TV-Duell Wozu das Ganze?

Viele wichtige Themen, die die Bürger plagen, wurden bei der Fragerunde ausgespart, die Kontrahenten waren auf Schmusekurs, aber wenigstens lief alles ja sooo kultiviert ab.

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

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"Drum prüfe, wer sich bindet" vom 6. September, "Auf ein Neues" vom 5. September, "Versemmelt" vom 4. September:

Wohltuende Langeweile

Wie sehr haben wir in Deutschland gehofft, dass es weder Marine Le Pen in Frankreich noch Geert Wilders in den Niederlanden schaffen, die Regierung nach den Wahlen in ihren Ländern übernehmen zu können. Mit Abscheu ist in Deutschland der Wahlkampf von Donald Trump in den USA verfolgt worden sowie dessen Fortsetzung in den unsäglichen Fernsehduellen mit Hillary Clinton. Aus dem polnischen und ukrainischen Parlament sind uns Szenen von Prügeleien und massiven verbalen Auseinanderstzungen bekannt. Beim Fernsehduell zwischen Frau Merkel und Herrn Schulz habe ich mich spätestens nach zehn Minuten gelangweilt. Frau Merkel ist keine gute Rednerin und versteht es, sich nicht herausfordern zu lassen. Herr Schulz war hingegen - wie Heribert Prantl schreibt - "zu wenig machtbewusst". Wie wohltuend ist es zu wissen, dass Deutschland in Zeiten wie diesen an der Spitze der regierenden Parteien Politiker hat, die in der politischen Auseinandersetzung respektvoll und höflich miteinander umgehen, auch auf Kosten der Langeweile. Detlef Otto, Planegg

Unterföhring!

TV-Duell mit Cem Özdemir und Joachim Herrmann: Warum der CSU-Politiker nichts gegen Kohlekraftwerke tue? Herrmann: "Wo gibt's denn in Bayern noch ein Kohlekraftwerk?" und im Nebensatz erwähnt er: "Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen habe Braunkohlekraftwerke laufen lassen, nicht die bayerische." Özdemir rudert. Meine Antwort für die Herren Özdemir und Herrmann: in der bayerischen Landeshauptstadt München, in Unterföhring. Georg Jakob, Oberschleißheim

Mächtige Gegenwart

Etikettenschwindel: statt eines Duells ein sanftes Duett. Armer Schulz. Wirkte wie ein Pressesprecher der Kanzlerin. Muss er doch längst wissen: Die politische Zukunft Angela Merkels war, ist und bleibt immer die Gegenwart. Auf zur vierten Runde! Hans-Jürgen Speitel, Köln

Die wahren Verlierer

Verlierer des TV-Duells waren die Moderatoren. Sie haben es geschafft, Wahlkampfhilfe für die AfD zu leisten, obwohl diese eigentlich überhaupt nicht dabei war. Sie waren nicht einmal in der Lage, die zu Beginn der Sendung angekündigten Themen, die schon eine starke Einschränkung der Fragen darstellen, welche die Wählerinnen und Wähler beschäftigen, zu diskutieren. Während das Thema Flüchtlinge die Hälfte der Sendezeit einnahm, kam die soziale Gerechtigkeit fast überhaupt nicht vor. Das Thema Flüchtlinge wurde auch noch negativ besetzt. Bekämpfung der Fluchtursachen, zum Beispiel durch fairen Handel, wurde nicht diskutiert. Auch die Integration der Flüchtlinge spielte keine Rolle. Auffällig war, dass Martin Schulz von den Moderatoren häufig unterbrochen wurde, die Kanzlerin nicht. Von Martin Schulz wurde erwartet, dass er die Einkommensteuertabelle auswendig gelernt hat und schnell errechnen kann, was eine Familie mit zwei Kindern bei einem Monatseinkommen von 3500 Euro nach den Vorstellungen der SPD spart (Steuererleichterung, Wegfall der Kitagebühren). Die Kanzlerin wurde nicht gefragt, welche Vorteile eine Familie mit zwei Kindern mit einem Monatseinkommen von 90 000 Euro nach den Plänen der CDU haben soll. Die Vorgaben des Kanzleramtes für das Duell haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass große Spannung nicht aufkommen konnte. Die Moderatoren haben diese Strategie durch ihre Fragestellungen noch verstärkt. Es ist daher überhaupt nicht überraschend, dass es beim Duell der kleinen Parteien kontroverser zuging. Wieso war da eigentlich die CSU dabei, die ja in 15 von 16 Bundesländern nicht zur Wahl antritt und sich selbst sonst nicht als kleine Partei bezeichnet? War das auch eine Vorgabe des Kanzleramtes? Winfried Wolf, Hamburg

