Interview: Susan Vahabzadeh

Wim Wenders hat wieder einen Spielfilm gedreht. „Land of Plenty“ heißt er. Es geht - wie so oft bei diesem Regisseur - um Amerika. Gezeigt wird jedoch kein Land der Verheißung, sondern eines, "in dem Angst und Paranoia an der Tagesordnung sind."

Ich glaube, ich habe noch nie einen Film gemacht, der sich so explizit an politische Zusammenhänge heranwagt. (Foto: ddp)

Wim Wenders ist sehr produktiv zur Zeit – im vergangenen Jahr hat er seinen Film „The Soul of a Man“ bei den Filmfestspielen in Cannes vorgestellt, sein nächster, „Land of Plenty“, wird vielleicht in Venedig zu sehen sein.


» Die Geschichte habe ich in drei Tagen geschrieben. «

SZ: Seit „Soul of a Man“ in Cannes lief, ist ja einiges passiert – damals haben Sie gesagt, Sie würden gerne wieder einen Spielfilm drehen, inzwischen sind Sie fast fertig.

Wenders: Damals habe ich aber noch gedacht, ich würde im Sommer 2003 mit Sam Shepard „Don’t Come Knockin’“ drehen – aber in Europa lag ja wirtschaftlich einiges im Argen, und dann hat die Finanzierung nicht ganz geklappt. Also habe ich ihn auf dieses Jahr verschieben müssen – und mit der Zeit wollte ich etwas anfangen. Und zwar keinen Dokumentarfilm. Dann passierte etwas Spontanes – das ist mir oft passiert in meiner Karriere, dass etwas nicht geklappt hat, und dann habe ich sehr spontan etwas anderes gemacht.

SZ: Ist das eine Legende oder haben Sie das Drehbuch zu „Land of Plenty“ – das ist der Film, den Sie spontan gedreht haben – wirklich in drei Wochen geschrieben?

Wenders: Die Geschichte habe ich in drei Tagen geschrieben. Und die Drehbuchfassung habe ich dann – zusammen mit Michael Meredith – in der Tat in drei Wochen geschrieben. Und gedreht haben wir auch nur drei Wochen. Das ist eine Geschichte über ein politisches Klima in Amerika – über zwei Menschen, die dieses Amerika exemplarisch erleben, ein Amerika, in dem Angst und Paranoia an der Tagesordnung sind, ein Land, in dem große Armut herrscht. Eine Stadt wie Los Angeles – in der ich ja lebe – hat unter anderem auch den Titel „Hunger Capital of America“. Ich wollte wissen, was das heißt, wie Überfluss und Mangel zusammenhängen. Ich glaube, ich habe noch nie einen Film gemacht, der sich so explizit an politische Zusammenhänge heranwagt. Aber das brannte mir auf den Nägeln, diese Unbehaglichkeit in Amerika zu artikulieren.


» Eigentlich habe ich ein gebrochenes Verhältnis zur Vergangenheit im Kino. «

SZ: In „Soul of a Man“ klingen ja auch schon diese politischen Aspekte an – ist der Film also eine Art Vorstudie?

Wenders: Nicht, dass das so gewollt gewesen wäre ... Ich habe mit Martin Scorsese sowieso schon über die Blues-Reihe geredet, bevor ich „Buena Vista Social Club“ gemacht habe und vor „Million Dollar Hotel“. Die Tatsache, dass die politische Wirklichkeit Amerikas im Blues-Film einen Bodensatz bildet – dass die Bürgerrechtsbewegung und der Krieg eine Rolle spielen –, war mir anfangs gar nicht so klar.

SZ: „Soul of a Man“ ist der politischste Film dieser Reihe, was ein Kontrast ist zum herkömmlichen Wenders-Bild.

Wenders: Ich habe diese Musik in den Sechzigern entdeckt, J.B. Lenoir entdeckte ich direkt 1968, das war eine Zeit, in der ich stärker politisiert war als zuvor oder nachher.

SZ: Anspielungen auf den Ursprung des Kinos, den Stummfilm, haben Sie jetzt schon mehrmals verwendet. Ist das derzeit Ihr Lieblings-Stilmittel?

Wenders: Also – eigentlich habe ich ja ein gebrochenes Verhältnis zur Vergangenheit im Kino, das interessiert mich gar nicht so, und ich habe auch immer eine Hemmschwelle, mir Kostümfilme anzusehen.

SZ: Das gilt aber nicht für Western!

Wenders: Western haben ihre eigene Zeit, die gehören nicht dazu, die kann man drehen, ohne verändern und manipulieren zu müssen. Da braucht man einfach nur eine leere Landschaft. Die Kurbelkamera, die ich jetzt auch für „Soul of a Man“ verwendet habe, erlaubt mir einen Zugang zur Vergangenheit – da hat sich quasi modernste digitale Nachbearbeitungstechnik gepaart mit der ältesten Technik, denn die meisten Sachen, die wir mit dieser Kurbelkamera angestellt haben, wären vor ein paar Jahren noch gar nicht möglich gewesen. Aber wir haben ja in Louisiana keinen Aufwand betrieben mit Dekorationen, in Louisiana kann man heute diese Aufnahmen einfach so drehen, da herrscht immer noch Depression, und es ist immer noch der ärmste Bundesstaat. Wenn da eine Coca-Cola-Reklame im Bild ist, die es in den Zwanzigern noch gar nicht gegeben hat, interessiert mich das nicht so.

SZ: Werden Sie Ihre Werbefilme mal als DVD herausbringen? Sie sind ja schließlich Teil Ihres Werks.

Wenders: Mal sehen. Ich habe inzwischen fast fünfzig gemacht, da müsste man schauen, welche man auf eine DVD packt – aber das Problem ist, dass die Rechteabklärung mit den Firmen sehr schwierig ist. Im Nachhinein würde ich gerne mal die Werbefilme von Fellini sehen, Ingmar Bergman hat eine Menge gedreht – würde mich rasend interessieren.

SZ v. 05.05.2004

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