sueddeutsche.de: Wie viel Zeit bleibt der gedruckten Zeitung noch?
Rosen: Qualitätszeitungen wie New York Times, Washington Post und Wall Street Journal oder der Guardian in Großbritannien werden uns wohl erhalten bleiben. Aber eben nicht als "Zeitungen", sondern als Nachrichtenorganisationen, die viele Dinge tun werden und nur gelegentlich Papier bedrucken.
sueddeutsche.de: Könnten Subventionen der drohenden Erosion des Qualitätsjournalismus entgegenwirken?
Rosen: Die moderne Presse ist ja bereits subventioniert. Lange Zeit war der Nachrichtenteil durch Werbeanzeigen subventioniert, niemand zahlte also den vollen Preis für das Nachrichtenangebot. Inzwischen erlebt die Werbewirtschaft einen derart dramatischen Wandel, dass auch die Subvention durch Werbung bedroht ist. Ich rate daher jedem, der sich um die Qualitätspresse Sorgen macht, auf die Suche nach jeglicher Form der Förderung zu machen, die es gibt. Natürlich ist jede davon mit besonderen Problemen und Unwägbarkeiten behaftet, und manche werden sich als unpraktikabel herausstellen.
»Qualitätszeitungen werden uns wohl erhalten bleiben«
Jay Rosen
sueddeutsche.de: Sehen Sie auch den Staat in der Pflicht?
Rosen: In den USA wäre eine staatliche Alimentierung ein Desaster. Unsere Erfahrung mit dem öffentlichen Rundfunksystem PBS lehrt uns, dass die Republikanische Partei bei staatlicher Subvention diese Art der Finanzierung politisieren und der Presse eine linke Befangenheit vorwerfen würde. Das würde keine Woche dauern. Aber es gibt ja auch noch Stiftungen, die finanziell viel stärker sind als der Staat, und auch der Non-Profit-Sektor ist riesig. Trotzdem sind reiche Leute, die ein Problembewusstsein dafür haben und es sich leisten können, Geld zu verlieren, manchmal die beste Lösung. Praktisch alle politischen Magazine in den USA finanzieren sich so.
sueddeutsche.de: Aber in einigen Ländern scheinen staatliche Zuwendungen ja trotzdem zu funktionieren.
Rosen: In Skandinavien vertrauen die Menschen dem Staat mehr, weshalb staatliche Subventionen dort offenbar eine Option darstellen – aber auch nur, solange sich die Regierung aus dem Nachrichtengeschäft raushält. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir allen Wegen folgen müssen, um zu sehen, wohin sie führen. Wir sollten keine Möglichkeit auslassen. Dafür brauchen wir eine Menge Leute und Ideen, um viele unterschiedliche Dinge auszuprobieren. Und wir brauchen neue Leistungsfähigkeiten genauso wie neue Finanzierungsmodelle – oder, wie man in Amerika sagen würde: 'New players, new instruments, new melodies, new beats.’
Jay Rosen, geboren 1956 in Buffalo/New York, ist Professor für Journalismus an der New York University und betreibt seit fünf Jahren das führende Journalismus-Blog PressThink, das 2005 mit dem Freedom Blog Award von "Reporter ohne Grenzen" ausgezeichnet wurde. Rosen bloggt außerdem regelmäßig für The Huffington Post und gründete im Juli 2006 NewsAssignment.Net, eine Open-News-Plattform für Amateurschreiber und professionelle Journalisten, die unter anderem von der Nachrichtenagentur Reuters mit 100.000 Dollar gefördert wird. Rosen ist Beiratsmitglied der Enzyklopädie Wikipedia und Autor des Buches "What are Journalists for?" (1999), das sich mit der Ausbreitung des Bürgerjournalismus beschäftigt.
(sueddeutsche.de/ehr)
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