Werden die meisten Menschen als Zeit- und Leiharbeiter arbeiten?
(SZ vom 25.6.2001) Leihen ist billiger als kaufen. Auch bei Menschen: 340.000 Arbeitnehmer, die man mieten kann, sind derzeit auf dem Markt, beschäftigt bei 5800 Zeitarbeitsfirmen. Für die Unternehmen ist eine solche flexible Manövriermasse Gold wert.
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In den letzten Jahren hat die Zeitarbeit den Rahmen der Urlaubsvertretungen oder Engpass-Aushilfen gesprengt. "Das Just- in-time-Prinzip wird nicht mehr nur bei der Produktion angewandt, sondern zunehmend auch bei den Mitarbeitern", sagt Helmut Rudolph, Zeitarbeitsexperte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Weil sich die Arbeitsorganisation verändert hat, ist es heute leichter, Zeitarbeiter wie ganz normale Angestellte einzusetzen. "Immer mehr unserer Leute werden in zeitlich befristete Projekte eingebunden - und das wird sich vermutlich in Zukunft noch stärker entwickeln, da sich die Kunden weg vom langfristig angelegten Arbeitsverhältnis orientieren", sagt Christine Bruchmann, Geschäftsführerin von Randstad Deutschland, "Zeitarbeit ist die Zukunft des Arbeitsmarkts."
Obwohl die meisten Leiharbeiter eher gering qualifiziert sind, wundert sich niemand mehr, wenn der Ingenieurskollege im Büro nebenan, der neue Biologe oder der Manager von der Zeitarbeit kommen. "1992, als ich mein Studium beendet habe, war nicht die beste Zeit für Ingenieure, und ich hatte keinen Einser-Schnitt", erzählt der Maschinenbauer Tom Thanner. "Also habe ich Ingenieurbüros und Zeitarbeitsfirmen angerufen. Viele meiner Kommilitonen haben es genauso gemacht." Zwei Jahre war er bei der Zeitarbeit, dann fragte ihn sein heutiger Arbeitgeber, ob er an einer Festanstellung interessiert sei. Heute ist Thanner dort Konstruktionsleiter für Elektrogeräte.
Der hyperflexible Mensch
Solche Geschichten sind es, die den Gesetzgeber dazu veranlassen, den Forderungen der Zeitarbeitsfirmen immer weiter nachzugeben. Erst durften sie ihre Leute maximal drei Monate ausleihen, dann sechs, inzwischen ist es ein Jahr. Demnächst soll die Spanne noch einmal verlängert werden; die Verleiher fordern drei Jahre. Schon jetzt gibt es damit kaum noch einen Unterschied zum normalen Arbeitsverhältnis - nur dass der Zeitarbeiter deutlich weniger bekommt als die Stammbelegschaft, im Durchschnitt 63 Prozent eines normalen Monatseinkommens. Auch die ständig wechselnden Einsatzorte zehren an der Substanz. Kaum hat man sich eingewöhnt, geht es wieder woanders hin - soziale Kontakte aufzubauen ist unter diesen Bedingungen schwierig.
Doch die Zeitarbeitsfirmen ahnen den hyperflexiblen Menschen voraus: "Wir merken klar, dass das von den Leuten nicht mehr so als Belastung empfunden wird", sagt Christine Bruchmann. "Der Arbeitnehmer von morgen schätzt die Abwechslung." Abwechslung hin oder her - als Dauerlösung sieht die Zeitarbeit kaum jemand. Drei Monate sind der Durchschnitt, etwa ein Drittel der Beschäftigten wird von den Entleihern übernommen. Nachschub finden die Zeitarbeitsfirmen meist im Pool der Arbeitslosen. "Ich brauchte dringend Geld und hatte über die Zeitarbeit auch innerhalb von acht Tagen einen Job", berichtet etwa Andreas Hof (Name geändert), der Philosophie und Germanistik studiert hat.
Zweistellige Zuwachsraten
Die Werbebanner der Zeitarbeitsfirmen prangen überall in den Städten, doch das täuscht darüber hinweg, wie gering ihr Anteil am Arbeitsmarkt eigentlich ist: Er beläuft sich auf wenig mehr als ein Prozent aller sozialversicherten Arbeitnehmer. Aber die Branche verzeichnet zweistellige Zuwachsraten, und sie wird immer ernster genommen. Auch von ihren Kritikern, für die Zeitarbeit "Menschenhandel", "Lohnsklaverei" und "soziales Dumping" ist.
So schnell wird sie nicht mehr verschwinden - im Gegenteil. "Die Expansion wird weitergehen, solange die Zeitarbeitsfirmen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit problemlos rekrutieren können", sagt Helmut Rudolph vom IAB. "Aber die künftige Akzeptanz bei den Arbeitnehmern wird davon abhängen, ob man sich auf Mindeststandards einigt und die Lohnlücke zu Festangestellten verringern kann. Ob es also ein normales Arbeitsverhältnis wird - oder nur ein Übergang bleibt."
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