filmschauspielers ein für alle Male geöffnet. Dafür danke ich ihm. „Im Lauf der Zeit“ ist auch ein Abschied fast von einer bestimmten Möglichkeit, aus sehr überschaubaren Verhältnissen einen großen Film zu machen. Verschwundene Konjunktion. Nach diesem Film macht Wim den bis dahin nur geträumten Schritt von unserer in die Neue Welt. Wanderer zwischen den Welten ist er seither. Glück auf!, wie man in seiner Heimat sagt, zum Geburtstag am Sonntag.

Hanns Zischler hat Derridas „Grammatologie“ übersetzt, erforscht Kafka und das Kino und ist international als Schauspieler gefragt – zur Zeit dreht er mit Spielberg in Budapest „Munich“.

(SZ vom 13.8.2005)

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