Wenn "Gegen die Wand" ein Rock-'n'-Roll-Song über die Liebe war, dann ist "Auf der anderen Seite" eine Ballade über Tod und Vergebung: Faith Akin stellt in Cannes seinen neuen Film vor.
Schmetterlinge sind ein Symbol für Freiheit in Julian Schnabels "Le Scaphandre et le Papillon", also wurden vor der Galavorführung Hunderte von bunten Faltern in die Freiheit entlassen. Ein paar setzten sich malerisch auf die Kleider, die Haare, die Gesichter der Schauspielerinnen, und natürlich spielten die Fotografen wie geplant verrückt.
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Schönheit zwischen Natur und Kunst, Echtheit und Manipulation: Stundenlang könnte man darüber nachdenken - doch auf einem Festival wie Cannes, mit seiner Mischung aus Reizüberflutung und Autismus, fehlt dafür natürlich die Zeit. Je schneller und besinnungsloser die Bilder sich jagen und je weiter das große Ganze aus dem Blick gerät, desto wichtiger werden die Eindrücke, die man für einen Moment im Gedächtnis festhalten kann.
Opferlamm
Hanna Schygulla zum Beispiel in Fatih Akins "Auf der anderen Seite", dem deutsch-türkischen Beitrag im Wettbewerb. Ganz ohne Rekurs auf jene Bilder, die sie berühmt gemacht haben, sehen wir sie als eine alte, leidgeprüfte Frau namens Susanne, die am Fenster steht und auf die Stadt Istanbul hinabschaut. Es ist eine grausame und zugleich freundliche Stadt, in der ihre Tochter gewaltsam und sinnlos umgekommen ist, in der sie aber auch wieder Lebensmut und neue Freunde gefunden hat.
Einer davon ist der Buchhändler Nejat (Baki Davrak), der neben ihr steht und vom islamischen Opferfest erzählt, vom Propheten Ibrahim, der die Prüfung Allahs bestand, seinen Sohn zu opfern. Als Kind habe er sich immer vor dieser Geschichte gefürchtet, sagt er, und einmal habe er seinen Vater gefragt, ob er ihn auch opfern würde. Für dich lege ich mich sogar mit den Göttern an, antwortete der Vater, und Susanne fragt nur leise, ob dieser Vater noch lebt. Nejat nickt, und unmerklich beginnt ein neues Kapitel auf dieser großen Reise, die Kinder zu ihren Eltern führt und Eltern zu ihren Kindern, über zwei Länder und zwei Kulturen hinweg.
Ballade über Tod und Vergebung
Auf dem Papier, in der Nacherzählung, klingt diese Beschwörung eines gemeinsamen christlichen-islamischen Erbes und universaler Familiengefühle vielleicht schwer, beinah überambitioniert. Aber Fatih Akin, der nach dem Triumph von "Gegen die Wand" mächtig unter Druck stand und sich auch selbst unter Druck gesetzt hat, findet hier genau jene Qualität wieder, die ihn als Regisseur auszeichnet: eine beinah kindliche Unschuld des Blicks.
Tiefer als je zuvor setzt er sich mit philosophischen und politischen Themen auseinander, und wenn "Gegen die Wand" ein Rock-'n'-Roll-Song über die Liebe war, dann ist dies eine Ballade über Tod und Vergebung. Ein hoher Anspruch, und teilweise spürt man etwas wie ein Knirschen in der doch recht komplexen Konstruktion, aber sehr bald weiß man: Dies ist ein Regisseur mit der Gabe, selbst ein so vielfach belastetes Thema wie politischen Widerstand so selbstverständlich zu inszenieren, als habe es vor ihm noch nie jemand gemacht.
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