SZ-Werkstatt Purzelnde Bücher

Japan-Korrespondent Christoph Neidhart muss derzeit viel über Nordkorea und seine Raketen schreiben. Die Japaner aber sorgen sich über etwas anderes.

Nordkorea, schon wieder! Wenn die Regierung in Pjöngjang eine Rakete startet, meist im Morgengrauen, verschiebe ich mein morgendliches Radtraining. Wegen des Zeitunterschieds zwischen Japan und Deutschland gehören die Vormittage für mich tendenziell zur Freizeit, sofern ich nicht an einer Veranstaltung teilnehmen muss. Abends dagegen schreibe ich: Wenn die Redaktion in München entscheidet, was ins Blatt von morgen kommt, sitzen wir in Tokio in der Regel beim Abendessen. Doch die Berichterstattung über die Rakete kann nicht warten, vielleicht möchte die Online-Redaktion eine Einschätzung - obwohl sie auch weiß, dass es eigentlich nichts Neues gibt. Unsere Nachbarin sagt: "Ich hasse diesen Kim Jong-un." Sorgen macht sie sich keine; eigentlich niemand. Nordkorea, obwohl geografisch nah, ist für sie weit weg. Und die Südkoreaner ignorieren den Norden völlig. Das übliche Pressefoto von Menschen, die die Rakete in den TV-Nachrichten sehen, stammt stets vom gleichen Großbildschirm am Bahnhof Seoul. Die Leute warten auf den Zug.

Während die japanische Regierung Nordkorea als Gefahr aufbauscht, spielt sie die Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima herunter. Tokio wird nicht müde zu betonen, Lebensmittel aus der Region seien sicher. Das mag stimmen, die Kontrollen sind streng. Dennoch sorgt sich unsere Nachbarin. Wie viele andere Mütter auch, kauft sie keine Lebensmittel aus Fukushima.

Japan ist sauber, sicher, pünktlich. Sorgen muss man sich keine machen - wäre laut Erdbebenvorhersage nicht ein Mega-Beben in Tokio längst überfällig. Kleinere Beben erinnern uns regelmäßig daran. Einmal brach der Verputz an einer Wand herunter, einmal purzelten Bücher aus dem Regal. Jedes Beben ist anders, alle wecken die Sinne: Wie stark ist es? Zur Erdbebenvorsorge sollte man Trinkwasser- und Notvorräte anlegen. Sollte man. Aber sich zu sorgen ist bequemer als Vorsorge.