Strategiewechsel bei RTL: Mit Action am Nachmittag versucht der Sender junge Zuschauer anzusprechen. Denn die junge Zielgruppe ist für die Zukunft wichtig.
Manchmal ist man versucht, ein bisschen Mitleid zu empfinden für Menschen im Fernsehgeschäft. Da versuchen sie, mit der Kraft ihrer über Jahre erworbenen Erfahrung Erfolge zu produzieren und müssen immer wieder erleben, wie es nur fürs Mittelmaß reicht.
Bild vergrößern
"112 - sie retten Leben": Rettungsmann Florian (Dominik Saleh-Zaki) hat den UInfallort entdeckt: Haben die Insassen überlebt? (© Foto: RTL)
Anzeige
Tom Sänger ist so jemand, der immer wieder alles dransetzt, seinen Sender nach vorne zu bringen, manchmal aber eigentlich kurz davor stehen müsste, alles hinzuwerfen.
"Den Job kann man nicht machen, wenn man schnell verzweifelt", sagt der RTL-Bereichsleiter Unterhaltung, Show und Daytime. Er sagt das, wenn man mit ihm über die Probleme spricht, die der Kölner Privatsender nun schon eine geraume Zeit mit seinem so genannten 17-Uhr-Sendeplatz hat.
Die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft Posch blieben Ende 2007 in der Zielgruppe der Unter-50-Jährigen unter zehn Prozent Marktanteil, und die danach angesetzten Serien "Nikola" und "Einer gegen 100" blieben weit unter dem RTL-Senderschnitt, der 2007 bei 16 Prozent lag.
Nun soll es eine Neuentwicklung richten. An diesem Montag startet "112 - Sie retten dein Leben", eine actiongeladene Seifenoper.
TV-gerechte Nöte und Liebeleien
Warum ist es so schwierig, um 17 Uhr erfolgreiches Programm zu machen? "Um 17 Uhr machen die Leute jeden Tag was anderes", sagt RTL-Mann Sänger. Und wenn sie fernsehen, schauen sie lieber die Krimi-Soap "Niedrig und Kuhnt" - beim Konkurrenten Sat 1.
"Unser großes Thema ist Bindung", sagt Sänger und versucht nun, durch dramaturgische Mittel Zuschauertreue zu erzeugen. "Wir wollen diese 'Wechselwähler' durch Geschichten binden, die innerhalb einer Folge abgeschlossen werden."
Die Actionsoap "112" bringt jede ihrer 25-minütigen Folgen konventionell zu einem meist glücklichen Ende. Eher nebenbei werden die Geschichten der in einer ganz besonderen Einsatzzentrale arbeitenden Menschen erzählt. Feuerwehrleute, Ärzte, Sanitäter und Polizisten wirken da zusammen und haben naturgemäß ihre TV-gerechten Nöte und Liebeleien.
Hauptsächlich aber wird gezeigt, wie Menschen in Not geraten und wie andere sie mit viel Blaulicht und aufwändiger Technik retten.
Ursprünglich hatte RTL nur 50 Folgen geordert, nach Vorlage erster Proben aber 30 Episoden nachbestellt. Inzwischen wurden noch einmal 40 Drehbücher in Auftrag gegeben - für den Fall, dass es nach Weihnachten weiter geht, das Quotenziel also erreicht wird. "14 Prozent sollte die Serie schon machen", sagt Sänger. Frühestens nach sechs Wochen soll erstmals bilanziert und über die Verweildauer von 112 entschieden werden.
Hergestellt wird 112 von action concept, der Firma des Stunt-Spezialisten Hermann Joha, der für RTL Alarm für "Cobra 11" fabriziert und alle Projekte betreut, bei denen es kracht, etwas explodiert und Autos durch die Luft katapultiert werden.
Kann man einem Actionexperten ein so genuin weibliches Format wie eine Soap anvertrauen? Ja, meint Sänger, Joha habe "ein Story-Team mit Soap-Erfahrung reingeholt". Der RTL-Unterhaltungschef lobt den Produktionswert der Serie, die in ihren Bildern so gar nicht die übliche Seifenoper-Sterilität spiegele.
Blockdenken
Denn bis zu 70 Prozent der Aufnahmen werden bei 112 nicht im Studio, sondern bei Außendrehs eingefangen.
Das kostet. Um den erhöhten Aufwand des sonst vergleichsweise billig bespielten Tagessendeplatzes auszugleichen, hat sich RTL auf eine neue Zusammenarbeit eingelassen. Mitfinanzier ist die gleichsam zur RTL Group gehörende Firma Fremantle Media, die sich im Gegenzug vom Start weg die internationalen Vertriebsrechte gesichert hat.
Für Sänger ist das nicht nur ein Versuch, den 17-Uhr-Sendeplatz wieder vorzeigbar erscheinen zu lassen, es geht um die Absicherung des Umfeldes: "112" soll mit einer guten Quote die nachfolgende Seifenoper "Unter uns" absichern. Sänger will künftig öfter in größeren Einheiten zu planen. "Wir müssen mehr Sendestrecken aufbauen und in Blöcken denken."
Dass Sat 1 bisher im August erstmals seit 1988 wieder beim Gesamtpublikum vor RTL liegt (10,1 Prozent gegenüber 10 Prozent), hat mit dem 17-Uhr-Sendeplatz nichts zu tun, der für die junge Zielgruppe ausgelegt ist. Doch gerade die Jungen muss man halten, vielleicht mit "112".
112 - Sie retten dein Leben, Montag bis Freitag, 17 Uhr, RTL.
In seinem Roman „Canale Mussolini“ erzählt Antonio Pennachi von der Trockenlegung der pontinischen Sümpfe im italienischen Faschismus. Jetzt lesen ...
(SZ vom 25.8.2008pak)
Bilder des Tages
Diese Rubrik ist anscheinend schon aktiv, wie man an den Bewertungen der Kommentare ersehen kann. Rot bewerten, aber nichts dazu begründen. Tja, traurig...
Was hat die Trash-Sendung mit Kultur zu tun ? Was hat RTL überhaupt mit Kultur zu tun ?
Fragen über Fragen, vielleicht sollte ich in mich gehen und mein Kulturverständnis überprüfen.
Mit Kultur hat der Artikel nicht viel zu tun.
Vielleicht sollte die SZ-online eine Rubrik "Unkultur" einrichten ?
Da gäbe es viel zu schreiben!
Z.B. wie Herr Berlusconi sein Volk erneut mit Gesängen beglücken will- das hat wenigstens Tradition- Nero soll auch gesungen haben!