64. Filmfestival Cannes Hysterischer Humor

Ein umherirrender Papst, ein paar sehr komische Beobachtungen zu medialem Wahnsinn und endlich wieder schockierendes Kino: Der Vatikan-Film "Habemus Papam" und der Polizeifilm "Polisse" im Cannes-Wettbewerb.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn die Stimmen lauter werden, die uns weismachen wollen, das Kino sei am Ende, dann kommt meist irgendwer daher und beweist das Gegenteil. Im Moment singen die Stimmen das Lied von der amerikanischen TV-Serie, die alles besser kann und neben der sich selbst ein dreistündiger Film ausnimmt wie ein Zwerg.

Die französische Schauspielerin und Regisseurin Maïwenn braucht nur zwei Stunden, um diese Behauptung ad absurdum zu führen: Wer weiß was er tut, kann einen Charakter in zwei Szenen sehr genau definieren. Und nebenher schwelgt Maïwenn in allen Freiheiten, die nur das Kino zu bieten hat. Es darf verwirren und schockieren, darf taktlos sein und roh und dann den Tonfall ändern, sanftmütig werden und zärtlich.

"Polisse" ist ein Polizeifilm, mit einem Sammelsurium an Figuren, die nicht alle gleich gut gespielt, aber gleich gut geschrieben sind. Eine Fotografin (Maïwenn selbst) begleitet eine Polizeieinheit in Paris, die Kinderschutztruppe, die in Belleville Jagd auf Pädophile und brutale Eltern macht - dokumentarisch, zusammengesetzt aus Fragmenten, kleinen Beobachtungen, die für sich genommen gut sind und überraschend, und zusammen das Gemälde einer Gesellschaft ergeben, die nach Ordnung in einem Chaos der Vorstellungen von Gut und Böse sucht.

"Polisse" ist gemacht wie Laurent Cantets Cannes-Sieger "Die Klasse" von 2008 und inspiriert von amerikanischen Polizeiserien, aber alles was die ausmacht, die Vermischung von Einsatz und Privatem, wie die beruflichen Partnerschaften alles andere dominieren, wie die Ehen scheitern am Druck und der tägliche Einsatz manchmal nicht härter macht, sondern nur müde und verletzlich - das dreht Maïwenn ein wenig weiter.

Die Grausigkeiten wären wahrscheinlich nicht auszuhalten, würde "Polisse" nicht immer wieder ins Komische ausbrechen, grandios ist die Episode, in der eine arabischstämmige Polizistin angesichts einer muslimischen Zwangsehe einen mehrminütigen Wutausbruch hat - dafür gab es Szenenapplaus -, oder jene, in der zwei Partnerinnen, die sich viel zu nahe gekommen sind, mit aller Gewalt ihre Bande brechen.

Und dann die Fälle: Einmal nehmen die Polizisten die Aussage eines Mädchens auf, dass ein paar Jungs zu Diensten war, um ihr Handy wiederzubekommen. Du weißt schon, fragt eine Polizistin, dass du das nicht hättest tun sollen? Hey, sagt sie, es war ein Smartphone. Das ist grotesk und verstörend, aber weit hergeholt ist es nicht. Hysterischer Humor ist da die einzige Antwort.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum der Film "Habemus Papam" in Italien schon vorab für Aufregung sorgte.

Der sanfte Riese

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