Deutsch-Türken Von Jasagern und Neinsagern

Wie sollen wir uns nach dem Votum vieler Deutsch-Türken für das Referendum in der Türkei verhalten? Nicht wenige Leser finden harsche Worte für sie. Andere mahnen zu Besonnenheit.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

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"Auflehnung gegen Ablehnung" vom 19. April sowie "Erdoğans Sieg entzweit die Türkei", "So gespalten wie Amerika" und "Folgen einer Fernbeziehung" vom 18. April:

Falscher Eindruck

63 Prozent der Türken in Deutschland hätten für das Referendum von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gestimmt. So kann man es der Grafik auf Seite 2 der SZ vom 18. April entnehmen. Ohne weitere Erläuterungen. Und wenn von den Wahlergebnissen in Deutschland geschrieben wird, dann liest man immer wieder 63 Prozent. Und so entsteht der - falsche - Eindruck: Von allen in Deutschland lebenden Türken haben 63 Prozent mit Ja gestimmt. Aber wenn man genauer liest, dann stellt man fest, von allen in Deutschland wahlberechtigten Türken sind überhaupt nur 48 Prozent zur Wahl gegangen, und von diesen haben 63 Prozent mit Ja gestimmt. Diese Verzerrung finde ich fatal. Interessanter fände ich die Beleuchtung der Tatsache, warum bei so viel nicht zu überhörender Wahlpropaganda von Erdoğan die Wahlbeteiligung in Deutschland trotzdem so gering geblieben ist. In der Türkei lag die Wahlbeteiligung bei 86 Prozent. Susanne Krumm, München

Warum dulden wir das?

Josef Kelnberger lässt uns in seiner Reportage "Folgen einer Fernbeziehung" wissen, dass zum Beispiel der Berliner Autor Imran Ayata und die Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg, Muhterem Aras, dafür eintreten, dass wir nunmehr, nach dem überwältigenden Votum der bei uns lebenden Türkinnen und Türken für eine endgültige Umgestaltung der Türkei in eine Diktatur, uns nicht dazu hinreißen lassen sollen, "die türkische Community an den Pranger (zu) stellen und ab(zu)strafen", und dass nunmehr "die ganze Integrationspolitik auf den Prüfstand müsse".

Bieten wir nicht seit Jahrzehnten in ausreichendem Maß allen hier lebenden Zuwanderern alle nur denkbaren Möglichkeiten, sich hier zu integrieren? Was sollen wir falsch gemacht haben, wenn ein türkischstämmiger Mitbürger, der hier geboren wurde, hier sein Abitur abgelegt und hier studiert hat, der hier seine berufliche Karriere bis heute erfolgreich gestaltet, in aller Öffentlichkeit in nationalistischem Größenwahn vehement eine islamistisch-faschistische Diktatur in der Heimat seiner Eltern gutheißt? Wir verfolgen unsere deutschen Faschisten zu Recht mit allen Mitteln, die dem Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Wieso lassen wir den türkischen Faschisten freie Bahn in unserem Land? Rainer Katheder-Meier, Pullach

Fatales Eigentor

Anscheinend ist es vielen der in Deutschland lebenden Türken immer noch nicht bewusst, welch fatales Eigentor sie da produziert haben. Aus der äußerst bequemen Situation heraus, die sie mit sozialer Absicherung, fairen Bildungschancen, Rechtssicherheit und Pressefreiheit hier genießen, haben sie mit ihrem unfassbar irrationalen Wahlverhalten dazu beigetragen, die Verwandlung der Türkei in ein großes Gefängniscamp, in dem Armut und Bürgerkrieg herrschen, weiter zu beschleunigen. Dadurch haben sie zum einen den Hass und die Verachtung mindestens jener 48,6 Prozent Türken auf sich gezogen, die in ihrer Heimat mutig und unter großen Risiken dagegen kämpfen. Zum anderen - und das ist das eigentlich Fatale - sind sie all jenen Kräften in der deutschen Gesellschaft massiv in den Rücken gefallen, die an die Möglichkeit und die Vorteile eines multiethnischen Zusammenlebens glauben und seit vielen Jahren dafür auch kämpfen. Bestärkt können sich stattdessen diejenigen fühlen, denen die Idee einer offenen und toleranten Gesellschaft ein Gräuel ist. Es ist bedauerlich, aber auch konsequent selbst verschuldet, wenn viele der in Deutschland wohnhaften Türken, die sich bisher als Bewohner zweier Staaten fühlen konnten, auf einmal gar keine Heimat mehr haben - weil sie weder hier noch da gern gesehen werden. Andi Burkhart, Augsburg

Unterstützung für die Gegner

Wer jetzt der Annahme ist, dass sich die politische Lage in der Türkei beruhigen wird, der irrt. Angesichts dieses sehr knappen Wahlausgangs ist deutlich zu erkennen, dass knapp die Hälfte der Menschen gegen Erdoğan sind und dessen Vorstellungen von einem Ein-Mann-Staat überhaupt nicht unterstützen. Die Gegner dieses mit vielen Ungereimtheiten behafteten Referendums werden sich nicht so leicht dem "Raub der Demokratie" beugen. Vor allem ist die hohe Anzahl der Neinsager sehr erfreulich, die aus meiner Sicht Erdoğan das Leben künftig schwer machen werden. Außerdem sollte die EU, in der viele konservative Politiker das Ende der Beitrittsverhandlungen vehement fordern, keinesfalls die Menschen aufgeben, die trotz all der widrigen und manipulativen Bedingungen in dieser "verlorenen" Abstimmung immer noch die westliche Demokratie und den EU-Beitritt hoffnungsvoll vor ihren Augen haben.

