SZ-Werkstatt Auf sensiblem Terrain

Uwe Ritzer, 52, recherchiert als Wirtschaftskorrespondent normalerweise andere Themen. Gemeinsam mit Willi Winkler zeitgeschichtlichen Stoff aufzuarbeiten, empfand er als höchst spannend und lehrreich.

(Foto: privat)

Wirtschaftskorrespondent Uwe Ritzer gelangte an den Nachlass des ehemaligen BND-Chefs Reinhard Gehlen. Hier erzählt er, wie er und Willi Winkler das Material auswerteten.

Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß, Willy Brandt, Kurt Georg Kiesinger, Egon Bahr, Helmut Schmidt - Willi Winkler und ich hätten sie gerne intensiv befragt. Doch bekanntlich sind alle schon tot. Das gilt auch für den Mann, der posthum den Anlass liefert für all die Fragerei: Reinhard Gehlen, zuerst Hitlers General und anschließend der mächtigste und skrupelloseste Geheimdienstchef, den die Bundesrepublik Deutschland je hatte.

Umfangreiche und zum Teil unveröffentlichte Teile seines Nachlasses sind bei der Süddeutschen Zeitung gelandet. Als haptische Original-Geheimdienstware aus Zeiten des Kalten Krieges: scheinbar endlose Mikrofilme, Papiere, Fotos. Das Material stammt aus einer Quelle, die nur eine Bedingung an die Lieferung knüpfte: absolute Vertraulichkeit.

Bevor sie ausgewertet werden konnten, mussten die mehr als 110 000 Dokumente digitalisiert, gesichtet und eingeordnet werden. In geschichtliche Zusammenhänge, politische Entwicklungen und vor dem Hintergrund der schwierigen Frage, was davon schon irgendwann von irgendwem irgendwo veröffentlicht wurde. "Wir müssen die Nuggets im Geröll finden", sagte Kollege Winkler. Die Suche geriet aufwendig. Manch Gespräch ergab sich noch; mit Helmut Schmidt etwa, der kurz vor seinem Tod aber sagte, sein Gedächtnis sei "sehr löchrig" geworden. Mangels lebender Interviewpartner spielte sich die Recherche vor allem in Archiven, Bibliotheken und Datenbanken ab.

Und auf sensiblem Terrain. Denn erstens tut man prinzipiell gut daran, möglichst für sich zu behalten, dass man reichlich Geheimdienstmaterial besitzt, auch wenn es Jahrzehnte alt ist. Zweitens wimmelt es darin von Decknamen und Tarnbegriffen, die entschlüsselt werden müssen. Es ist eben ein Gewerbe im Dunkeln, von dem nun ein wenig ausgeleuchtet wird.