Verallgemeinern möchte er das aber nicht. Zahlreiche Freiberufler jonglierten erfolgreich mit wechselnden Auftraggebern. Plöger gehört selbst dazu: Er verdient sein Geld abwechselnd als Autor, Sekretär für einen Schwerbehinderten und psychologischer Berater. "Wenn man sich für mehrere Sachen interessieren kann, ist das ein Glücksfall", findet er. Plöger will auch keine Verhaltensnoten verteilen, hier arme Arbeitnehmer, dort böse Arbeitgeber. "Viele Unternehmen hängen in wirtschaftlichen Zwängen", sie könnten nicht immer Festanstellungen auf Abruf produzieren. Plöger appelliert an die Politik, bessere Bedingungen für die wachsende Zahl von neuen Selbständigen zu schaffen, etwa durch maßgeschneiderten Krankenschutz.
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Mehr Sicherheit als in der Festanstellung
Eines auf jeden Fall ist klar: Bis zur Rente sicher sind feste Stellen auch nicht mehr. Friebe und Lobo argumentieren, Aufträge von mehreren Unternehmen böten häufig genauso viel oder mehr Sicherheit wie die Abhängigkeit von einem einzigen Arbeitgeber, dessen Kündigung einen abstürzen lässt. Digitale Selbständige knüpfen ein Netzwerk vieler Knoten, die vor dem Absturz bewahren sollen.
Samsarah Lilja entwirft an ihrem Laptop viel Design für einen Klinikbetreiber. Dazu betreibt sie zwei Architekturportale, produziert elegante Visitenkarten und arbeitet an Websites kleinerer Firmen. Zum Arbeitsort hat sie sich bewusst das Betahaus in Berlin-Kreuzberg erwählt, in dem es vor Netzwerkern wimmelt. Auf drei Etagen der ehemaligen Putzlappenfabrik mieten 200 Digitalos tage- oder monatsweise Schreibtische oder, wenn ihr Start-up gewachsen ist, ganze Büros.
Lilja findet hier die Struktur wie in einer Firma vor, zu Hause wären der Kühlschrank oder das Herumsurfen gefährliche Verlockungen. Beim Cappuccino in der Bar im Erdgeschoss (auf Wunsch mit Kaffee-Flatrate) lässt sich entspannen oder mit anderen Selbständigen plaudern, wie sich die Herausforderungen des Freiberuflertums meistern lassen. Und vor allem fällt immer wieder mal ein Auftrag ab, all die Software-Entwickler, Online-Verkäufer, PR-Leute oder Layouter hier schanzen sich gegenseitig Arbeit zu. "Die Samy macht das", wird sie weiterempfohlen. Die drei Ex-Unternehmensberater im dritten Stock, die mit ihrem Start-up Coffee Circle Kaffee aus Äthiopien importieren und online verkaufen, lassen sie Flyer entwerfen und die Website designen.
Sie sprühen vor Energie
Eine Studie der Deutschen Bank schätzt, dass am Ende des Jahrzehnts jeder siebte Euro Wertschöpfung durch temporäre Zusammenarbeit entstehen wird. Durch Kollaborateure wie im Betahaus, die sich untereinander vernetzen und für Auftraggeber Projekte übernehmen.
Am Ende des Arbeitstags werden die Gespräche in den Großraumbüros des Betahauses lauter, die Überlegungen zu den Vermarktungspotentialen von Social Media gleiten sanft in Erörterungen des Menüs des Libanesen zwei Straßen weiter über. Die jungen Freiberufler sprühen vor Energie. "Bei einer solchen freien Existenz ist der Glaube an einen selbst entscheidend", erklärt Samsarah Lilja. "Was kann mir passieren? Wenn es schlecht läuft mit meiner Firma, schaffe ich es zurück in ein Architekturbüro", davon ist sie überzeugt. 18.30 Uhr, viele Angestellte sind schon in den Feierabend gegangen. Samsarah Lilja bleibt noch.
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(SZ vom 12.7.2011/holz)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Ich fand den Artikel interessant, das Buch, von dem hier die Rede ist, kenne ich nicht. Was mich aber verwundert, ja zum Teil auch grämt, sind einige der Kommentare hier.
Das sind die Leute, die nach zum einen austeilen wie doof doch der Job, der Chef oder die Kollegen sind. Und sich andererseits alternativen Szenarien völlig verstellen. Der Schritt in die Selbständigkeit erfordert Mut, keine Frage: man setzt sich alleine dem unternehmerischen Risiko aus. Nur was die meisten braven Angestellten übersehen: dieses Risiko, sowie alle anderen Charakteristika des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, tragen sie auch. Halt als das Unternehmen, für das sie dann arbeiten. Und hier liegt ja auch der große Trugschluss: ich bin angestellt, also vermeintlich sicher. Und wenn ein Betrieb dann pleite geht, oder Stellen abbauen muss, weil es nicht mehr läuft, sind alle anderen schuld, nur man selbst hat sich ja stets für die Firma zerrissen.
