88. Academy Awards Endlich Respekt für Rocky

Über ihn lästert niemand: Sylvester Stallone mit seiner Frau Jennifer Flavin auf dem roten Teppich vor der Oscar-Verleihung.

(Foto: AP)

Sylvester Stallone hat den Oscar für den besten Nebendarsteller nicht bekommen - und gewinnt trotzdem.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Respekt. Das ist, neben der Aussicht auf zusätzliche Einnahmen, seit mittlerweile 88 Jahren der einzige Grund, im Februar goldene Statuen an Filmemacher zu verleihen. Schauspieler, Regisseure, Komponisten, Maskenbildner, Autoren: Sie alle werden durch einen Sieg bei den Academy Awards als Künstler legitimiert und dürfen sich ein Leben lang Oscargewinner nennen. Sylvester Stallone ist kein Oscargewinner, er wurde am Sonntag nicht als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Stallone saß lächelnd da, er klatschte und gratulierte sogleich, als Mark Rylance für seine Rolle als russischer Spion in "Bridge of Spies" ausgezeichnet wurde.

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Stallones Rolle im Boxerfilm Creed: Rocky. Natürlich, wer auch sonst? Er hat den Boxer mit den überdimensionierten Muskeln und dem noch größeren Herzen vor 39 Jahren zum ersten von insgesamt sieben Malen verkörpert, er war damals ebenfalls für den Oscar nominiert - als Hauptdarsteller und Drehbuchautor. Der Film selbst und auch Regisseur John Avildsen gewannen, Stallone unterlag in seinen Kategorien. Seitdem war er eher ein Anwärter auf andere Auszeichnungen wie etwa die Goldene Himbeere für den schlechtesten Schauspieler des Jahres - von 1985 bis 1993 sogar durchgehend für auf Zelluloid gebrannte Offenbarungseide wie Over the Top, Tango & Cash und Rambo III. Er drehte auch Filme wie Demolition Man, Cobra und Cliffhanger, die Krawall-Actionknaller der Neunzigerjahre, die von der Kritik verschmäht und vom Publikum geliebt wurden.

Grandioser Geschichtenerzähler

Stallone verdiente mit diesen Filmen einen Haufen Geld, wie seine Kollegen Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude Van Damme oder Wesley Snipes auch. Diese Krach-und-Knall-Filme mit mittlerem Budget werden jedoch kaum noch produziert in einem Hollywood, das zu fast 100 Prozent Fortsetzungen und Superhelden-Streifen produziert. Einzige Ausnahme: The Expendables von Drehbuchautor Sylvester Stallone und mit dem Hauptdarsteller Sylvester Stallone, der die alten Recken reaktiviert und selbstironisch über die Leinwand laufen lässt.

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Für diese Filme ist Stallone ebenso bekannt wie für sein Mitwirken an Softpornos zu Beginn seiner Karriere. Er musste Geld verdienen, weil er zu der Zeit obdachlos war und im Busbahnhof von New York schlief: "Ich war am Ende: Entweder so ein Film, oder ich hätte jemanden ausrauben müssen." Deshalb wird oft vergessen, dass Stallone - dessen untere linke Gesichtshälfte seit seiner Geburt gelähmt ist, was für diese einzigartige Mimik und diese schnoddrige Sprache sorgt - ein grandioser Geschichtenerzähler ist. Er hat nicht nur das Drehbuch zu Rocky geschrieben, sondern auch zu John Rambo, bei dem er wie beim John-Travolta-Tanzfilm Staying Alive auch Regie geführt hat. Stallones Lebenstraum: ein Film über Edgar Allen Poe, er arbeitet seit Jahren an einem Drehbuch.

"Was sich für mich verändert hat: Jetzt hören mir meine Kinder wenigstens mal fünf Minuten lang zu", sagt Stallone: "Ich werde von ihnen wegen der Nominierungen wenigstens ein bisschen respektiert." Stallone gehört zu den beliebtesten Schauspielern in Hollywood, es gibt in dieser Stadt, in der permanent hinter dem Rücken gelästert wird, niemanden, der auch nur ein böses Wort über ihn verliert. Stallone ist berühmt und beliebt - und auch ohne Oscar hat er spätestens seit Creed auch noch das, was sich jeder Filmemacher wünscht: Respekt.

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