55. Biennale von Venedig Erstaunlicherweise nichts zu kaufen

Aber die Depression des Westens, von aller Dynamik ausgeschlossen zu sein, ist unübersehbar, gerade bei denen, die schon seit Langem teilhaben an der Weltkunstschau. Dänemark und Griechenland versuchen sich immerhin an der Übersetzung in elegische Videobilder. Jesper Just zieht mit der Kamera durch halb fertige Neubaugebiete. Im griechischen Pavillon sieht man zwei Männer, verlassen wie Robinson und Freitag, die Ruinen ehemaligen Wohlstands fleddern. In den arrivierten Ländern steht die Zeit bestenfalls still, während andernorts Revolutionen stattfinden, Rohstoffe gefördert werden, Reichtum wächst. Von der aktiven Teilhabe an Geschichte ausgeschlossen, hat man nun Zeit, das ganze Konzept Historie strukturell zu überdenken. Hier mag die Ursache für den Egal-Dekonstruktivismus liegen, mit dem man die Verbindlichkeiten der Länderpavillons aufgibt. Nicht nur Deutschland - wo Künstler aus vier Nationen ausstellen -, hat den Pavillon mit Frankreich getauscht, auch am Beton-Brut-Bau der Skandinavier wirbeln die Bronzebuchstaben der Ländernamen munter durcheinander.

Eine Skulptur von Marc Quinn auf der Insel San Giorgio Maggiore bei der Biennale von Venedig.

(Foto: AFP)

Das unterscheidet sie von den erst jüngst Arrivierten. Die Gassen, die zu den Etagen oder Hinterhöfen führen, die Länder wie Bosnien-Herzegowina, Estland oder Slowenien angemietet haben, sind ein Mosaik aus Aufklebern, die den Weg weisen. Im vom Irak angemieteten Palazzo kann man Tee genießen, die Syrer fahren eine Gruppenschau auf, das rohstoffreiche Aserbaidschan hat gleich drei Stockwerke bestückt. Im Eingang liegt Baku aus, ein Kunstmagazin, dessen Chefredakteurin Leyla Aliyeva die "Destination Biennale" als das weltweit größte kulturelle und soziale Art Event preist, auch wenn es dort erstaunlicherweise nichts zu kaufen gibt.

"Beim Packen ist es klug, bequeme Schuhe mitzunehmen. Gefeiert wird sowieso barfuß, denn die besten Partys finden auf Yachten statt." Man wird die Kunst von Farid Rasulov, der hier Wände und Mobiliar mit Teppichornamenten überzogen hat, übrigens nicht lange für folkloristisch halten. Nur wenige Schritte entfernt zeigt der Palazzo Grassi fast das gleiche Konzept, nur dass dort der international hoch gehandelt Rudolf Stingel signiert und Mega-Sammler François Pinault einlädt.

Während sich also die neuen Mitspieler jenseits ihrer Partyboote in bequemen Schuhen die Beine ausreißen, um endlich dabei zu sein, lehnen sich die US-Amerikaner, die ja als die Erfinder des Spiels "contemporary art" gelten müssen, zurück und zeigen eine lahme Installation von Sarah Sze aus Alltagsgegenständen. Angeblich sind nur neun Journalisten für US-Tageszeitungen akkreditiert, dass Leonardo DiCaprio vielleicht gerade im Guggenheim-Bungalow feiert, könnte in LA aufmerksamer diskutiert werden als die Komplexität von "Imitation of Life", dem steppenden Esel, der Hollywood und die Biennale auch zusammenbringt, leichtfüßiger sogar. Doch bleibt es ein Manko, dass die 55. Biennale nicht über die Manipulation von Historie hinauskommt, dass sich nur selten ein Gefühl von Zeitgenossenschaft einstellt. Auch wenn sie vielleicht nie vorhatten, mit dem Pinsel als Zauberstab Visionen auszumalen oder Konzepte zu dirigieren wie mit einem mächtigen Taktstock, so gaben Picasso oder Buren ihrem Publikum immerhin etwas mit auf den Weg, das man gebrauchen konnte, als Kompass oder wenigstens als Krücke.