SZ-Werkstatt Ans Herz gewachsen

Peter Münch ist seit dem vorigen Sommer als Korrespondent mit Sitz in Wien auch für den Balkan zuständig. Er kennt die Region aus den kriegerischen 90er Jahren. Für das Buch Zwei ist er dorthin zurückgekehrt - mit gemischten Gefühlen.

Von Peter Münch

Im Idealfall braucht ein Reporter nicht viel: einen guten Chef, einen Auftrag und ein Auto, dann kann es losgehen. Der Auftrag lautete in diesem Fall, für das Buch Zwei kreuz und quer durch die sechs Staaten des Westbalkans zu fahren, um deren EU-Perspektiven nachzuspüren. Klingt toll, ist auch toll, vor allem dann, wenn man nicht gerade an einer Grenze festhängt oder bei einem Überholmanöver dem Fahrer des entgegenkommenden Lasters in die Augen geschaut hat.

Eine solche Fahrt über 2000 Kilometer führt durch viel Neuland, schließlich geht es um die Zukunft dieser Staaten. Zugleich geht es aber auch um die Vergangenheit - und in diesem Fall ist das zum Teil persönlich gemeint. Denn diese Reise ist eine Rückkehr gewesen. Als Reporter habe ich für die SZ schon vor zwei Jahrzehnten vom Balkan berichtet. Das waren oft Kriegsberichte. Es war eine furchtbare und traurige Zeit, aber auch eine mit tief bewegenden und prägenden Erlebnissen. Die Region und die Menschen sind mir dabei ans Herz gewachsen.

Nun lehrt die Lebenserfahrung, dass man alte Liebschaften besser nicht aufwärmen sollte. Aber bei Ländern kann man wohl schon mal eine Ausnahme machen - zumal, wenn sie so schön und manchmal auch so wild sind wie Albanien und Montenegro, Kosovo und Bosnien, Serbien und Mazedonien. Auffällig gewesen ist zunächst, wie wenig sich die politischen Strukturen verändert haben. Wer nicht tot ist oder in Den Haag, regiert oft immer noch in Podgorica, Pristina oder Banja Luka. Noch auffälliger jedoch ist, welche Kraft und welche Kreativität in der neuen, jungen Generation des Balkans steckt. Die Reise also hat sich ganz bestimmt gelohnt, auch wenn man als Reporter nach insgesamt 40 Stunden Autofahrt auf holprigen Straßen neben einem guten Chef auch noch einen guten Orthopäden brauchen könnte.