46. Internationale Hofer Filmtage Hoffen bis zum nächsten Mal

Die Ansätze stimmen, doch dann verlieren sich manche Beiträge der diesjährigen Hofer Filmtage im Belanglosen. Für Lichtblicke sorgten die erfahrenen Filmemacher - wenn die jungen Regisseure ihre nächsten Film nun noch konsequenter bis zum Ende durchdenken, ist es gut bestellt um das deutsche Kino.

Von Paul Katzenberger

Großer Bahnhof vor dem Festival-Kino Scala: Die Hofer Filmtage wurden in diesem Jahr mit dem Episodendrama "Eastalgia - einfach leben" von Daria Onyschchenko eröffnet.

(Foto: Hendrik Ertel)

Dieser Kick musste sein. Der Sportplatz der Freien Turnerschaft Hof bot am vergangenen Samstag zwar kaum reguläre Wettkampfbedingungen. Doch daran, dass Schiedsrichter Roland Graf die Partie zwischen dem FC Hofer Filmtage und dem FC Hofer Filmwelt anpfeifen würde, daran bestand keinen Moment lang Zweifel.

Wegen des plötzlichen Wintereinbruchs am Wochenende stand der Schnee zwar plötzlich einen Handbreit hoch auf dem Spielfeld am Theresienstein, doch das schien Festivalchef Heinz Badewitz am Vorabend schon geahnt zu haben, als er auf der weitläufigen Bühne des Scala-Kinos betont hatte, dass die Begegnung bei wirklich jedem Wetter stattfinden werde. Schließlich ging es bei dieser Partie um mehr als Sieg oder Niederlage, hier ging es um einen jener Programmpunkte der Hofer Filmtage, die ebenso wie die Bratwürste der Metzgerei Schimmel vor dem Central-Kino zum Kult geworden sind.

Am Ende stand es bei der Begegnung zwischen dem FC Hofer Filmwelt (Schauspieler, Regisseure, Produzenten) und dem FC Hofer Filmtage (Mitarbeiter und Fans des Festivals) in diesem Jahr 2 : 1 für die Filmwelt. In der ewigen Statistik liegt die Filmwelt mit zwei Siegen vorn.

(Foto: Hendrik Ertel)

Das Schneematch aus dem Jahr 2012 wird daher wie so manch andere Skurrilität die Annalen der Hofer Filmtage künftig schmücken, wenngleich die Bilder davon vielleicht nicht ganz so imposant ausfallen wie die Aufnahme vom abgekämpften Kicker Werner Herzog aus dem Jahr 1977, die inzwischen zu den unvergesslichen Momentaufnahmen der deutschen Filmgeschichte zählt.

Werner Herzog 1977 im Team der Hofer Filmtage.

(Foto: dpa)

Das Herzog-Foto beschreibt recht treffend, worum es bei den Hofer Filmtagen geht: Das Festival in der oberfränkischen Provinz will jungen deutschen Regisseuren als Plattform für den Karrieresprung im Filmgeschäft dienen. Herzog war gerade einmal 26 Jahre alt, als er 1968 in Hof seinen ersten abendfüllenden Film "Lebenszeichen" vorstellte. Für dieses Debüt wurde er im selben Jahr mit dem Silbernen Bären und dem Filmband in Silber ausgezeichnet - es war also alles angerichtet für die folgende Karriere als Pionier des Neuen Deutschen Films.

44 Jahre später wird bei den Hofer Filmtagen noch immer nach neuen Wegbereitern des deutschen Kinos gesucht, und das kann wie jede Suche spannend oder ermüdend verlaufen, je nachdem, wie erfolgreich sich die Nachforschungen gestalten. Schließlich wird nicht jeder junge Filmemacher später zu einem Giganten wie Werner Herzog, Wim Wenders oder Tom Tykwer, die alle ihre ersten öffentlichen Gehversuche in Hof unternommen haben.

Man durfte also auf Daria Onyschchenko und ihrem Debüt "Eastalgia - einfach leben" gespannt sei, mit dem die Filmtage eröffnet wurden. Ob sich die Festivalmacher damit einen Gefallen erwiesen, ist allerdings zu bezweifeln. Denn für den großen Bahnhof war das Episodendrama der Absolventin der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in seiner Qualität zu durchwachsen.

Die Beschreibung dreier gescheiterter Romanzen, die in derselben Nacht in München, Belgrad und Kiew aufkeimen, vermittelte den Herzschmerz und die Einsamkeit der Protagonisten an manchen Stellen zwar eindrücklich, doch gelang es der Ukrainerin nicht, die drei Handlungsstränge zu einer gelungenen Einheit zusammenzuführen. Zu unruhig ist die Kamera, zu willkürlich sind die Wechsel zwischen den drei Schauplätzen und zu spezifisch sind schließlich die jeweiligen Verhältnisse vor Ort, die Onyschchenko durch verwirrende Nebenhandlungen zu beleuchten versucht. So blieb "Eastalgia" am Schluss belanglos, was schade war, denn die Grundidee für den Film wäre originell genug gewesen, um mehr herauszuholen.

Den Vorteil einer aufregenden Rahmenhandlung vermochte in Hof auch das Drama "Frauensee" nicht in einen rundum überzeugenden Film umsetzen. Regisseur Zoltan Paul passt auf den ersten Blick mit seinen 59 Jahren zwar nicht mehr ganz zum Hofer Sprungbrett für Talente, doch der gelernte Schauspieler, der zum Ensemble von Hermann Nitschs berühmt-berüchtigten Orgien-Mysterien-Theater zählte, ist als Filmregisseur mit bislang drei Produktionen noch ein relativ unbeschriebenes Blatt.

Hinreißende Bilder der brandenburgischen Seen

Für "Frauensee" schrieb er auch das Drehbuch, für das sich der heterosexuelle Österreicher eine Konstellation ausdachte, die man eher Rosa von Praunheim zugetraut hätte, der bei diesen Hofer Filmtagen seinen nahenden 70. Geburtstag mit 70 (!) Filmen (u. a.: Starke Schwule 1 - 3, Transgender) feierte: Zwei lesbische Paare treffen an einem malerischen See im brandenburgischen Hinterland aufeinander, worauf sich ein Ränkespiel um Vertrauen, Loyalität, Anziehung und den Reiz des Neuen entwickelt.

Was mit verstohlenen Küssen beginnt, entwickelt sich allerdings nicht weiter - der Zuschauer wird geködert mit einem Seitensprung, der schließlich ausfällt. So erschöpft sich der Stimulus mit zunehmender Dauer der eineinhalbstündigen Kabale, bis er irrelevant wird. Im Finale des Films, bei dem sich die vier Frauen ihrer gegensätzlichen Bedürfnisse bewusst zu werden scheinen, geschieht schließlich zu wenig zu spät, um dem Film noch die Substanz zu geben, die er zuvor vermissen ließ.

Dabei hätte auch "Frauensee" - ähnlich wie "Eastalgia" - ein besseres Drehbuch verdient gehabt, insbesondere wegen der beeindruckenden Kameraarbeit von Fabian Spuck, der die Natur der brandenburgischen Seen in hinreißenden Bildern einfängt.