Andreas Dresen: "Halt auf freier Strecke" Aus dem Nest gefallen

Der einzige deutsche Wettbewerbsfilm rührt das Cannes-Publikum zu Tränen: Andreas Dresen zeigt, wie ein Familienvater an Krebs stirbt - vom ersten Speichelfaden bis zum letzten Sex. Und Harald Schmidt interviewt den Tumor.

Von Tobias Kniebe

Schon mit dem ersten Bild taucht hier eine Frage auf, die auch den Regisseur Andreas Dresen sicher umgetrieben hat: Kann man das im Kino überhaupt noch zeigen, wie ein Mann eine Krebsdiagnose bekommt, nach der er nur noch ein paar Monate zu leben hat? Denn die alte Behauptung, dass das Kino die Realität des Sterbens gern verdränge, ist ja längst nicht mehr wahr. Gerade diese Szene ist in jeder Form und Variation schon hundertfach gedreht worden - da muss man wissen, was man tut.

Dresen entscheidet sich, einen echten Berliner Klinikarzt eine echte Diagnose geben zu lassen, in seinem echten Arbeitszimmer, so wie der Mann es jede Woche mehrmals tut. Auch der banale Anruf wegen einer Operationsraumbelegung, der störend dazwischenkommt, stand in keinem Drehbuch. Er gehört zum Betrieb des Krankenhauses. So beginnt "Halt auf freier Strecke", der deutsche Beitrag in der Reihe "Un certain regard".

Frank (Milan Peschel) ist der Mann, der die Diagnose bekommt, zusammen mit seiner Frau Simone (Steffi Kühnert). Man wird nun im Wesentlichen diese Familie sehen, zu der auch die Teenager-Tochter Lili (Talisa Lilli Lemke) und der neunjährige Mika (Mika Nilson Seidel) gehören, wie sie die letzten Lebensmonate des Vaters erlebt.

Ein nicht operierbarer Gehirntumor raubt ihm erst das Gedächtnis, dann die Orientierung, dann die Kontrolle über die Körperfunktionen, schließlich das Sprachvermögen. Er stirbt daheim - in einem neuen, eindrucksvoll hässlichen Reihenhaus am Stadtrand Berlins. Und Milan Peschel sieht aus wie ein aus dem Nest gefallenes Vogelküken, das unersättlich den Schnabel nach Liebe aufsperrt.

Dresen scheut sich nun nicht, alles zu zeigen, was eben passiert - vom ersten tropfenden Speichelfaden bis zum letzten Sex und zur letzten Inkontinenzwindel. Das müde alte Stilmittel des Realismus treibt er auch in den Dialogen (nach Stunden von Interviews mit Betroffenen von allen Beteiligten improvisiert) und in der Besetzung (alle Schwestern und Ärzte sind echte Schwestern und Ärzte) zu eindrucksvollen Höhepunkten. Fast wirkt es wie eine Befreiung, wenn zwischendrin einmal der Tumor phantasmagorisch die Form eines Schauspielers annimmt und zu reden beginnt - er wird, in Franks Tagträumereien, bei Harald Schmidt interviewt.

Von dieser Abweichung abgesehen, vermeidet Dresen alles Metaphysische, auch alle Worte darüber, was dieses Leben, das da zuende geht, nun bedeutet haben könnte. Das ist sicherlich Absicht, es lässt aber auch den Betrachter mit der Frage allein, was Kino - oder Kunst überhaupt - in einem solchen Fall leisten kann.

Die Antwort kann tausend Formen annehmen, aber zum Beispiel liegt sie in der einfachen Präsenz der Tochter am Sterbebett. Sie trainiert Turmspringen und hat darin eine Körperlichkeit und Sinnlichkeit, die sie weder ihrem Hänfling von Vater noch ihrer ewig gestressten Mutter verdanken kann, sondern eigentlich nur dem Wunder des Lebens selbst.

Und das ist dann wieder die umwerfende Macht des Kinos, dass es dieses Mädchen nur anschauen muss, um alle anderen Überlegungen überflüssig zu machen. Es ist eben doch die lebensbejahendste Kunst, die wir haben. "Ich muss zum Training", sagt die Tochter, als der Vater endlich entschlafen ist. Dann ist der Film zuende.

Der sanfte Riese

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