60. Berlinale: Shutter Island "Leo, please"

Psychothriller statt Schnulze: Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese haben bei der Berlinale ihren neuen Film vorgestellt. Die Damenwelt ist begeistert.

Von Anna Kessler, Berlin

Leonardo DiCaprio gehört wohl zur ersten Riege der Hollywood-Stars, keine Frage. Der klassische Charakterkopf allerdings ist er nicht - noch nicht. Die Liebesfilme vom Schlag der Titanic hängen ihm nach. Da kann er noch so brillant agieren.

Bei der 60. Berlinale stellte der 35-Jährige zusammen mit Hollywoodregisseur Martin Scorsese den Psychothriller Shutter Island vor. Doch nicht der Film, der in Berlin außer Konkurrenz läuft, begeistert die Damen im Saal. Es ist der blonde Mann mit dem exakt gescheitelten und gegelten Haar, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Einige starren wie gelähmt auf das Antlitz von Leonardo DiCaprio. Die Herren finden das eher lustig. "I love you, Leo", witzelt ein amerikanischer Journalist, der Kollege haut ihm lachend auf die Schulter. Die Frauen drumherum haben Besseres zu tun. Sie schmachten Richtung Podium und warten darauf, dass Leo endlich seinen Kopf hebt und die eisblauen Augen im Saal umherwandern lässt.

"Leo, please", betteln die Fotografen. In drei Reihen haben sie sich vor dem Podium aufgestellt, nicht mal Ex-James Bond Pierce Brosnan hatte so viele Kameras angelockt. DiCaprio gibt ihnen, was sie wollen: Den Leo-Blick. Den mit der doppelten Stirnfalte, wie er schon bei Titanic zu bewundern war.

Schick hat er sich gemacht, der junge Mann: graues Sakko mit dezentem Karomuster, darunter ein hellblaues Hemd. Zwei Podiumsplätze weiter sitzt Schauspielkollege Mark Ruffalo. Der allerdings sieht so aus, als sei er eben aus dem Bett gesprungen. Was bei DiCaprio eine Spur zu perfekt sitzt, fehlt bei Ruffalo gänzlich. Ungekämmtes Haar auf der einen, perfekt Drapiertes auf der anderen Seite. Und dazwischen: Martin Scorsese.

Zwei Alphatiere

Der kleingewachsene Altmeister des Films schaut durch seine riesigen Brillengläser in den Saal. Sein Blick tastet alles ab, Scorsese ist hellwach. Er und Leo sind die Alphatiere, die Selbstdarsteller auf dem Podium. Die beiden Produzenten und die anderen Schauspieler wirken wie die Anhängsel am scheppernden Schlüsselbund Scorseses.

Shutter Island ist nach Gangs of New York, The Aviator und The Departed bereits der vierte gemeinsame Film von DiCaprio und Scorsese. "Ich bin sehr glücklich, mit jemandem zusammenarbeiten zu können, der so talentiert und wissend ist", sagte DiCaprio über seinen Regisseur.

Kriminelle Psychopathen

In dem 138 Minuten langen Werk Shutter Island reist DiCaprio als US-Marshall Teddy Daniels auf eine düstere Gefängnisinsel vor der Küste Bostons. Gefährliche, kriminelle Psychopathen werden dort von einem Wärter- und Ärzteteam um Dr. Cawley (Ben Kingsley) betreut. Doch eine Insassin ist spurlos aus ihrer Zelle verschwunden. Gemeinsam mit seinem Partner Chuck Aule (Ruffalo) nimmt Marshall Daniels ihre Spur auf. Bei seinen Ermittlungen stößt Daniels auf finstere Machenschaften von Dr. Cawley, der wohl medizinische Experimente mit den Gefangenen macht. Und was verbirgt sich in einem von Wellen umtosten Leuchtturm neben der Insel, zu dem der Marshall keinen Zugang erhält? Als ein Sturm die Insel von der Außenwelt abschneidet, fühlen sich Daniels und Aule plötzlich in Lebensgefahr.

