Bilder, die den Schlaf rauben: Quentin Tarantino, Julian Schnabel, Michael Winterbottom und Carlos Reygadas laden ein in die Achterbahn der Emotionen. Ein palmenverdächtiger Frühling!
Wenn das Treiben auf der Straße bizarrer wirkt als das auf den Leinwänden, ist irgendwas faul. Nicht am Kino, das ist in Ordnung, aber die Welt ist es nicht. Filmfiguren werden oft akribisch auf ihre Motivation hin untersucht, eine Prozedur, der Menschen aus Fleisch und Blut oft nicht standhalten würden.
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Ein Drehbuchautor müsste jedenfalls lange basteln, bis er den Mädels in weißen Schlabbershirts die vor dem Festivalpalast Gratisumarmungen verteilen, eine glaubwürdige Motivation in die Seelen geschrieben hätte, und manche Kostümierung, die die Damen in der Nacht auf der Croisette spazieren tragen, ergäbe höchstens auf dem Weg zu einem Helmut-Newton-Foto-Shooting einen Sinn.
Vorsicht ansteckend!
Quentin Tarantino, zur zweiten Cannes-Woche für den Promifaktor zuständig und eigentlich König des bizarro universe, ist ein Effekt gelungen in seinem "Death Proof" der natürlicher aussieht als das Leben. Die erste Hälfte ist ein solch vollkommener siebziger-Jahre-Kostümfilm, dass man ganz irritiert ist, wenn die Leute zum Rauchen auf die Veranda gehen; immer wieder forscht er da in den Gesichtern seiner Heldinnen, während sie sich auf den Weg machen in eine merkwürdige Nacht, filmt liebevoll zarte Krähenfüßchen und botoxfreie Stirnen - was es im Kino sonst kaum noch gibt, ein nachgerade rührender Anblick.
Überhaupt sind die Neugier und die Besessenheit ansteckend, mit denen er die vier umkreiselt, ihnen auf die Pelle rückt, sich leidenschaftlich an einem wirklich sehr hübschen Fuß weidet, der allerdings später dann, mit dem halben Bein dran, auf der Straße landet. Auch der Film selbst hat einiges hinter sich an - je nachdem - Zerstückelung oder Umgestaltung.
pick yourself up, dust yourself off
Mit seinem Stück, ursprünglich Teil des Double Features "Grindhouse" , das er mit Robert Rodriguez schuf, musste Tarantino zurück in den Schneideraum, die Doppelhommage ans Trash-Kino der Siebziger war in den USA an den Kinokassen durchgefallen. In "Death Proof" geht Kurt Russell als eine Art Autokiller auf Frauenjagd; in der ersten Variante höchst erfolgreich, in der zweiten lassen sich die Damen nicht in die Flucht schlagen.
Sie rappeln sich auf, stauben sich ab und legen los, um den Jäger zur Strecke zu bringen. Sie reagieren, als hätte ihnen Camille Paglia Verhaltensregeln auferlegt, pick yourself up, dust yourself off... Die drastische Sprache und die Gewaltausbrüche zeugen von jenem Frauenbild, das Tarantino schon in "Kill Bill" zelebriert hat. Ansonsten bleibt der Film ein Leichtgewicht - irgendwie geht's eigentlich um nichts.
Der Schmetterling unter der Taucherglocke
Bei Julian Schnabel geht es darum, was Leben ist und warum man dran hängt - ein komplett gelähmter Held nimmt Abschied von der Welt, und so schwer ihm das Weiterexistieren auch fällt, so hält es doch immer noch Wunder parat: eine imaginierte Schlemmerei, das wunderschöne Gesicht seiner Sprachtherapeutin, den Anblick seiner Kinder. Schnabel hat das Buch "Le scaphandre et le papillon" verfilmt, auf deutsch unter dem Titel "Schmetterling und Taucherglocke" erschienen.
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