Melancholisch wie mörderisch - Auftakt der Fimlfestspiele Cannes: Wong Kar-Wai zeigt die Reststücke in der Vitrine des Lebens, Christian Mugui blutige Föten in Hotelzimmern und David Finch versucht die Sieben Todsünden zu überbieten.
Zum Höhepunkt der Party wurden Teller mit Blaubeerkuchen gereicht - und so oft zurückgewiesen, dass die Kellnerinnen bald ganz verlegen dreinschauten. Jude Law hatte keine Zeit, ein Pulk von nicht mehr ganz jungen Frauen hing an seinen Lippen, im Blick eine kaum verschleierte Gier. Norah Jones saß eher still auf einem Sofa und schüttelte den Kopf, Andie MacDowell würdigte das Angebot keines Blickes, und Wong Kar-Wai schaute nur unergründlich durch seinen Sonnenbrille.
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Aber auch die anderen Gäste griffen nicht zu, und irgendwann war die Sache klar: Wahrscheinlich ist Blaubeerkuchen wirklich der traurigste Kuchen der Welt - als einziger unberührt in der Vitrine, wenn alle anderen längst ausverkauft sind. Und wahrscheinlich muss man selbst sehr traurig sein, um mit Genuss ein Stück davon zu essen. Weil es ein Bekenntnis ist, so wie man auf einem Begräbnis schwarz trägt.
Vitrine des Lebens
Im wirklichen Leben mag einem das nie aufgefallen sein, aber in Wong Kar-Wais wunderbarem Eröffnungsfilm "My Blueberrry Nights" ist diese Beobachtung von unumstößlicher Wahrheit. Sie stammt von Jeremy (Jude Law), einem Engländer in New York, der durch Zufall Betreiber eines kleinen russischen Cafés geworden ist. Genauso zufällig wird er Zeuge einer Trennungsgeschichte, als Bote für eine junge Frau (Norah Jones), die nicht mehr mit ihrem Exfreund redet. Dafür redet sie mit Jeremy, der ihr eines Nachts vom traurigen Schicksal des Blaubeerkuchens erzählt. Sofort bestellt sie ein Stück mit Eiscreme.
Genau das Richtige für ein gebrochenes Herz in New York, und außerdem eine symbolische Geste: Wir Underdogs, die wir in den Vitrinen des Lebens stehengelassen werden, gehören zusammen - und wenn wir es schaffen, unseren Schmerz zu überwinden, werden unsere Küsse am Ende so süß schmecken wie die Blaubeeren selbst. Man ahnt, dass auch Jeremy einmal hinter seiner Vitrine stehengelassen wurde - und schon ist man wieder im Land der verlorenen Liebe, das Wong Kar-Wai wie kein anderer Regisseur durchmessen hat.
Traumwandlerisches Erblühen
Dass das Land hier Amerika heißt, dass gebrochene Herzen nun auch in New York, in Memphis, in der Wüste von Arizona und in Las Vegas umherirren, ist ein großer Schritt für diesen Meister der chinesischen Melancholie. Andererseits stimmt das aber auch wieder nicht: Amerika wird einfach Wong-Kar-Wai-Country, vom ersten Bild an. Es ist, als ob die Farben verlaufen, die Konturen sich auflösen, die Klischees sich verflüssigen: Ein Land, das schon lange in seiner Ikonographie erstarrt schien, wird plötzlich wieder lebendig.
Wer größere Neuigkeiten als diese erwartet hatte, musste enttäuscht werden, wie es einige Kritiker in Cannes auch waren. Aber das heißt, all die atemberaubenden Details dieses Films zu übersehen, seine traumwandlerische Gelassenheit und die Art, wie dieser Regisseur jede Frau, die vor seine Kamera tritt, auf ungeahnte Weise erblühen lässt - hier zum Beispiel Rachel Weisz und Natalie Portman.
Norah Jones wiederum, ohne jede Schauspielerfahrung, besetzt mühelos das Zentrum des Films: Was sie als Sängerin so unauffällig und konkurrenzlos macht, dieses vollkommene In-sich-Selbst-Ruhen, macht sie auch als Schauspielerin für den Film perfekt.
Goldene Zeit der Brutalität
Was aber könnte diesen gelungenen Start mit dem Rest des Festivals verbinden? Vielleicht die Entschlossenheit der Filmemacher, den zunehmend hektischen Erwartungen des Publikums einen eigenen Rhythmus, eine eigene Genauigkeit, eine unaufgeregte Souveränität entgegenzusetzen. Der rumänische Wettbewerbsbeitrag "4 Luni, 3 Saptamini si 2 Zile - Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" zum Beispiel könnte gar nicht weiter von der Romantik eines Wong Kar-Wai entfernt sein, ja es wirkt fast, als sei er vom Festival als eine Art Gegengift programmiert worden, das notorische Schwärmer gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet