Fall Guttenberg "An einem Rücktritt führt kein Weg vorbei"

Deutschlands Akademiker rebellieren gegen Guttenberg und dessen Fürsprecher. Der Bonner Professor Matthias Kreck hält es für einen "Kulturverfall", dass "so jemand noch Minister sein kann".

Von Rudolf Neumaier

Die allgemeinen Umfragewerte des Karl-Theodor zu Guttenberg sinken langsam. In der akademischen Welt hingegen scheint der Verteidigungsminister bereits auf dem Nullpunkt angelangt zu sein. Die Zahl von Doktoranden, die Guttenberg und die wohlwollende Bewertung seiner Plagiate durch die Bundesregierung heftig kritisieren und den Rücktritt des Ministers fordern, bewegte sich am Montag auf die 30.000 zu.

Nun formieren sich auch Universitätsprofessoren. Einer Initiative des Professors Matthias Kreck, dem Leiter des Bonner Hausdorff-Forschungsinstitutes für Mathematik, sind bereits mehr als tausend Hochschulgelehrte gefolgt. Sie schließen sich einer Erklärung an, in der die Unterzeichner ihr "Befremden darüber zum Ausdruck bringen, dass führende Politiker - darunter die Bundeskanzlerin - Wissenschaft und wissenschaftlicher Redlichkeit insgesamt den Stellenwert von Nebensächlichkeiten geben".

Im Gespräch wird Kreck noch deutlicher. Seiner Ansicht nach führt an einem Rücktritt des Ministers kein Weg vorbei: "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Wenn er bei einem Kaufhausdiebstahl erwischt worden wäre, müsste er gehen. In seiner Doktorarbeit aber hat Guttenberg Dutzende Diebstähle geistigen Eigentums begangen." Kreck hält es für einen "Kulturverfall", dass "so jemand noch Minister sein kann". Matthias Kreck, 63, zählt nicht zuletzt als Träger der Georg-Cantor-Medaille zu den reputiertesten deutschen Mathematikern.

Die "Erklärung zu den Standards akademischer Prüfungen" ist etwas zurückhaltender formuliert. Zunächst bringen die Unterzeichner ihre Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass sich die Universität Bayreuth bislang eines Urteils über den Täuschungsvorsatz durch Guttenberg enthält. "Wir sind überrascht", heißt es, dass die Klärung dieser Frage "im vorliegenden Fall nicht innerhalb weniger Tage erfolgen kann". Angesichts der Faktenlage falle es schwer, "nicht an eine umfängliche vorsätzliche Täuschung zu glauben".

Zudem sorgen sich die Professoren um wissenschaftliche Standards: "Wenn Mängel wie die der zu Guttenbergschen Arbeit lediglich handwerkliche Fehler darstellen sollen, sehen wir die Gefahr, dass die bewährten Standards wissenschaftlicher Arbeit verkommen." Deshalb sei wichtig, dass mit dem Fall zu Guttenberg kein negativer Präzedenzfall geschaffen werde.

Abwegige Reaktion der Kanzlerin

Die Reaktion der Kanzlerin und der Unionspolitiker, die sich schützend vor den Minister stellen, halten sie für abwegig: "Die Aufspaltung einer Persönlichkeit in einen gesellschaftlich irrelevanten wissenschaftlichen Teil und einen relevanten politischen Teil ist nicht akzeptabel." Eine solche Denkweise sei einer modernen Gesellschaft, deren Reichtum, sowohl kultureller wie materieller, in hohem Maße auf Wissenschaft beruhe, "unwürdig und könnte gefährlichen Entwicklungen den Weg bereiten".

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