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18-CD-Box von Bob Dylan Ambitioniert bis größenwahnsinnig

Junger Mann mit großer Schaffenskraft: Bob Dylan auf dem Cover von "Bob Dylan: The Best of the Cutting Edge 1965-1966: The Bootleg Series Vol. 12".

(Foto: AP)
Zwei Jahre Schaffenszeit auf 18 CDs - erhältlich für schlappe 599 Dollar. Ein nächtlicher Selbstversuch mit der neuen Musikbox von Bob Dylan.
Von Max Dax

Die großen Evolutionsschritte in der Musik begannen im Rückblick oft mühsam und unspektakulär. Im Januar 1965 blickt der 23-jährige Bob Dylan auf eine gerade mal dreijährige, in der Geschichte der Folkmusik beispiellose Blitzkarriere als politischer Sänger zurück. Er hätte einfach so weitermachen können, die soziale Ungerechtigkeit besingen, den Rassismus bloßstellen und das, was man im Amerikanischen als den "Topical Song" bezeichnet - das Singen über ein Phänomen im Unterschied zum Singen über die eigene Befindlichkeit - ausreizen können, bis alle politischen Korrektheiten abgehakt sind. Tatsächlich verschlingt Dylan Rimbaud, Brecht, Kerouac, Ginsberg.

Am Schreiben interessieren ihn zunehmend die Ausmessungen des Persönlichen, gefiltert durch das Surreale. In nur 14 Monaten nimmt Dylan seine drei "elektrifizierten" Alben "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde on Blonde" auf - als Trilogie definierten sie die Neuerfindung der Rockmusik als surrealistische, nervöse, stromgetriebene Poesie. Es war nach dem Durchbruch von Elvis 1956 und vor Miles Davis' Erfindung des elektrischen Jazz 1969, der bis heute größte Epochenbruch in der Geschichte der neueren Popmusik, der von einer Einzelperson ausging.

Vom Januar 1965 bis zum Februar 1966 produzierte Dylan weit über 18 Stunden Musik im Studio. Jeder Take, jeder Geistesblitz, aber auch jeder Irrweg wurde auf teures Tonband gebannt und kann jetzt für schlappe 599 Dollar (plus Steuer) als ausufernde 18-CD-Box mit dem Titel "The Cutting Edge Limited Collector's Edition" erstanden werden. Selbst die abgespeckte "Deluxe"-Ausgabe für ein Viertel des Preises kommt mit sechs randvollen CDs daher - eine davon listet zwanzig verschiedene Takes von Dylans Signatursong "Like a Rolling Stone". Zu guter Letzt gibt es auch eine Zwei-CD-Volksausgabe mit den aus den Sessions herausragenden Höhepunkten.

Knallhart merkantile Strategie

Ganz klar haben wir es hier mit einem ambitionierten, wenn nicht größenwahnsinnigen Archivierungsprojekt zu tun. Dabei steht die Reihe der "Bootleg Series"-Veröffentlichungen für ein in mehrerlei Hinsicht interessantes Geschäftsmodell. Als die ersten drei Folgen der "Bootleg Series" 1991 auf den Markt kamen, war der Hauptantrieb, dem wild wuchernden Schwarzmarkt von Raubkopien eine legale Antwort zu geben. Tatsächlich verkaufte gleich die erste Folge bis heute über 300 000 Einheiten, einige Kopplungen gerieten gar zu künstlerischen Höhepunkten - das "Judas"-Konzert von 1965 in Manchester etwa oder die "Complete Basement Tapes" von 1967.

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Dem Veröffentlichungswahnsinn Dylans liegt aber auch noch eine andere, ebenfalls knallhart merkantile Strategie zugrunde. Nach europäischem Urheberrecht nämlich verfällt das Copyright einer Aufnahme nach fünfzig Jahren. Jeder könnte dann theoretisch ein Label gründen und entsprechend alte Dylan-Songs legal veröffentlichen - wenn sie nicht zuvor offiziell veröffentlicht wurden. Werden sie es aber, verlängert sich das Copyright automatisch um zwei Jahrzehnte.

Seit 2012 - also dem Jahr, in dem sich die ersten Aufnahmen Dylans zum fünfzigsten Mal jährten - veröffentlicht Columbia/Legacy in bizarren Kleinstauflagen monströse Vinyl-Boxen mit dem bezeichnenden Titel "The Copyright Extension Series". Sie schützen wirklich jede von Dylan eingesungene Silbe urheberrechtlich. Der Aufreger: Die kiloschweren Fetische wurden über Nacht zu Ebay-Spekulationsobjekten, die oft für das 20-Fache ihres Kaufpreises gehandelt werden.

