Ein Interview mit Dorothea Beutling, Vorsitzende des Deutschen Hochschulleh-rerinnenbundes.
(SZ vom 6.5.2003) Wie lassen sich die Perspektiven von Wissenschaftlerinnen im Männerbetrieb Hochschule verbessern? Zunächst einmal durch eine eigene Interessenvertretung, dachten sich vor nunmehr fast zehn Jahren mehrere Professorinnen, Dozentinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen - und gründeten den Deutschen Hochschullehrerinnenbund (DHB). Dieser tritt seitdem als Netzwerk gegenüber Politik und Wissenschaft für mehr Chancengleichheit an der Alma mater ein. Dorothea Beutling, bis zu ihrer Emeritierung vor wenigen Wochen Professorin für Fleischhygiene an der Freien Universität Berlin, gehört zu den Gründungsmitgliederinnen des DHB und ist inzwischen dessen Vorsitzende. Sie macht bei der Lobbyarbeit für Wissenschaftlerinnen neben vielen Widrigkeiten inzwischen auch erste Fortschritte aus.
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SZ: Warum brauchen Deutschlands Hochschulen mehr Professorinnen?
Beutling: Weil es nicht sein kann, dass wir inzwischen mehr Studentinnen als Studenten haben, aber nur zehn Prozent Professorinnen. Chancengleichheit an den Hochschulen ist auch eine Frage der Entwicklung unserer Kultur überhaupt. Universitäten und Fachhochschulen müssen auch in diesem Sinne zur Avantgarde der Gesellschaft werden. Außerdem haben Frauen eine andere Sicht auf die Wissenschaft und einen anderen Wissenschaftsstil, der genauso wichtig ist wie der der Männer und der nicht verloren gehen darf.
SZ: Was machen Frauen denn anders?
Beutling: Männer pflegen in der Wissenschaft meistens noch immer den patriarchalischen Arbeits- und Führungsstil und sehen sich selber als das Alpha-Tier an der Spitze, dem sich alle unterzuordnen haben. Frauen neigen mehr zur Teamarbeit und dazu, die Eigenverantwortung ihrer Mitarbeiter stärker zum Tragen zu bringen. Das haben schon Untersuchungen in der Wirtschaft ergeben, das zeigt sich auch in der Wissenschaft.
SZ: Sie fordern, dass mindestens jeder fünfte Lehrstuhl mit einer Frau besetzt wird. Sind solche Quoten-Forderungen nicht eigentlich längst veraltet?
Beutling: Quoten sind ein Weg zu mehr Gleichberechtigung, aber sicher nicht der einzige. Die Forderung nach Quoten kam ja zuerst auf, als es noch gar nicht genügend qualifizierte Frauen in der Wissenschaft gab und beispielsweise nicht einmal zehn Prozent der Doktorarbeiten von Frauen geschrieben wurden. Heute sind es mehr als dreißig Prozent. Das ist schon ein Fortschritt. Aber um zu zeigen, wohin wir wollen, sind Quoten weiterhin wichtig. Das gilt nicht nur für die Professuren. Auch in den Hochschulgremien und vor allem in den Berufungskommissionen müssen Frauen angemessen vertreten sein, denn hier werden Wissenschaftlerinnen noch immer die meisten Steine in den Weg gelegt.
SZ: Bildungsministerin Bulmahn will vor allem durch die Juniorprofessuren mehr Frauen den Weg in die Wissenschaft öffnen...
Beutling: ... was sicherlich auch ein richtiger Ansatz ist. Einige der ersten Juniorprofessorinnen sind sehr zufrieden darüber, so früh selbstständig wissenschaftlich arbeiten zu können. Andererseits bringt auch die Juniorprofessur für Frauen erhebliche Belastungen mit sich, die etwa mit kleinen Kindern nicht zu schaffen sind. Außerdem ist immer noch nicht endgültig gesetzlich festgelegt, wie sich die Juniorprofessuren durch Erziehungszeiten verlängern lassen.
SZ: Wie lassen sich die Chancen für Frauen sonst noch verbessern?
Beutling: Vor allem durch gemeinsame Lobbyarbeit und gegenseitige Information. Die meisten Frauen sind im Hochschulbetrieb nach wie vor isoliert und können nicht von ausgeprägten Netzwerken oder Seilschaften profitieren wie Männer. Viele wichtige Hinweise, beispielsweise auf Aufstiegsmöglichkeiten oder Fördermittel, werden ihnen schlicht vorenthalten. Da ist es schon enorm hilfreich, wenn einem Frauen zur Seite stehen, die es geschafft haben.
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