31. Filmfest München Zeichen des Aufbruchs

Was bleibt vom Arabischen Frühling? Beim Münchner Filmfest gehen ein Dutzend Regisseure dieser Frage nach. Sie erzählen von Ratlosigkeit und enttäuschten Erwartungen. Doch die meisten Filme sind in Ländern entstanden, in denen sonst kaum gedreht wird. Schon das weckt Hoffnung.

Von Susan Vahabzadeh

Als Ashraf El-Sharkawy sich im Sommer 2011 nach Ägypten aufmachte, war sein Enthusiasmus kaum zu bremsen. El-Sharkawy, als Sohn ägyptischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, erfolgreich in seinem Beruf und ausgesprochen reflektiert, was den Zusammenhang zwischen dem Luxus deutscher Freiheiten und dem herrschenden politischen System betrifft, fand, er würde dort gebraucht. Die Filmemacherin Fatima Geza Abdollahyan, iranischstämmig, auch aus München, ließ sich anstecken und begleitete ihn bei seinem Projekt mit der Kamera. Mit einem Bus wollte El-Sharkawy den Boden bereiten für die ersten freien Parlamentswahlen Ende 2011, durchs Land fahren und den Leuten die politische Grundausbildung anbieten, die man braucht auf dem Weg in eine ordentliche Zivilgesellschaft - nach, wie es mal jemand im Film "Freedom Bus" sagt: "6000 Jahren Pharaonenherrschaft".

Man ahnt es schon: Auf den Enthusiasmus folgt Ernüchterung, es kommt nicht so, wie El-Sharkawy es sich erträumt hat - was Abdollahyan da eingefangen hat mit der Kamera, ist die Vorgeschichte zu den Unruhen in Ägypten in den vergangenen Tagen. Die Kampagne mit dem Freedom Bus geht zwar voran, aber da sind auch immer wieder Sackgassen, und Gräben, die keine Diskussion überbrücken kann: El-Sharkawy versucht einmal, seinem Gegenüber die Scharia als Rechtsgrundlage auszureden, indem er sie als sexistisch anprangert. Ein aussichtsloses Unterfangen. Am Ende der Debatte bleiben nur ratlose Gesichter.

Enttäuschte Hoffnungen statt Aufbruchstimmung

Mehr als ein Dutzend Filme aus dem Nahen Osten und dem Maghreb laufen beim diesjährigen Münchner Filmfest, auf diverse Reihen verteilt, und man hätte sie nicht wirklich unter einem Dach, als geschlossene Reihe versammeln können - zu unterschiedlich sind die muslimischen Gesellschaften, aus denen sie erzählen. Und es verbindet sie auch keine frühlingshafte Aufbruchstimmung, es sei denn, man legt den dusteren deutschen Frühling 2013 als Maßstab an. Was man da sieht, das sind meist enttäuschte Hoffnungen - und ganz unterschiedliche Antworten darauf.

"Stein der Geduld" des Afghanen Atiq Rahimi (das Drehbuch hat er zusammen mit Jean-Claude Carrière geschrieben) ist in weiten Teilen ein Kammerspiel - eine junge Frau, gespielt von der großartigen iranischen Schauspielerin Golshifteh Farhani, pflegt ihren Mann, einen Religionskrieger, der seit einem Genickschuss ein paar Wochen zuvor im Koma liegt. Vor den Fenstern gehen die Kämpfe weiter, und drinnen beginnt sie dem erstarrten Gefährten zu erzählen, was in ihrem Kopf vorging während der Ehe - am Ende ihrer Beichte liegt ihr ganzes Leben in Schutt und Asche.

Wenn die eigene Frau zur Attentäterin wird

Es ist also eher eine innere Unruhe, die diese Filme gemein haben, die Gewissheit, dass irgendwas passieren muss und einstweilen niemand so genau weiß, was das sein soll - wie man unversöhnliche Standpunkte einen könnte. So ist das ganz besonders in Ziad Doueiris Film "The Attack", der sich genüsslich zwischen alle Stühle setzt. "The Attack" ist großartig gefilmt, im Grunde ein Psychokrimi: Es beginnt mit einer Preisverleihung, ein arabisch-stämmiger Arzt in Tel Aviv wird ausgezeichnet, er bekommt einen wichtigen Preis als erster Nicht-Jude - und hält dann die Rede eines Mannes, der sich seinen Platz in der israelischen Gesellschaft hat erkämpfen müssen, aber dort angekommen ist. Am nächsten Tag erwartet ihn eine harte Schicht im Krankenhaus - die Opfer eines Bombenattentats werden eingeliefert. Und dann ruft man ihn, um eine Leiche zu identifizieren: Seine Frau war die Attentäterin. Er versucht nun, Stück für Stück dahinter zu kommen, wie es dazu kommen konnte, dass er von diesem Doppelleben nichts gemerkt hat, und warum sie das Leben in Tel Aviv, den Wohlstand und die Freiheit, die ihr dort geboten wurde, nicht wollte.

Ziad Doueiri ist Libanese und hat als Kameraassistent bei Tarantino gearbeitet. Seinen Film hat er nun in Israel gedreht - er habe eine Debatte anzetteln wollen, sagt er, was schwierig wird: Im Libanon darf sein Film nicht gezeigt werden, er hätte, heißt es, nicht mit israelischen Schauspielern drehen dürfen. Doueiri hat in einem Interview mit der Los Angeles Times vor ein paar Tagen erklärt, wo er den Grund sieht: "Mein Vergehen war es, sympathische Israelis zu zeigen. Die Leute denken, wenn du neutral bist, nimmst du tatsächlich den Standpunkt der Israelis an."

Radfahren gegen die Unterdrückung

Es widerfährt ihm da ein ähnliches Schicksal wie seinem Protagonisten im Film - er gerät in Konflikt mit seiner Identität, er gehört am Ende zu keiner Gruppe, nur sich selbst. Auch der fiktive Held in Mira Nairs "The Reluctant Fundamentalist", der ebenfalls beim Filmfest gezeigt wird, gehört nirgendwo dazu - aber er kann sich an dieses Gefühl nicht gewöhnen. Changez ist ein amerikanisierter indischer Banker, der sich nach 9/11 in einen fundamentalistischen Muslim verwandelt und heimkehrt - ein langes Gespräch mit einem amerikanischen Journalisten (Liev Schreiber) bildet den Rahmen der Geschichte, der Versuch einer Erklärung.

Schon dass es so viele Filme gibt, die sich mit diesen Themen befassen, die in Ländern entstanden sind, in denen nur sehr wenige Filme gedreht werden, ist dann vielleicht doch ein Zeichen des Aufbruchs. Das beste Beispiel dafür ist "Wadjda" - in Saudi-Arabien gedreht, wo sonst so gut wie keine Spielfilme gemacht werden, und dann auch noch von einer Frau: die Geschichte eines kleinen Mädchens, das die ortsübliche Unterwerfung verweigert. Sie lässt sich ihre Träume nicht verbieten, redet zu viel und will unbedingt radfahren. Haifaa Al-Mansous Film ist eine Umarmungsgeste, eine Art romantischer Feminismus - Wadjdas kleiner Verehrer wird ihr Verbündeter bei der Mission Fahrrad. Er schleppt ihr sogar sein Rad zum Üben aufs Dach.

Gute Laune gegen böse Vorurteile

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