SZ-Werkstatt Musik statt Politik

Joseph Hanimann, 64, wurde im schweizerischen Chur geboren. Nach dem Studium der Philosophie in Genf, Berlin und London ist er seit 1979 in Paris als Dozent, Autor und Journalist tätig, seit 2011 für die SZ.

(Foto: Enguerrand)

SZ-Korrespondent Joseph Hanimann hat schon sechs Präsidentschaftswahlen in Frankreich miterlebt. Und doch ist dieses Mal alles anders.

Von Joseph Hanimann

Es ist dies meine siebte Präsidentschaftswahl, seit ich in Frankreich lebe. Bei der Wahl François Mitterrands 1981 wohnte ich am Montmartre direkt gegenüber dem Quartiersbüro der sozialistischen Partei. Statt als Triumphfeier an die Bastille erlebte ich das Ereignis als Quartierfest gleich vor dem Haus. Die Wahl 2002, bei der ich als mittlerweile Eingebürgerter zum ersten Mal wählen konnte, war ein Schock: Jean-Marie Le Pen in der Stichwahl gegen Jacques Chirac. Die nun bevorstehende Wahl ist nochmals ganz anders. Das Ergebnis erscheint offen wie nie zuvor, und doch geht man missmutig zur Wahlurne, speziell in meinem Milieu.

Die Kulturleute sind ein affektiv reagierendes Volk. Ich kann mich an die lebhafte Unterstützung Juliette Grécos oder Michel Piccolis für Mitterrand erinnern, aber auch an deren herbe Enttäuschung. Diesmal quälen sich alle mit dem Dilemma zwischen einem spontanen Favoriten und dem Zwang der "nützlichen Stimmabgabe" schon im ersten Wahlgang, um die Option Marine Le Pen abzuwenden. Kulturleute bezeugen dies auf ihre besondere Weise.

Ein Beispiel? Das Hauskonzert dieser Tage im Hôtel de Beauharnais, der Residenz des deutschen Botschafters in Paris. Normalerweise sprudelt beim Empfang nach solchen Anlässen die Rede. Jetzt gaben die Leute sich eher einsilbig, selbst die anwesenden Politiker. Sie spreche lieber von Musik als von Politik, sagte Roselyn Bachelot, Ex-Ministerin und weiterhin treue Bayreuth-Pilgerin, und erinnerte sich an eine Aufführung von "Götterdämmerung", während der ihre Sitznachbarin Angela Merkel vor Ergriffenheit plötzlich nach ihrem Arm gefasst habe.

Als Kulturkorrespondent darf man das im heutigen Kontext als Hoffnung einer Französin deuten, nicht demnächst aus Bestürzung zurückfassen zu müssen.