Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt Jung und gebildet

Zuwanderer werden immer wichtiger: Einer Studie zufolge haben sie in den vergangenen zehn Jahren einen wichtigen Beitrag zur Versorgung mit Fachkräften in Deutschland geleistet. Und: Sie haben vielen Einheimischen einiges voraus.

Von Thomas Öchsner

Sie heißen mit Vornamen Giulia, Francesco, Louis und manchmal auch noch Dimitrj, sind meist jünger als Deutsche und überdurchschnittlich gut ausgebildet: Zwischen 1989 und 2009 sind 185.000 Akademiker aus mathematisch- naturwissenschaftlichen Berufen sowie 42.000 Mediziner nach Deutschland eingewandert - und die allermeisten sind nicht Taxifahrer geworden. Sie leisten vielmehr einen wichtigen Beitrag bei der Versorgung der Unternehmen mit Fachkräften. Zu diesem Ergebnis kommt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer neuen Studie. Allerdings schafft es ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen nicht, einen für ihre Ausbildung angemessenen Arbeitsplatz zu ergattern.

Deutschland braucht Menschen, die mit anpacken. Diese Botschaft gab es schon in den fünfziger Jahren: Zwischen 1955 und 1973 kamen vorwiegend relativ niedrig qualifizierte Menschen aus der Türkei und Südeuropa in die Bundesrepublik. Man nannte sie damals "Gastarbeiter". Nach der deutschen Einheit folgten von 1990 bis 2000 vor allem Spätaussiedler in der Hoffnung, hier eine Heimat wiederzufinden, weniger wegen der Perspektiven am Arbeitsmarkt.

Die 2,8 Millionen Zuwanderer, die zwischen 1999 und 2009 hierherzogen und die das IW jetzt analysierte, bieten dagegen sehr unterschiedliche Qualifikationen: Einerseits haben 41 Prozent keinen Abschluss, der sie für einen bestimmten Beruf qualifiziert. Andererseits haben 27 Prozent der Neuzugezogenen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren einen Hochschulabschluss - der Akademikeranteil ist zuletzt auch deutlich gestiegen.

Arbeitgeber benötigen im Schnitt 146 Tage, um eine offene Arztstelle zu besetzen. 110 Tage sind es bei einem Maschinenbauingenieur. Dies deutet darauf hin, dass hier qualifizierte Bewerber fehlen. Zuwanderer können offenbar helfen, diese Lücken zu stopfen. Nach Angaben des IW arbeiteten immerhin 132.000 der zugewanderten Akademiker in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen und 29.000 als Mediziner. Etwa jeder fünfte Zuwanderer hatte eine hochspezialisierte Fach- oder Führungsfunktion. Ihr Anteil sei "damit genauso groß wie in der sonstigen Bevölkerung", heißt es in der Untersuchung. Das war 1989 noch anders: Geschäftsleiter, Jurist, Arzt oder Professor - das schafften damals nur zwölf Prozent der Zugewanderten.

Besonders qualifiziert sind die Zuwanderer aus Westeuropa. Fast jeder zweite brachte einen Hochschulabschluss mit - "häufig in Fächern, in denen hierzulande Engpässe bestehen", schreiben die Forscher. Auch die Neuzugewanderten aus nichteuropäischen Herkunftsländern wie China oder Iran hatten mit einem Anteil von bis zu 27 Prozent häufiger die Hochschule absolviert als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Und das ist nicht ihr einziger Vorteil.

Im Schnitt sind die Zuwanderer 33 Jahre alt - gut zehn Jahre jünger als die Gesamtbevölkerung. Fast 70 Prozent von ihnen sind zwischen 25 und 65 Jahren alt und stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Bei der gesamten Bevölkerung trifft dies nur auf gut jeden Zweiten zu. Davon haben allerdings vor allem Firmen in Ballungsräumen etwas: Die Zuwanderer der Jahre 1999 bis 2009 lebten wesentlich häufiger in Städten und Großstädten als die übrige Bevölkerung. "Der ländliche Raum profitiert kaum", sagt IW-Chef Michael Hüther.

Berlin, Bremen und Hamburg haben die höchsten Anteile der Neuzugewanderten an der Gesamtbevölkerung. Der Anteil derjenigen Zuwanderer, die erwerbstätig sind, ist mit 59 Prozent aber geringer als in der Gesamtbevölkerung mit 75 Prozent (Grafik). Hüther führt dies zum Teil auf das Zuwanderungsrecht zurück. So erhalten Asylbewerber und Flüchtlinge in der Regel keine Arbeitserlaubnis.

Der IW-Chef rechnet damit, dass mit der weiteren Öffnung für ausländische Fachkräfte zum August dieses Jahres noch mehr von den gesuchten hochqualifizierten Arbeitskräften in die Bundesrepublik kommen. Dann wird die "Blaue Karte" eingeführt: Akademiker aus Nicht-EU-Staaten können von da an hier arbeiten, wenn sie ein jährliches Einkommen von 44.800 Euro erzielen. Bei den Akademikern mit Qualifikationen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) und Medizin sind sogar nur 34.900 Euro notwendig. Deutschland müsse aber noch mehr tun, um im internationalen Wettbewerb um mobile Fachkräfte künftig bestehen zu können, sagt Hüther. Nötig sei eine "echte Willkommenskultur" mit gelockerten rechtlichen Bedingungen für den Aufenthalt. Auch sollten diese Fachkräfte "in Behördenschreiben und -gesprächen nicht als Bittsteller behandelt werden", fordert der IW-Chef.