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"Bis vor kurzem gaben die Reaktionäre den Ton an"
Interview zur Zukunft des Journalismus (9)
13.03.2008, 8:59
"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.
sueddeutsche.de: Mr. Rosen, in Deutschland streiten sich Zeitungsverlage und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten derzeit über die Ausbreitung der Online-Aktivitäten gebührenfinanzierter Sender. Was halten Sie davon?
Jay Rosen: Die Zeitungsverlage haben natürlich Recht, wenn sie darin eine Wettbewerbsverzerrung sehen. Aber wenn sie schon so etwas aufregt, haben sie wahrscheinlich nicht das Zeug dazu, gute eigene Online-Angeboten anzubieten.
sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zu der verbreiteten Strategie, bekannte Zeitungsmarken auf das Internet auszuweiten?
Rosen: Anfangs haben Verleger im Netz nur eine Möglichkeit gesehen, ihr schon vorhandenes Produkt weiterzuverwerten: die gedruckte Zeitung. Sie nahmen also die Zeitung und stellten sie eins zu eins ins Internet. Das war in den USA von etwa 1996 bis 2004 übliche Praxis. Aber das Netz ist ja bekanntlich flexibel und kann viele Sachen. Als die Zeitungsverleger das Internet also baten, ihrer alten gedruckten Zeitung eine zweite Heimat zu geben, antwortete es: Okay, Boss! Und das hieß dann schmissig: die Marke auszubauen. Doch unterm Strich war es eine Verweigerung, sich auf die neue Plattform wirklich einzulassen.
sueddeutsche.de: Was bedeutet es denn, sich auf das Internet "einzulassen"?
Rosen: Wer sich im Netz engagieren will, muss zuerst fragen: Was kann das Internet überhaupt? Aber das passierte in den USA bis vor drei oder vier Jahren kaum. Erst dann wurden die Web-Auftritte der Zeitungen plötzlich interaktiver, verlinkten sich mit dem Rest der Online-Welt, ermutigten ihre eigenen Leute, zu bloggen und mit dem "gegenläufigen Publizieren" zu beginnen, sprich: zuerst fürs Netz zu produzieren und daraus dann das beste Material herauszufiltern, um es später zu drucken. In Deutschland ist eigentlich nur ein Unternehmen auf der Höhe der Zeit, was diese Strategie angeht: Burda. Und das auch nur wegen eines Mannes: Hubert Burda, der bereit ist, voraus zu denken und sich ständig weiterzubilden.
Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, wie das Web 2.0 den professionellen Journalismus verändert.
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