Zukunft der Arbeit Unattraktives Erscheinungsbild

Für die Entwicklung waren steigende Arbeitslosenzahlen verantwortlich, aber auch ein Erscheinungsbild von Gewerkschaften, das gerade junge Menschen wenig anziehend fanden: lärmend, Floskeln und überkommene Rituale pflegend, zeitweise den Schwerpunkt zu sehr auf die Straße und zu wenig auf die Betriebe legend.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise war auch in dieser Hinsicht eine Zäsur. Michael Vassiliadis, der mit 47 Jahren vergleichsweise junge Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), hatte schon recht, als er damals formulierte: "Es herrscht ein Klima der Vernunft vor, in dem sich Arbeitgeber (und) Gewerkschaften um Gemeinsamkeiten bemühen, statt ständig in der Versuchung zu leben, zum Nachteil des jeweils anderen die Verhältnisse zum eigenen Vorteil zu kippen." Die Gewerkschaften handelten in der Krise ganz anders, als es ihrem pauschalen Image entsprach und wie sie es während der Auseinandersetzungen um die Agenda 2010 kultiviert hatten. Es blieb ihnen allerdings auch kaum etwas anderes übrig.

Das Problem ist nur: Images ändern sich immer viel langsamer als tatsächliche Handlungsweisen. Die These ist nicht allzu gewagt, dass der junge, gut ausgebildete, ordentlich verdienende - oder verdienen wollende - Arbeitnehmer von heute nicht wegen, sondern allenfalls trotz einer Mai-Demo bei IG BCE, IG Metall oder Verdi Mitglied wird. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen der Antagonismus von Arbeit und Kapital den Zulauf garantierte; ideologische Geborgenheit bei Gewerkschaften sucht kaum jemand mehr. Und Treue zu ihnen gibt es ebenso wenig, wie es die noch zu Kirchen oder Parteien gibt. Stattdessen fragen die Leute: Was bringt mir das jeweils konkret?

Das ist der Grund, weshalb Mitarbeiter von Verdi auch jeden Rentner anrufen, sollte der zum Ende seines Berufslebens die Mitgliedschaft in der Annahme kündigen, eine Gewerkschaft von jetzt an nicht mehr zu brauchen. Ob man denn nicht wisse, dass Verdi kostenlos jeden Rentenbescheid prüft? Das ist auch der Grund, warum die IG Metall per Tarifvertrag die unbefristete Übernahme von Azubis vereinbaren will. Und das ist schließlich auch der Grund, warum fast jede Gewerkschaft ab und an einen Streik braucht, ob sie das nun zugibt oder nicht.

Der Streik bei den Zeitungsredakteuren hatte gewiss nicht solche taktischen Gründe, dazu war die Auseinandersetzung zu erbittert. Trotzdem war er als Instrument zur Mitglieder-Akquisition keinesfalls zu unterschätzen. Da standen auf einmal Nachwuchsjournalisten in den Verlagsfoyers und spürten: Wenn ich künftig nicht pro Monat auf 400 Euro verzichten will, dann sollte ich jetzt wohl streiken; falls ich aber streike, zieht der Arbeitgeber mir das vom Lohn ab - also trete ich lieber bei Verdi oder DJV ein und kriege dann mein Geld aus der Streikkasse.

Mit den Journalisten (und den Kirchenvertretern sowie Oppositionspolitikern) haben Gewerkschafter gemeinsam, dass man freie Gesellschaften daran erkennt, dass sie frei wirken können. Diese Frage stellt sich in Deutschland nicht. Hier ist die Sache ein paar Nummern kleiner, die Herausforderung aber trotzdem groß: Was aus den Gewerkschaften wird, das hängt vor allem davon ab, wie gut sie als Kümmerer, als Dienstleister sind.