Es ist richtig, den Hochschulen bei der Vergabe von Studienplätzen freie Hand zu lassen. Aber ohne eine zentrale Behörde verlieren die Unis leicht den Überblick - und handeln ineffizient.
Früher mussten sich Studienbewerber einem planwirtschaftlich anmutenden Verfahren unterwerfen. Die berüchtigte ZVS, die Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen, schickte die Kandidaten quer durch die Republik. Die Abschaffung dieses bürokratischen Monsters zu fordern, gehörte zum festen Bestandteil in den Reden von FDP-Politikern. Heute ist die ZVS weitgehend entmachtet - nun aber herrscht in den Zulassungsbüros der Unis ein großes Durcheinander.
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Ohne die ZVS nimmt die Ratlosigkeit unter den Studenten zu - es fehlt an einer zentralen Übersicht. (© Foto: ddp)
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Es war zwar richtig, den einzelnen Hochschulen die Freiheit zu geben, sich ihre Studenten selbst auszusuchen und dabei nicht ausschließlich nach der Abiturnote zu schauen.
Falsch war es aber, darauf zu vertrauen, eine unsichtbare Hand werde die Verteilung optimal organisieren. Dass dies so nicht funktioniert, liegt unter anderem daran, dass das Angebot wenig transparent ist. Es gibt Tausende Studiengänge in Deutschland, ständig entstehen neue. Es fehlt an einer zentralen Übersicht, die ratlosen Abiturienten hilft, ihren Weg an eine Uni zu finden.
Vor allem aber fehlt eine bundesweite Koordination zum Abgleich freier Plätze. Die meisten Abiturienten bewerben sich vernünftigerweise an mehreren Hochschulen, diese können daher nur schätzen, wie viele der angenommenen Kandidaten am Ende wirklich bei ihnen anfangen werden. Tausende Studienplätze bleiben frei oder werden zu spät besetzt - eine Ineffizienz, die sich Deutschland nicht länger leisten sollte.
Es ist nötig, die ZVS wiederaufleben zu lassen. Nicht wie früher als zentralistische Behörde, die die Hochschulen und Abiturienten bevormundet. Sondern als eine Servicestelle, die den Unis und den Bewerbern hilft, möglichst schnell zueinander zu finden.
- ZVS- Reform Schavan fördert ZVS-Reform 04.08.2008
- Studium Geschlossene Gesellschaft 30.07.2008
- ZVS Wirre Wege zum Campus 19.05.2008
(SZ vom 04.08.2008/cag)
Gewalt in Syrien
Natürlich haben die Universitäten mehr Auswahlkriterien als die (ohnehin nicht immer aussagekräftigen) Abiturnoten zur Hand, wenn sie nur wollen. Bestes Beispiel ist der Eignungstest: Dadurch entsteht eine gewisse Unabhängigkeit von den Noten, so dass auch Abiturienten, die zwar prinzipiell geeignet sind, aber in der Schule gepennt haben, Zugang zu den Universitäten finden können.
Daneben könnte man noch das Motivationsschreiben bzw. das Vorstellungsgespräch anbringen, auch wenn man über die Angemessenheit solcher Instrumente sicherlich streiten kann.
Wer nun schreit "zu aufwändig! zu teuer!", den verweise ich auf die angewandte, mehrstufige Praxis meiner Alma Marter im Studiengang Maschinenbau. Um überhaupt für diesen Studiengang zugelassen zu werden, ist eine Abiturnote von 2,7 notwendig. Nicht zu anspruchsvoll, um potentielle Bewerber nicht unnötig zu vergraulen, und nicht zu lasch, damit nicht gleich jeder Kfz-Interessent auf dieses doch sehr mathe-lastige Fach unüberlegt losstürmt und damit wertvolle Jahre verschwendet.
Sollte die Zahl der Erstsemester trotz dieser Zulassenbeschränkung einen bestimmten Schwellwert überschreitet, werden zusätzlich (und nur dann) Eignungstest bei allen Anfängern durchgeführt. Diese sind selbstverständlich auf die speziellen Bedürfnisse des Fachs ausgerichtet, womit naturgemäß eine gute Mathe-Note im Abi hilfreich sein kann, aber nicht unbedingt notwendig für die Aufnahme eines Maschinenbaustudiums.
"Allerdings würde hier auch der Wettbewerb in der Schullandschaft und die Liberalisierung der schulischen Vorschriften eine Unterscheidung zwischen den Schulen und damit zwischen den Lebensläufen hervorbringen."
Das Problem mit dem Wettbewerb ist, dass er Wahlfreiheit voraussetzt. Ich wurde in einer Stadt mit zwei Gymnasien gross. Das eine war konfessionell und hat mich deshalb als "Heiden" abgelehnt. Blieb das andere. Oder sollen jetzt schon 10-jaehrige taeglich zum ihrer Meinung nach wettbewerbsfaehigsten Gymnasium 50km hin und her pendeln? Und wie geht es dann weiter, in diesem Szenario waere ja auch das Gymnasium ploetzlich in der Verlegenheit, auszuwaehlen - wiederum nach den wettbewerbsfaehigsten Schuelern von den besten Grundschulen? Diese wiederum nach den besten Kindergaerten?
