Dubioser Follower-Boom Als @SZ plötzlich 30.000 falsche Freunde hatte

Wunderwachstum über Nacht: Als die FDP im Februar ihr Twitter-Skandälchen erlebte, bekam unser Kanal @SZ plötzlich ebenfalls 30.000 neue Follower. Mehrheitlich männliche Japaner, die sich für Schönheitschirurgie interessieren. An dieser Stelle danke an den Freunde-Spender - aber wir verzichten.

Von Stefan Plöchinger

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie würden Sie es sich erklären, wenn Sie über Nacht 30.000 neue Freunde hätten? Genauer, wenn sich 30.000 Menschen zu Ihren Freunden erklären würden? Uns ist das passiert, auf Twitter, und wir glauben nicht, dass es sich bei den 30.000 um Freunde handelt, vermutlich nicht mal um Menschen.

Anfang Februar war mit dem Twitter-Account @SZ noch alles in Ordnung. Wir hatten um die 50.000 Follower, also Menschen, die sich mit uns befreundet hatten, um unsere kurzen Updates zu bekommen. Am Beispiel der FDP lernten weite Teile der deutschen Öffentlichkeit damals gerade, dass Twitter-Followerzahlen auch künstlich in die Höhe getrieben werden können - und nicht immer klar ist, wer dahinter steckt. Wer will, kauft bei Dienstleistern die Followerschaft Tausender gefälschter Profile dazu, um einen Account größer scheinen zu lassen als er ist. 30.000 sollten es damals bei der FDP sein. Und nun das: Am 24. Februar, als die FDP-Geschichte akut war, bekamen auch wir plötzlich 30.000 Follower dazu.

Um es gleich zu sagen: Wir haben nie Twitter-Follower gekauft. Täglich bekommen wir auf natürliche Weise rund 250 neue Anhänger dazu. Seit dem Start des @SZ-Accounts zum Jahreswechsel 2011/2012 wachsen wir langsam, stetig und sauber, so wie wir auch mit unserer Webseite wachsen wollen: ohne Tricks und indem wir echte Leser von unserer Arbeit überzeugen.

Wie falsche @SZ-Follower aussehen

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Ehrlicherweise haben wir lange nicht gemerkt, dass wir an jenem Tag plötzlich einen Sprung von 50.000 auf 80.000 Follower gemacht haben - wir überprüfen diese Zahl nicht jede Woche. Inzwischen haben wir Twitter um eine Erklärung gebeten, und es besteht kein Zweifel mehr: Wenn man sich im Twitter-eigenen Analysetool für unser Profil anschaut, was wir da nun für eine Followerschaft haben, ist nur ein Schluss zulässig. Bei dem Februar-Wunder handelt es sich um 30.000 maschinenerstellte, gefälschte Profile aus aller Welt.

Was sollen diese Japaner mit der deutschen SZ anfangen?

So sind seit dem 24. Februar plötzlich rund acht Prozent unserer @SZ-Follower angebliche Japaner. 100 Prozent dieser Japaner sind männlich. Sie interessieren sich überwiegend für Schönheitschirurgie (zu 50 Prozent!), Tanzen, Promis und Klatsch - ironisch gesagt: geradezu klassische SZ-Schwerpunkte! 75 Prozent folgen auch einem Account namens @LatinSongHall, 36 Prozent einer gewissen @CocaineVagina, was man alles gar nicht so genau wissen will, festzuhalten ist nur: Unsere angeblichen Twitter-Japaner dürften mit @SZ-Tweets so viel anzufangen wissen wie durchschnittsjapanische Leser mit einer deutschen Tageszeitung. Warum sollten sie uns auf Twitter folgen?

Vier Prozent unserer Nutzer sind wiederum aus Polen und haben ganz ähnliche Interessen wie die Japaner. Wie auch größere Nutzergruppen aus Spanien, Kanada, Frankreich, Großbritannien und dem Rest der Welt, die auffälligerweise in Scharen genau am 24. Februar zu uns gestoßen sind.

Nur noch 51 Prozent unserer Twitter-Follower kommen der Analyse zufolge aus Deutschland - was die Nutzungsverteilung von SZ.de, die wir in unseren Internet-Statistiken sehen, nicht mal annähernd spiegelt. Betrachtet man allerdings, wofür sich die deutschen Follower interessieren, ergibt sich ein Bild, das eher zu uns passt: Nachrichten, Wirtschaft, Politik, auch Pop und Comedy. Schönheitschirurgie macht ein Prozent aus.

Bitte folgen, wenn Sie dies lesen - denn dann sind Sie echt

Die detaillierte Follower-Analyse sehen Sie in dieser Bildergalerie. Alles in allem weisen die Indizien darauf hin, dass uns an jenem Februartag ein Unbekannter mit einer zweifelhaften Methode beglücken oder befremden wollte. Und nun? Wir haben Twitter gebeten, die 30.000 als Follower zu entfernen. Wir haben ja nichts von ihnen (außer scheinbare Größe); die 30.000 werden vermutlich niemals auf einen SZ-Text klicken, wenn sie ihn in ihrer Twitter-Timeline sehen, denn tote Maschinenprofile sehen und klicken ja nicht.

Twitter löscht jetzt gerade die falschen Follower, wobei hoffentlich nicht auch jene rund 250 entfernt werden, die uns am 24. Februar ernsthaft folgen wollten. Falls doch und falls es sich dabei um Sie handeln sollte: Folgen Sie uns bitte wieder.

Sie sind ja echt, wenn Sie diesen Text gelesen haben.

Mit freundlichen Grüßen,

@ploechinger - Stefan Plöchinger, Chefredakteur Süddeutsche.de

In einer früheren Version dieses Textes war davon die Rede, die deutsche Öffentlichkeit habe am Beispiel der FDP gerlernt, man könne Twitter-Followerzahlen mit Geld nachhelfen. Damit wollten wir nicht suggerieren, die FDP selbst habe Twitterfollower gekauft. Dies ist nicht der Fall, wir haben die entsprechende Passage nun überarbeitet.