Auf Schmusekurs

Als es vorbei war, gaben sie sich artig die Hand. Man kann aber davon ausgehen, dass die Angela den Martin hinter den Kulissen unterhakte und mit einem Augenzwinkern fragte: "Geh'n wir zu dir oder zu mir?". Es war ein fast verschmustes Gespräch mit körpersprachlich wechselseitigen und wohlwollenden Gesten der Zustimmung, manchmal auch direkt verbal. Eine kuschelige Atmosphäre, die auch durch die weichgespülten Fragesteller nicht aufgelöst werden konnte. Da hätten die Sender gut daran getan, beim ORFnachzufragen, ob sie nicht dessen stellvertretenden Chefredakteur Armin Wolf für einen Abend ausleihen könnten. Und die Blitzumfrage mit tausend Zuschauern und dem daraus resultierenden Vorsprung der Kanzlerin gegenüber dem Herausforderer, war nicht dem Amtsbonus, sondern dem "Mutti-Bonus" geschuldet. Manfred Mader, Buttenheim

Das Wichtige ausgespart

Bei diesem Duell, bei dem es eigentlich um die Gestaltung der Zukunft unseres Landes gehen sollte, wurde nervig lang über Vergangenheitsbewältigung und Außenpolitik gesprochen. Wahrscheinlich gehört unsere Moderatoren-Elite zu den selbstgefälligen Bürgern, die außer der Flüchtlingsthematik und der inneren Sicherheit keine Probleme in diesem Lande sehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass kaum Fragen kamen zur sozialen Absicherung, zu den Eckpunkten einer Steuerreform für mehr Steuergerechtigkeit, zur Abschaffung des Soli, zur Sicherstellung einer Minimalrente, zum Pflegenotstand, zur Reduktion der Arbeitslosenzahl. Und auch keine Fragen zur Zukunft unseres Hightech-Landes, das von seinem Export lebt und in einigen Bereichen schon rückständig ist, keine Fragen zur Bildungsreform mit weniger Länderkompetenz, zur exzessiven Vorantreibung der Digitalisierung bei den Netzen, in den Schulen und in der Verwaltung, zur drastischen Reduktion des Investitionsstaus bei Straßen, (Rhein-)Brücken und wieder bei den Schulen, zur Bereinigung nicht-elektrifizierter und eingleisiger Schienenstrecken, zur Abschaffung der Kohlekraftwerke, zur konsequenten Reduktion des bürokratischen Überperfektionismus in vielen Bereichen. Und so weiter. Frau Merkel war sicherlich sehr zufrieden mit den Fragestellungen. Werner Böning, München

Reine Hofberichterstattung

Es ist schon erstaunlich, dass nach dem sogenannten TV-Duell schon wieder völlig in Vergessenheit geraten ist, wie die Bundeskanzlerin massiv auf das Format der Sendung Einfluss genommen hat. Wie frei ist eigentlich unsere Presse, in diesem Fall das Fernsehen, wenn Frau Merkel vorschreibt, dass der Ablauf der Sendung wie gehabt sein muss? Da sich Schulz recht tapfer geschlagen hat, muss ich vermuten, dass die Kanzlerin in einer direkten Konfrontation recht schlecht ausgesehen hätte. Auch kann ich den Herausforderer nicht verstehen, dass er nicht auf einer Veränderung des Formats bestanden hat. Wenn es Bedingung gewesen ist, das Duell in der gleichen Weise wie in der Vergangenheit ablaufen zu lassen, dann hätten die Verantwortlichen im Fernsehen ganz klar sagen müssen, dass sie sich dies von Politikern nicht vorschreiben lassen, oder die Sendung ganz absetzen müssen. Für mich ist auch dies eine Form von "Hofberichterstattung" und die sollte eigentlich der Vergangenheit angehören! Burkhard Colditz, Sindelsdorf

Stolz auf Deutschland

Ich schreibe von einem faraway land, Zypern, indem ich ein halbes Leben schon sesshaft bin. Zur Erinnerung: Südzypern ist EU-Land. Ich habe die Debatte Merkel/Schulz gesehen. Und ich muss sagen, seit langer Zeit bin ich eigentlich stolz auf mein Geburtsland. Der Grund ist der: Die TV-Debatte ist, trotz unterschiedlicher Aspekte, soo kultiviert verlaufen. Endlich hat Europa wieder gezeigt, zu was es fähig ist in Anbetracht der langen Geschichte, die uns im Umgang miteinander Werte gelehrt hat. Auch mit Gegnern hart zu diskutieren, aber nicht, nach amerikanischem Vorbild, ausfallend und beleidigend zu werden. Well done, Deutschland! Renate Schaefer-Low, Limassol/Zypern

Und nichts geschieht

Bei Fernsehdiskussionen, persönlichen Vorstellungen der Kandidat*innen oder auf den Wahlplakaten, die jetzt überall hängen, erstaunt mich vor allem: Jede/r weiß, worauf es ankommt, woran es krankt und was welche Bevölkerungsschicht braucht - und ich frage mich, warum krankt es und warum hat man diese Dinge nicht längst erledigt? Braucht es dafür eine Bundestagswahl, um zu verstehen, was hätte getan werden müssen oder sollen? Karin Boger, Karlsfeld