Also, ich denke, eine gewisse Homogenitaet in der deutschen Bildungslandschaft war in den letzten Jahrzehnten ein grosser Vorteil. Man schickte eben nicht schon 10jaehrige in das grosse Hauen und Stechen um einen Platz in einer von ein paar vernünftigen weiterbildenden Schulen, sondern sorgte sich um die Qualitaet des Schulsystems als ganzes. Leider wurde es auch als ganzes vernachlaessigt, ebenso wie die Hochschulen. Das ganze ist eine Umkehr des Wettbewerbs, hier werden naemlich nicht die Hochschulen gedraengt, sich wettbewerbsfaehig zu machen (dazu müsste es mehr Studienplaetze geben als Bewerber, so dass diese sich die "besten" aussuchen könnten. Stattdessen suchen sich die Hochschulen ihre Studenten aus - die Hochschulen haben so keine Motivation etwas zu verbessern, der Abiturient hat in der Regel keine Möglichkeit gehabt, seinerseits etwas zur Verbesserung beizutragen, und es bleibt die Illusion von Wettbewerb zur Vertuschung der Vernachlaessigung des Bildungssystems.
Übrigens, um mal wieder zur Realitaet eines Abiturienten zu kommen, ich war, als ich vor der "Wahl" der Uni stand, wie viele andere Zivildienstleistender, hatte gerade mal ein verlaengertes Wochenende Zeit, wenn ich da noch irgendwelche Bewerbungsverfahren gemacht haette waere ich halt nicht mit 21, sondern mit 22 eingeschrieben worden.
Zu dem Artikel:
eine öffentliche Institution zu einer Servicestelle umfunktionieren? Da fehlen die Anreize und die kulturellen Rahmenbedingunen (ich spreche mit süssen Worten von der Angst den Job zu verlieren, wenn man am Arbeitsplatz nix tut, oder sich nicht um die Kunden kümmert, und die Konkurrenz besser ist, bzw, der Lust, sich ein schöneres Haus kaufen zu wollen, weswegen man sich einsetzt und mehr Geld verdient.) Woher nehmen die Leute (oder hier Tanjev Schultz) eigentlich immer diese Fantasie, sich das vorzustellen als würde das klappen? Würde das funktionieren, hätten wir heute noch eine Mauer.
2.: Das sind alles legitime Einwände, die Sie dort vorbringen, lieber lgrobe. Allerdings würde hier auch der Wettbewerb in der Schullandschaft und die Liberalisierung der schulischen Vorschriften eine Unterscheidung zwischen den Schulen und damit zwischen den Lebensläufen hervorbringen. Wenn wir uns auf ein Minimum einigen können (Deutsch, 2 Fremdsprachen, Mathe (den Rest empfand ich als "Singen und Klatschen" für meine universitäre Ausbildung)), könnten Schulen sich auf Felder spezialisieren (Fremdsprachen, Sozialwissenschaften, Philosophische Vertiefung, Naturwissenschaften, Kulturwissenschaftlicher Schwerpunkte etc).
"Die berüchtigte ZVS, die Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen, schickte die Kandidaten quer durch die Republik."
Also, ich habe damals einen Platz durch die ZVS zugewiesen bekommen, und das war sehr unproblematisch. Die Bewerbung habe ich mit der Post hingeschickt, und dann musste ich genau einmal "quer durch die Republik" - naemlich um zu der passenden Hochschule zu ziehen. War gar nicht so viel Fahrerei. Vor der ZVS war es dagegen üblich, dass Studenten sich an allen möglichen Unis erst einmal vorstellen und bewerben mussten. Und zwar ohne eine Zusage zu haben. Da war die Effizienz doch eher geringer.
"Es war zwar richtig, den einzelnen Hochschulen die Freiheit zu geben, sich ihre Studenten selbst auszusuchen und dabei nicht ausschließlich nach der Abiturnote zu schauen."
Die Frage ist, worauf man sonst schaut bei Leuten, die in 90% einen gleichartigen Lebenslauf und ausschliesslich das Abitur als Qualifikation und objektivierbares Unterscheidungsmerkmal haben. Mir fallen da, und ich mag ein wenig bösartig sein, nur noch Kriterien ein wie der Name (vielleicht der Sohn vom Prof. XY oder die Tochter einer lokalen Wirtschaftsgrösse dabei?), das Aussehen auf dem beigelegten Passfoto (unser Campus soll schöner werden - Bewerbungen bitte mit Konfektionsmassen einsenden), oder aber die Ausrichtung an Qualifikationen, die man sich in privaten (und bezahlten) Kursen angeeignet hat - prima für den Industriellennachwuchs mit perfekter Förderung jeder noch so spaerlichen Begabung, zu dumm aber für diejenigen, die auf die gleichzeitig von denselben Bildungspolitikern kleingesparten öffentlichen Bildungseinrichtungen angewiesen waren.
Wo ist da eigentlich der Fortschritt?