Anstrengende Reise in den Sound

Wenn es also außer der Copyright-Sicherung (und der Aussicht auf eine Geldanlage) keinen auf Anhieb einleuchtenden Grund gibt für den Kauf einer 18-CD-Box, so lohnt sich der Blick darauf, was eigentlich mit einem selbst passiert, wenn man sich die sogenannte Deluxe-Version ohne Unterbrechung im siebenstündigen, nächtlichen Selbstversuch anhört.

Man begibt sich auf eine faszinierende, aber auch anstrengende Reise in den Sound, oder besser gesagt: in die Anatomie eines sich in radikaler Veränderung befindlichen Sounds. Dylan lässt in einem Akt der Emanzipation das lineare Erzählen, den Protestsong und die sichere Rückendeckung einer Volksbewegung hinter sich. Er hat ganz offenbar eine konkrete Idee im Kopf, einen genuin neuen Klang, den er unbedingt auf Tonband bannen will, bevor sich die Idee verflüchtigt. Das setzt ihn unter Zeitdruck.

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Musiker werden berufen und ausgetauscht. Aufnahmesessions werden in verschiedenen Studios gebucht und bis in die Morgenstunden ausgereizt. Immer wieder wird der Aufnahmeprozess von Tourneeverpflichtungen unterbrochen. Während Dylan die musikalisch noch dem Folk verbundenen, aber lyrisch bereits auf Neuland wandelnden Songs wie "Gates of Eden" oder "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)" auf dem noch halb akustischen Album "Bringing It All Back Home" meist im ersten Take gelingen, ist der Findungsprozess der voll elektrifizierten Nummern umso mühsamer und endet oft in Sackgassen.

Frustrierendes Tasten und Suchen

Die "The Cutting Edge"-Sammlung dokumentiert das frustrierende Tasten und das Suchen und zunehmend auch das Erzwingen eines höhenlastigen, quecksilbrigen Soundgemenges aus Mundharmonika, Orgel, elektrischer Gitarre und Stimme, das Dylan später als "that thin, that wild mercury sound" bezeichnen wird. Dylan kennt Godards Film "À bout de souffle" aus dem Jahr 1959, er geht in Warhols Factory ein und aus, hat mutmaßlich Affären mit Nico und Edie Sedgwick. Er ist angetrieben von der Vision, die von ihm so geliebte, tief in der amerikanischen Tradition verwurzelte schwarze Blues-Musik mit der weißen Moderne zu kreuzen.

Auf dem Weg von der Idee bis zur Umsetzung entstehen eine ganze Reihe umwerfender, verworfener Blues-Songs, auf denen andere Musiker ganze Karrieren aufgebaut hätten. Und es gibt auf "The Cutting Edge" schmerzhafte Momente der Orientierungslosigkeit, in denen sich andeutet, wie grandios Dylan auch hätte scheitern können, wenn er nicht dem Rat seines Produzenten Bob Johnston gefolgt wäre und die Sessions vom rastlosen New York ins ruhigere Nashville verlegt hätte. Das bedeutete nicht zuletzt einen Clash zwischen Dylan, dem zukunftssüchtigen, Amphetamine schnupfenden, rastlosen Hipster aus Manhattan, und den gewerkschaftlich organisierten, tiefenentspannten Studio-Cracks der Nashviller Country-Szene. Zwischen ihnen: ein Graben, der überwunden werden muss.

Die siebenstündige Odyssee von "The Cutting Edge" offenbart, wie zwischen dem Januar 1965 und Februar 1966 jene drei Alben langsam aber sicher ihre Form annahmen, die aus heutiger Sicht wie ein glatter Schnitt die Geschichte der amerikanischen Musik in ein Vorher und ein Nachher trennen.

Nur noch gleißende Gegenwart

Als das zwölfminütige, epische Liebeslied "Sad-Eyed Lady of the Lowlands" schließlich den Hörmarathon beendet, ist die Metamorphose vom politisch korrekten Kumpeltypen zum fraktalen, leuchtenden, nunmehr unerreichbaren Popstern endgültig vollzogen. Majestätisch und selbstverständlich klingt dieser Take. Zwischen den Hörer und den Sänger schieben sich Erschöpfung und eine schwer beschreibbare Form der Entfremdung - eine Entfremdung, die überhaupt erst einen freien, unverstellten Blick auf dieses Jahrhundertalbum "Blonde on Blonde" möglich macht.

Nach sieben Stunden "The Cutting Edge" nämlich erklingt "Blonde on Blonde", übrigens das erste Doppelalbum der Musikgeschichte, in seinem thin, wild mercury sound, in seiner schlaflosen, ätherischen Schwerelosigkeit so modern wie nie zuvor - ein Album, das wir meinten zu kennen, klingt mit einem Mal so überreizt und schwebend, als gäbe es kein Morgen mehr und keine Vergangenheit, sondern nur noch gleißende Gegenwart.

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