"72 Jungfrauen" von Londons Bürgermeister Boris Johnson, der Eliten-Proll

Londons Bürgermeister Boris Johnson wird geliebt oder gehasst. So lässt er auch mal stümperhafte Selbstmordattentäter das britische Parlament stürmen, zumindest in einer Satire, die er vor Jahren schrieb. Pünktlich zu Olympia erscheint das Buch auf Deutsch.

Von Johan Schloemann

Das ist gutes Timing. Bald fangen die Olympischen Spiele in London an. Es gibt Streit über die Sicherheit und Angst vor islamistischen Anschlägen. Und da kommt die Terrorismus-Satire "72 Jungfrauen" auf Deutsch heraus, ein Roman, den ausgerechnet der heutige Bürgermeister von London, Boris Johnson, im Jahr 2004 geschrieben hat. Es geht in dem Buch um eine Gruppe von stümperhaften Selbstmordattentätern, die London heimsuchen. Sie träumen von den Jungfrauen im Paradies, die den Heiligen Kriegern verheißen sind, und sie erinnern an die Protagonisten der britischen Dschihad-Filmkomödie "Four Lions" von 2010.

Das ist der Bürgermeister von London. Kein Witz. Er probiert gerade das Essen in der Kantine des Olympischen Dorfs.

(Foto: AP)

Der Plot: Die Terroristen schaffen es durch eine Verkettung skurriler Zufälle, trotz allerhöchster Alarmstufe ins voll besetzte britische Parlament einzudringen, als der Präsident der USA, gerade auf Staatsbesuch, dort eine Rede hält. Sie drohen damit, alles in die Luft zu sprengen, erzwingen aber erst einmal eine quälende Debatte über die Verbrechen Amerikas vor laufenden Kameras. In der Not der Stunde meldet sich ein beliebter Fernseh-Koch, der sich mit einer endlosen Tirade gegen die Vulgarität des amerikanischen Essens vor den Augen der Weltöffentlichkeit fast um Kopf und Kragen redet.

Boris Johnson ist ein sehr intelligenter Oberklassen-Lausbube. Sein schnoddriger Konservativismus hat anarchische, chaotische und arrogante Züge. Eine klassische rhetorische Schulung in Eton und Oxford verleiht ihm argumentative Wendigkeit, die er mit einem kultivierten Flegel-Image verbindet. Kurz: Er ist ein Eliten-Proll. In England liebt oder hasst man ihn innig; in jedem Fall macht er die Politik dort unterhaltsamer.

In "72 Jungfrauen" begegnen wir einem Parlamentsabgeordneten namens Roger Barlow, der unverkennbare Ähnlichkeiten mit dem Autor aufweist: Er ist ein ultraliberaler Tory, er fährt mit dem Fahrrad durch die Großstadt, er hat eine wirre blonde Frisur und eine kaum weniger wirre politische Agenda. Seine hübsche und vollbusige Assistentin, die er sich von den Neocons aus Washington ausgeliehen hat, denkt über ihn: "Was für eine Art Konservativer war dieser Mann überhaupt? Er war sooo eine Enttäuschung."

Von der Geschichte überholt

Als das Buch im Original, "Seventy-Two Virgins", in England publiziert und sogleich ebenfalls gehasst oder geliebt wurde - Boris Johnson war damals Herausgeber der konservativen Wochenzeitschrift The Spectator und Abgeordneter im Unterhaus -, da folgten recht bald darauf die islamistischen Terroranschläge vom 7. Juli 2005 auf U-Bahnen und einen Doppeldeckerbus, die London bombings, die 56 Todesopfer forderten. Damit war das Buch von Boris Johnson nicht nur erst einmal nicht mehr so lustig, sondern auch von der Geschichte überholt.

Das gilt inzwischen auch für das ganze Setting der Erzählung, das in die Jahre nach dem 11. September gehört, also in die Bush-und-Blair-Ära - es herrscht etwa die gleiche Atmosphäre mit Anti-Irakkriegs-Demos, in der auch der etwas ernstere Roman "Saturday" von Ian McEwan spielt. Der bei Johnson vor aller Augen bedrohte US-Präsident trägt denn auch wenn nicht den Namen, so doch die Züge von George W. Bush.

Trotzdem macht "72 Jungfrauen" auch heute streckenweise Spaß. Streckenweise. Man erfährt nebenbei so einiges über die Absonderlichkeiten des britischen Establishments und der politischen Klasse, die selbst auch mit allerlei Insider-Witzen bedacht wird. Im Ganzen aber ist das Buch eher ein zu lang geratener Sketch - im Fernsehprogramm hätte es früher wohl "Gaunerkomödie" geheißen.

Wenn die absurde Terrorismus-Farce "72 Jungfrauen" aus der Feder des seit 2008 amtierenden Londoner Bürgermeisters einen Wert haben soll, der die deutsche Übersetzung rechtfertigen könnte, dann wäre das wohl die Botschaft, dass die freie Welt zur Selbstironie fähig ist. Auf die Angst und den Fundamentalismus antwortet London zwar hoffentlich mit Wachsamkeit, aber auch mit der deeskalierenden Wirkung von Humor und Gelassenheit. Möge die Welt also nach den Olympischen Spielen sagen können: Danke, Boris.

Boris Johnson: Zweiundsiebzig Jungfrauen. Roman. Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer. Haffmanns & Tolkemitt Verlag, Berlin 2012. 412 Seiten, 19,95 Euro.