Zweisprachige Erziehung Peinliches Deutsch

Gefahr für unsere Sprache: Eltern beschweren sich, dass in der Schule ihrer Kinder kaum mehr Deutsch gesprochen wird - und lassen den Nachwuchs schon im Kindergarten Englisch lernen.

Von Jürgen Trabant

Berliner Schulleiter hatten im Januar dieses Jahres in einem dramatischen Manifest auf die katastrophale Situation in den Schulen des Bezirks Mitte, genauer: des proletarischen und migrantenreichen westlichen Teils dieses Bezirks (Wedding), aufmerksam gemacht: Der Bildungsauftrag der Schule sei nicht zu erfüllen, wenn die Schulen nicht endlich in die Lage versetzt würden, Unterricht überhaupt zu ermöglichen. Und das heißt hier vor allem: die Einwandererkinder zu erreichen und ihnen als wichtigsten Schritt in das Leben in diesem Land dessen Sprache - Deutsch - zu vermitteln.

Das Problem ist nicht neu, sondern allen Betroffenen seit Jahren völlig klar. Der "Brandbrief" war nun aber medial so gut platziert, dass offensichtlich sofort zusätzliche Lehrkräfte und Mittel mobilisiert wurden. Natürlich kann seitdem noch keine entscheidende Besserung eingetreten sein. Solche Maßnahmen erfordern Zeit, die Lösung des Problems nimmt Jahre und Millionen in Anspruch. Aber es tut sich was. Alle Bildungspolitiker der Republik wollen sich nun endlich darum kümmern (jedenfalls sagen sie es ständig), dass die Migrantenkinder Deutsch lernen, so dass Lernen und Integration möglich werden.

Bei den deutschen Eltern kommen solche Nachrichten als Horrormeldungen an: Staatliche Schulen sind offensichtlich Orte, an denen Lernen nicht möglich ist. Weil sie aber nicht warten können, bis die öffentlichen Schulen wieder zu Orten des Lernens geworden sind, lösen immer mehr deutsche Eltern das Problem auf ihre Weise. Sie schicken ihre Kinder auf private Schulen.

"International schools" schießen aus dem Boden

Wie diese Lösung des Problems konkret aussieht, kann man gleich nebenan, im "richtigen" Bezirk Mitte (und natürlich im flotten Prenzlauer Berg), und seit langem schon in den bürgerlichen Vierteln des Berliner Westens besichtigen. Der rasante Ausbau eines privaten Schulwesens, das sich die Eltern ziemlich viel Geld kosten lassen, sorgt für gute Lernbedingungen und die beabsichtigte soziale Exklusion. Was nun aber die so wichtige Frage der Sprache angeht, so wird allerdings auch dort - wie im Wedding - wenig oder nicht Deutsch gesprochen, jedenfalls nicht im Klassenzimmer: Die Unterrichtssprache ist Englisch.

"International Schools", "Cosmopolitan Schools" und so fort schießen nicht nur in Berlin aus dem Boden. Die Begeisterung ist groß und allgemein. Die Presse feiert den geschäftstüchtigen Bruder einer berühmten Schauspielerin als großartigen Philantropen, weil er eine solche Schule gegründet hat.

Stars aus der Glitzer-Medien-Welt präsentieren sich stolz als Modell-Eltern, weil sie ihre Kinder "selbstverständlich" auf englischsprachige Schulen (und vorher in ebensolche Kinderkrippen und Kindergärten) schicken, die auf das 21. Jahrhundert und die globale Welt und wer weiß was sonst noch Schönes vorbereiten. Die Gründung einer ganz besonders teuren englischsprachigen Schule in der Nähe von Frankfurt durch einen um "Bildung" besorgten Geschäftsmann fand kürzlich ungeheure mediale Aufmerksamkeit.

Bröckelnder Kitt

Dem Enthusiasmus für diese neue Schule ist allerdings bei näherem Hinsehen entgegenzuhalten, dass der Ausbau eines englischsprachigen Schulwesens in der Mitte Berlins und Deutschlands (in München, Hamburg und Köln ist es ja nicht anders) nicht nur eine Lösung des Schul-Problems darstellt, sondern gleichzeitig auch das damit verbundene gesellschaftliche Problem dramatisch zuspitzt: Während sich nämlich auf der einen Seite der gesellschaftlichen Skala ein erklecklicher Anteil der Menschen als unfähig oder unwillig erweist, in die deutsche Sprachgemeinschaft einzutreten, investiert das andere, obere Ende der Gesellschaft erhebliche Mittel und Anstrengungen in den Ausstieg aus der deutschen Sprachgemeinschaft. Die gemeinsame Sprache, daran ist vielleicht zu erinnern, war aber historisch der Kitt - im Grunde der einzige - der staatlichen Gemeinschaft der Deutschen.

An beiden Enden der Gesellschaft finden wir nun dieselbe kulturell-politische Einstellung, die diesen Kitt bröckeln lässt, nämlich die Geringschätzung der Nationalsprache Deutsch, allerdings aus ganz verschiedenen Gründen: aus Unkenntnis und bewusster Distanzierung einerseits, aus Angst und Ehrgeiz andererseits. Der Bildungsferne und dem Unwillen, Deutsch zu lernen, unten korrespondiert oben ein geradezu hysterisch aufgeladener Bildungswille, der im Ausstieg aus der Sprachgemeinschaft eine Bedingung für "höhere" Bildung sieht.

Bourgeoisie ohne Kultursprache

Ein immer größer werdender Teil der jungen Bourgeoisie, die sich als Elite versteht oder zu dieser aufsteigen will, glaubt offenbar, die gesellschaftliche Stellung ihrer Kinder nur noch unter Aufgabe des Deutschen als Kultursprache verteidigen zu können.

Hoch-Deutsch ist dieser Elternschaft keine wertvolle Bildungssprache mehr, in der die geistige und kulturelle Entfaltung ihrer Kinder erfolgen soll. Die "hohe" Sprache ist jetzt Englisch. Deutsch wird nur noch als eine niedere Volkssprache betrachtet, deren Besitz ihren Kindern gerade die leuchtende Zukunft in Aufsichtsräten und Vorständen verbaut.

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