Von Nicola Holzapfel

Statt eine Lehre zu beginnen, landen hundertausende Jugendliche in öffentlich geförderten Maßnahmen. Dort werden sie "ausbildungsreif" gemacht.

"Man muss sie schubsen und zur Qualifizierung drängen", heißt es über die einen. Ihr Verhalten sei "unsozial und nicht hinnehmbar" über die anderen. Beim Thema "fehlende Ausbildungsplätze" sind die Schuldigen schnell gefunden. Es sind angeblich die Jugendlichen selbst und die Unternehmen, die nicht genügend Lehrstellen anbieten.

Lehrlinge

Lehrlinge in einem Bildungszentrum in Halle. (© Foto: dpa)

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Fast 600.000 Jugendliche haben sich bei den Arbeitsagenturen als Bewerber für eine Lehrstelle gemeldet. Doch das Angebot geht wie schon im Vorjahr zurück. Eine Lücke von 50.000 befürchtet die Bundeskanzlerin bereits.

Eine halbe Million Unternehmen bilden Lehrlinge aus. Doppelt so viele wären laut Bundesbildungsministerium dazu berechtigt. Längst übernehmen nicht mehr nur die Betriebe die Rolle des Auszubildenden. Seit Jahren fangen öffentlich-finanzierte Alternativen die klaffende Lehrstellen-Lücke auf.

Wer mit seiner Bewerbung in der freien Wirtschaft keinen Erfolg hat, kann noch auf eine außerbetriebliche Ausbildung hoffen. "Für die Jugendlichen ist das ein Auffangnetz und oft die einzige Chance auf eine reguläre Ausbildung", sagt Gerhard Christe vom Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe in Oldenburg. "Oft sind diese Ausbildungen sogar besser." Dennoch hätten manche Absolventen im Anschluss Schwierigkeiten auf dem regulären Arbeitsmarkt unterzukommen: "Außerbetriebliche Ausbildungen gelten bei vielen Unternehmen als zweite Wahl und die Jugendlichen dann als nicht qualifiziert genug."

Daneben gibt es Maßnahmen, die die Jugendlichen erst mal fit für den regulären Ausbildungsmarkt machen. Die Teilnehmerzahlen sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Inzwischen landen über die Arbeitsagenturen fast eben so viele Jugendliche in diesen Angeboten wie auf echten Lehrstellen. Nach einem Bericht der Kultusministerkonferenz parkten Ende 2004 450.000 Jugendliche in diesem Übergangssystem zwischen Schule und Arbeitsleben.

Laut Berufsbildungsbericht liegt das aber nicht nur an fehlenden Ausbildungsplätzen. Vielmehr seien diese Maßnahmen notwendig, da ein "beträchtlicher Teil" der Jugendlichen nach dem Verlassen der allgemein bildenden Schule "in ihrer Entwicklung und Berufsfindung noch nicht so weit fortgeschritten sind, um mit Aussicht auf Erfolg eine betriebliche Ausbildung beginnen zu können."

Das sehen auch die Arbeitgeber so. Das Bundesinstitut für Berufsbildung befragte Betriebe, was zu mehr Ausbildungsplätzen führen würde. Von zwölf möglichen Maßnahmen landete auf Platz 1 die "Verbesserung der schulischen Voraussetzungen."

"Man muss die Schulausbildung so gestalten, dass die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss drastisch zurückgeht. Es ist ein Armutszeugnis, dass jedes Jahr zehn Prozent von ihnen die Schule ohne Abschluss verlassen. Bei den Schülern mit Migrationshintergund sind es sogar 18 Prozent", sagt Christe. Außerdem empfiehlt der Arbeitsmarktforscher eine möglichst frühe Berufsorientierung. "Hier wird noch viel zu wenig gemacht. Wenn Jugendliche zum Beispiel durch Praktika die Arbeitswelt kennen lernen, erfolgt auch der Berufswunsch effektiver und rationaler als wenn sie völlig unbedarft mal in die Berufsberatung gehen."

Anders sieht es der Bayerische Elternverband: Es sei keine Lösung, Hauptschüler speziell fürs Bewerben zu trainieren. Dann würde zwar der Hauptschüler die Stelle bekommen, aber dafür ein Realschüler oder Gymnasiast außen vor bleiben. Stattdessen müssten einfach mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden.

Häufig entscheidet allein der Schulabschluss, ob sich ein Berufswunsch erfüllen lässt. In vielen Ausbildungsberufen haben Hauptschüler kaum Chancen. Stattdessen bestimmen Absolventen von Realschulen und Abiturienten das Bild. Vor allem das Handwerk nimmt Jugendliche mit Hauptschulabschluss auf. Gerade hier ist in den vergangenen Jahren jedoch das Angebot an Ausbildungsplätzen zurückgegangen.

Gerhard Christe weiß aus der Jugendforschung "wie sehr Jugendliche darunter leiden, wenn sie keinen Ausbildungsplatz finden." Bundesbildungsministerin Annette Schavan forderte am Tag des Ausbildungsplatzes, an dem die Arbeitsagenturen alljährlich bei den Unternehmen um mehr Lehrstellen werben: "Kein Jugendlicher darf den Eindruck haben, in der Gesellschaft nicht gebraucht zu werden." Doch auch wer auf der Ersatzbank der Fördermaßnahmen landet, hat genau dieses Gefühl. Der Bericht der Kultusministerkonferenz warnt: "Hier könnte ein wichtiges Arbeitskräftepotenzial für die Zukunft verspielt und sozialer Ausgrenzung Vorschub geleistet werden."

Von dem immer wiederkehrenden Vorschlag, doch die Lehrlingsgehälter zu kürzen, hält Arbeitsmarktforscher Christe nichts. "Konsequent wäre es dann gleich zu sagen, die Jugendlichen müssten für ihre Ausbildung bezahlen. Aber soweit geht dann doch niemand." Wie eine Übersicht der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, variieren die Azubiverdienste je nach Beruf und Branche außerdem extrem. Die Spanne reicht von 332 Euro bis 1222 Euro.

Der Tag des Ausbildungsplatzes hat nun immerhin 14.000 neue Lehrstellen gebracht, aber nur 6000 davon sollen schon dieses Jahr angeboten werden. Das reicht bei weitem nicht, um die Lücke zu schließen. Deshalb mahnt die Politik weiter. "Wer heute nicht ausbildet, wird morgen händeringend nach qualifizierten Fachkräften suchen", sagt etwa Schavan.

Am Mittwoch will nun das Bundeskabinett beraten, welche "motivierenden" Anstrengungen für mehr Ausbildungsplätze unternommen werden können.

Vielleicht hilft dabei ein erneuter Blick in den Berufsbildungsbericht. Darin wird unter anderem auf den Zusammenhang zwischen der allgemeinen Beschäftigungsentwicklung und dem Angebot an Ausbildungsplätzen verwiesen. Die Arbeitsmarkt-Forscher wissen: Wer Jobs abbaut, schafft keine Ausbildungsplätze.

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