63. Filmfestival Cannes Der Don-Juan-Komplex

Sex, Lügen und Macht: Olivier Assayas liefert dem Festival mit dem Terroristen Carlos großes Kino, Doug Limans ist mit Fair Game doch weniger politisch, als erwartet.

Von Susan Vahabzadeh

Neunzig Kinominuten können sich schon mal anfühlen wie ein ganzer Tag, aber wenn einer ganz genau weiß, was er tut, dann vergehen fünfeinhalb Stunden wie im Flug. Olivier Assayas' Carlos ist eigentlich eine dreiteilige Fernsehserie und wurde deswegen außer Konkurrenz gezeigt in Cannes, auf einen Rutsch - solche Mammutprojektionen sind selten außerhalb von Festivals.

"Wie soll ich wissen, wann du die Wahrheit sagst, wenn du von Berufs wegen dauernd lügst?" - Die berufliche Krise treibt das Ehepaar Valerie und Joe (Naomi Watts und Sean Penn) auch in eine private.

(Foto: Foto: Verleih)

Was dabei ein bisschen traurig ist fürs Kino, einen sorgenvoll stimmt über seinen Zustand: Eine französische TV-Produktion liefert, was dem Festival bislang fehlte - den großen Erzählbogen, den Hauptdarsteller, von dem noch keiner etwas gehört hat und dem man eine große Karriere prophezeien muss, die Bilder, die einen wirklich in eine andere Zeit entführen. Nichts, hat Pauline Kael einmal geschrieben - über das Kino allerdings, nicht über das Fernsehen, das sie so verachtete -, ist so faszinierend und schön und schrecklich wie der Blick auf die Vergangenheit: Wir sehen den Toten ins Gesicht, und sie bewegen sich und winken uns.

Sexappeal der Macht

Es geht um Carlos, den Terroristen, der in den Siebzigern und Achtzigern gleichermaßen eine Berühmtheit und ein Phantom war. Schon ganz am Anfang - Édgar Ramírez als Carlos betrachtet sich selbst fasziniert im Spiegel - ist klar, worum es vor allem geht: nicht um politischen Idealismus, sondern um den Sexappeal der Macht. Carlos schwadroniert von der sozialistischen Weltrevolution, aber wann immer es möglich ist, wählt er eine großbürgerliche Fassade.

Er möchte in aller Eleganz die Dritte Welt retten - aber es ist klar, wenn die Eleganz oder gar seine eigene Haut auf dem Spiel steht, dann hat die Dritte Welt das Nachsehen. Carlos, der mit der PLO und der Eta und mit japanischen Linken paktiert, führt ein globales Terrornetzwerk - und Assayas zeigt ganz organisch, wie sehr er dabei Spielball des Kalten Krieges ist, sich eine Regierung nach der anderen seiner bedient. Man sieht sehr gut, wie nah das politische Ränkeschmieden und der Terrorismus beieinanderliegen. Assayas hat die Freiheit, sich nicht auf zwei Stunden beschränken zu müssen, genutzt für ein großes Epos über den Terrorismus der Siebziger, das weit über das Phänomen Carlos hinausweist - solange Terrorismus eine politische Funktion hat, lässt er sich nicht bekämpfen.

Betonierte Lügen

Édgar Ramírez stattet Carlos mit dem Charisma und der Weltläufigkeit aus, die der Mann gehabt haben muss, um über so lange Zeit so weit zu kommen. Er habe die Lücken in der Dokumentation mit Fiktion und Romantisierung füllen müssen, warnt Assayas im Vorspann des Films - dass er sich dieses Problems bewusst war, ist wohl der Grund, warum Carlos keineswegs zur Heldenstilisierung eines blutrünstigen Terroristen geworden ist: Was bleibt, ist das Porträt eines eiskalten, selbstverliebten Mörders mit einem schweren Don-Juan-Komplex, der aussortierten Weggefährten eine Extrakugel verpasst und für sein persönliches Streben nach Macht und Geld einen Krieg anzettelt - wer das romantisch findet, dem ist nicht zu helfen.

Daneben nimmt sich Doug Limans Fair Game notgedrungen aus wie ein kleines Detail der Weltgeschichte. Aber man muss ihm zugute halten, dass er der Versuchung widerstanden hat, aus seiner Geschichte zum Irak-Krieg die große Abrechnung mit der Bush-Administration zu machen. Das ist keine Jahrzehnte entfernte Historie wie der Terrorismus der Siebziger, und also völlig anderen emotionalen Reaktionen unterworfen - Liman konzentriert sich auf den Fall der CIA-Agentin Valerie Plame, deren Mann, Ex-Botschafter Joe Wilson, nach dem 11. September mit Recherchen in Afrika beauftragt wurde zum Bau von Massenvernichtungswaffen im Irak, und der später erkannte, dass seine Dokumentation verfälscht als Begründung für den Angriff benutzt worden war. Als er damit an die Öffentlichkeit ging, wurde Plame seitens der Regierung enttarnt. Naomi Watts und Sean Penn spielen das Paar, das die Ereignisse auch in eine private Krise treiben. Wie, fragt Joe seine Frau einmal, soll ich wissen, wann du die Wahrheit sagst, wenn du von Berufs wegen dauernd lügst?

Penetrant beschwingt

Auch der Italiener Daniele Luchetti versucht, in La nostra vita im Wettbewerb das große Ganze anhand einer kleinen Geschichte zu erklären: Ein glückliches Paar, er arbeitet für einen Bauunternehmer, sie kriegt das dritte Kind. Den ersten Fehler begeht Claudio aus Angst. Er hat zufällig in einem Aufzugschacht, den er zubetonieren soll, die Leiche eines illegal eingewanderten rumänischen Wachmanns entdeckt - und statt die Polizei zu rufen, die die Baustelle schließen würde, hält er den Mund. Erst nachdem seine Frau bei der Entbindung gestorben ist, erpresst er seinen Chef, der den Tod des Wachmanns - nicht etwa ein Mafiamord, ein Unfall - verschleiert hat. Claudio will selbst Subunternehmer werden.

Luchetti erzählt in penetrant beschwingtem Ton eine Parabel, die eigentlich schrecklich ist: Wie sich ein Mann ohne jedes Unrechtsbewusstsein durchmogelt, betrügt, erpresst, verschweigt und verdrängt. So geht er auch mit dem Tod seiner Frau um - die Fotos von ihr landen in einer Schublade, auf den Friedhof geht er nicht, weil alles, was den schönen Schein stört, sofort ausgeschaltet wird. Nur einmal stößt er an eine Grenze, es ist ein Problem, das er nicht mit Geld lösen kann. "Wenn ich dir erklären könnte, warum ich dir nicht vergeben werde", sagt sein Gegenüber, "würdest du es nicht verstehen." Man kann aus diesem Film ein Unbehagen mitnehmen - vielleicht ist es am Ende so, dass all die Beschränkungen, denen sich das Kino unterwirft, all die Rücksichten, die es nimmt, die großen Bilder kleingemacht haben.