Erdoğan hat die Spaltung der Gesellschaft meisterlich vorangetrieben und steht augenblicklich vor einem Scherbenhaufen. Wie will dieser Präsident die Menschen nicht nur in der Türkei, sondern auch alle Auslandstürken von nun an wieder versöhnlich einen? Dass er fast 24 Millionen Neinsager in türkische Gefängnisse steckt, um in Ruhe regieren zu können, dürfte kaum realisierbar sein. Ayhan Matkap, Donauwörth

Weiter reden, kritisch beäugen

Unzählige Menschen in aller Welt waren und sind bereit, ihre persönliche Freiheit, ja sogar ihr Leben zu opfern für mehr Demokratie - und die Türken übergeben freiwillig alle ihre Rechte einem größenwahnsinnigen Machtmenschen. Die alles beherrschenden Wahlkampfveranstaltungen erinnern in erschreckender Weise an unsere Vorkriegszeit. Erdoğan beschimpft in absurder Weise Angela Merkel als Nazi - was unterscheidet ihn selbst von deren Propagandamethoden? Man wird weiterhin mit der Türkei reden und verhandeln müssen - aber unter kritischer Beobachtung der Vorgänge in diesem Land. Das über viele Jahre praktizierte scheinheilige EU-Beitrittstheater realitätsverweigernder EU-Politiker wird nun hoffentlich (mit oder ohne "rote/r Linie") endgültig vorbei sein. Ilse Hartmann, Brunn/Österreich

Tränen in den Augen

Gewiss und zu Unrecht fühlen sich viele Türken und türkischstämmige Mitbürger in Deutschland als Bürger zweiter Klasse behandelt. Und dies ist nicht nur gefühlt so, sie erleben wirkliche Nachteile im Alltag und werden oft mit Skepsis betrachtet. Allerdings hat - wie so oft - auch diese Medaille zwei Seiten: Wer seit 50 Jahren oder noch länger in diesem Land lebt, sogar hier geboren wurde und nach wie vor Probleme mit Sprachkompetenz hat und in großer Zahl die Bildungsferne - trotz vieler Angebote - bevorzugt, wer in bestimmten familiären oder Clan-affinen Strukturen lebt und damit der Ghettobildung Vorschub leistet, anstatt sich in eine weltoffene Gesellschaft zu integrieren und aktiv seinen Teil hierzu beizutragen, der muss dann halt auch die Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft aushalten und darf sich nicht darüber beklagen, dass ihm oder ihr angeblich unsägliches Unrecht widerfährt. Meine türkischen Freunde und Bekannten sind seit Sonntag sprachlos, haben auch Tränen in den Augen und schämen sich für ihre Landsleute. Mir wird das jetzt fast zu viel, denn diese Freunde entschuldigen sich nun ständig bei mir. Wofür denn eigentlich? Manfred Mader, Buttenheim

Alle wurden gleich behandelt

Man mag viele spekulative Diagnosen über das Wahlverhalten der Deutschtürken treffen. Die Erdoğan-Befürworter wollten damit ihre Identität ausdrücken. Mit nachlassenden Integrationsbemühungen der Deutschen hat dies nichts zu tun.

Unter den frühen "Gastarbeitern", die damals von den Personalchefs der Firmen angeworben wurden, sind die drei Nationalitäten Italiener, Griechen und Türken nicht anders behandelt worden. Alle haben von den Arbeits-, Tarif- und Rentennormen unserer Republik profitiert.

Wenn man über Erdoğan-Ja-Sager räsoniert, muss man über die Staatsbürgertheorie nachdenken. Da sind Vergleiche mit der Schweiz und USA naheliegend. Unser Land hat von den damaligen Gastarbeitern nur den guten Willen zur Arbeit und die Einordnung in unser Rechtssystem verlangt. Keine Sicherungsbeträge wie etwa Schweiz und USA für politisch Vertriebene. Und wie recht hat Garton Ash mit der Appeasement-Politik. Wann bekennen sich die Zauderer der EU endlich zu Konsequenzen/Sanktionen, egal ob Viktor Orbán oder Erdoğan? Letzterer wird demnächst Rüstungsgüter aus Deutschland erhalten und macht dann seine eigene "Bosporus-Nato" auf. Manfred Leiss, Sulzbach-Rosenberg