Der Marshall wird außerdem von immer stärker und bedrohlicher werdenden Erinnerungen aus seiner Vergangenheit verfolgt, die ihn am Ende an seinem eigenen Verstand zweifeln lassen. Die Auflösung der Geschichte nach einem Roman von Dennis Lehane ist ebenso überraschend wie schockierend. "Worin Scorsese ein Meister ist, ist, dass er eine emotionale Geschichte erzählt und gleichzeitig bestimmte Elemente sehr doppeldeutig macht. Er zeigt nie Schwarz oder Weiß, sondern behandelt die Grauzonen", sagte DiCaprio.

Das Podium gehört an diesem Nachmittag DiCaprio und Scorsese. Das Verhältnis der Beiden wirkt wie das von zwei stolzen Antilopen, die sich gegenseitig nicht in den Weg kommen wollen, das Revier des anderen aber sehr wohl akzeptiert haben. Leo darf sich als Schauspieler austoben, genießt Scorseses Vertrauen, der Meister lässt ihn machen.

Kein Platz für Andere

Es hilft nichts, dass Produzent Mike Medavoy immer wieder einwirft, er würde zu der einen oder anderen Frage "auch gern noch etwas anfügen". Selbst der große Sir Ben Kingsley kommt kaum zu Wort. Leo sagt über Scorsese: "Das größte Geschenk, das er mir gemacht hat, war sein Einsatz." Und Scorsese bescheinig seinem Zögling: "Er ist ein großer Schauspieler geworden." Womit er natürlich meint, dass er das durch ihn geworden ist.

Unter Scorsese ist Leo erwachsen geworden. "Bei Aviator habe ich mich zum ersten Mal verantwortlich gefühlt", sagt DiCaprio. Scorsese nickt ihm zu. Und Leo weiß, was er seinem Lehrer schuldig ist. Er sucht immer wieder Scorseses Bestätigung, wenn er den Journalisten antwortet. Betont, dass beide ein sehr ähnliches Kunstverständnis hätten, sich deshalb in Filmfragen meistens einig seien und deshalb bei der Arbeit zu Shutter Island hervorragend zusammenarbeiten konnten.

Nur einen Moment lang dreht sich nicht alles DiCaprio und Scorsese. Michelle Williams, die im Film DiCaprios verstorbene Frau spielt, mag nicht so recht in die Lobhudelei einstimmen. Ob die Arbeit mit DiCaprio Spaß gemacht habe, wird sie gefragt. Ihre Antwort passt nicht so recht zu der des selbstverliebt wirkenden Hollywood-Beaus. "Ich weiß nicht, ob es spaßig war", sagt Williams. "Erschöpfend" sei es vielmehr gewesen und "emotional belastend".

Nicht nur in diesem Moment wirkt DiCaprio angespannt. Immer wieder schaut er zur Tür, streicht sich mit der linken Hand über die Nase, wenn er einen Satz gesagt hat, als wolle er das Gesagte abstreifen. Er presst die Mundwinkel aufeinander, als müsse er sich etwas verkneifen. Seine Antworten gibt er routiniert - er bedient die Journalisten.

Leicht genervt schaut er aus, als man ihn bittet, den Fans etwas auf Deutsch zu sagen. Er muss das immer tun, wenn er in Deutschland ist. Die Familie mütterlicherseits ist Deutsch. Noch genervter als DiCaprio reagiert der Moderator - er zeigt der Journalistin einen Vogel. Leo hingegen nuschelt brav: "Ich bin ein Berliner" und "Alles klar".

Alles klar. Nach einer Dreiviertelstunde hat er alles überstanden.

Im Video: Der Hollywood-Schauspieler gab den Journalisten auf der Berlinale eine kleine Kostprobe seiner Sprachkenntnisse. Mit dabei war auch die Mutter des 35-Jährigen und die ist mächtig stolz auf ihren Sohn.

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