Wer in die Selbständigkeit geht, verdient Respekt, weil er oder sie Mut zeigt. Mut, Risiken auf sich zu nehmen, Mut sich dem Markt direkt zu stellen, und nicht hinter dem Schutzmantel einer großen Organisation zu verstecken. Es verdient Respekt, wenn man die gewissen Sicherheiten und Annehmlichkeiten einer festen Anstellung aufgibt, weil man so sehr an seine Fähigkeiten glaubt, und sich nach eigenen Vorstellungen weiter entwickeln möchte.
Und warum der Wettbewerb so negativ gesehen wird, möchte ich auch gern wissen. Wettbewerb spornt uns zu Leistungen an, die wir vielleicht sonst nicht erbracht hätten. Er zwingt uns manchmal dazu, auch das. Was ist verkehrt daran? Ist es moralisch verwerflich, aus seinen Fähigkeiten das Maximum rausholen zu wollen? Ich würde behaupten, genau das Gegenteil ist ethisch falsch: seine Fähigkeiten zu vergeuden, weil man es ja so bequem wie möglich haben möchte.
Klar, jetzt kommen wieder alle, und schimpfen über "Neoliberalismus" und alles, was einem dazu einfällt. Für mich hat das mit Politik zunächst nichts zu tun. Es ist eine individuelle Wahl für ein bestimmtes Lebensmodell. Wer seine Erfüllung darin findet, in seinem Beruf eine Berufung sieht, und sich darin verwirklich, dem gehört Beifall und Respekt, statt ätzenden Kommentaren und Spott. Und gerade auch denjenigen, die mangels anderer Alternativen in die Selbständigkeit gehen, gebührt höchste Anerkennung.
Matthias Rothkoegel
Seit April 2011 selbständig und Gründer der Marketing-Agentur "Engage Marketing" (www
"Unter den selbständigen Einzelkämpfern gibt es viele, die ich als "verhinderte Angestellte" charakterisiere:"
Dann geht Ihr Verständnis von der digitalen Boheme völlig auseinander mit dem, was eben Frau Manske in ihren entsprechenden Veröffentlichungen zeichnet.
Selbständigkeit ist in erster Linie eine Frage der eigenen Persönlichkeit. Man hat mehr Freiheit - vor allem die Freiheit, mehr zu arbeiten. Oder die Freiheit, sich seine Kunden auszusuchen. Oder, ohne Dispo zu leben. Aber man muss auch über viel mehr Dinge nachdenken, um beispielsweise die eigene Marktnische zu finden - und das womöglich alle paar Jahre neu.
Unter den selbständigen Einzelkämpfern gibt es viele, die ich als "verhinderte Angestellte" charakterisiere: Keine Idee von den eigenen Fähigkeiten und Schwächen, keine Vorstellung von einer sinnvollen Marktlücke, Gewerkschaftsmitglied, am liebsten arbeitslosenversichert und erfolglos. Dafür jammern sie ständig, dass "der Markt" keine auskömmlichen Preise hergäbe.
Oft genug ist da schon die Wahl des Studiengangs daneben gegangen - etwa bei Übersetzern: Da hat jemand in der Schule gerne Englisch und Französisch gemacht, also muss das auch studiert werden. Und "plötzlich" stellt sich heraus, dass Übersetzer ganz überwiegend selbständig sind. Und der Konkurrent in Indien, Rumänien oder Russland viel niedrigere Lebenshaltungskosten hat.
Es geht auch ganz anders. Aber dann muss man mit Leib und Seele Unternehmer sein. Dann kann man auch als Einzelkämpfer gutes Geld verdienen. Und sich in München ein Häuschen leisten, ohne eine Bank um Erlaubnis fragen zu müssen. Funktioniert. Ich bin seit 1989 selbständig.
"Das linke Wochenblatt Freitag entlockte dem Autor Peter Plöger die passende Verdammung:"
Hmm... forscht da nicht Frau Manske dazu? Warum werden hier Sekundärquellen befragt?
"Plöger hat digitale Bohemiens getroffen, die sich keine 300 Euro Einstiegssatz für die Krankenkasse leisten können und sich deshalb illegal beim Ehepartner versichern - oder gleich auf Gesundheitsschutz verzichten." Was den "digitalen Bohemien" vom herkömmlichen Prekariat unterscheidet, sind
a) das hippe Outfit,
b) "Vice" statt "BLID" als Lesestoff sowie
c) Latte statt Oettinger als bevorzugtes Erfrischungsgetränk.
Sozialversicherungstechnisch haben beide Lifestyles die gleiche Perspektive – Hartz IV und Grundsicherung im Alter. Ich würde gern wissen, wo und wie sich Samsarah Liljas in zwanzig Jahren sieht.
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