Wissenschaftler erfindet Studien-Daten Der lügende Holländer

Gegen sein Werk erscheinen die deutschen Plagiatsfälle der vergangenen Zeit wie Lappalien: Ein Sozialpsychologe der Uni Tilburg hat reihenweise Studien gefälscht. Damit niemand etwas bemerkt, ließ sich der als brillanter Wissenschaftler geltende Mann einiges einfallen.

Von Christian Jostmann

Er lieferte die wissenschaftliche Unterfütterung für das, was wir immer schon geahnt hatten: dass wir uns beim Essen besser benehmen, wenn ein Glas Wein auf dem Tisch steht; dass man in einer unordentlichen Umgebung eher dazu neigt, andere zu diskriminieren; oder dass sich Menschen, denen beim Anblick von Fleisch der Mund wässrig wird, asozialer verhalten als Vegetarier. Erkenntnisse wie diese machten den Sozialpsychologen Diederik Stapel in den Niederlanden zum Medienstar. Auch deutsche Zeitungen berichteten über seine Forschungen, deren Ergebnisse häufig in renommierten Fachjournalen erschienen. Die Studie über Unordnung und Diskriminierung etwa publizierte er im Frühjahr 2011 in Science.

Alles nur erfunden, wie beim Lügenbaron Münchhausen: Ein Wissenschaftler aus den Niederlanden hat die Daten für seine Studien gefälscht.

(Foto: dpa)

Diederik Stapel galt als einer der Großen seiner Disziplin: ein brillanter Wissenschaftler mit langer Publikationsliste, dazu smart und telegen, ein Mann in den besten Jahren. Bis die Universität Tilburg Anfang September eine Bombe platzen ließ und den Psychologen von heute auf morgen seines Amtes als Dekan der School of Social and Behavioral Sciences enthob. Stapel hatte zugegeben, in seinen Studien Daten gefälscht zu haben. Seine eigenen Mitarbeiter waren auf Unregelmäßigkeiten gestoßen und beim Rektor vorstellig geworden. Die Universität Tilburg setzte umgehend eine Untersuchungskommission ein, die am Montag erste Ergebnisse vorlegte.

Demnach hat der Psychologe seit 2004 in mindestens 30 von mehr als 150 Aufsätzen nicht nur Daten manipuliert, sondern manche zur Gänze erfunden. Seinen Mitautoren gaukelte Stapel beispielsweise vor, er erhebe seine Daten in Schulen, die auf Diskretion bestünden und die er daher nicht nennen dürfe. Um den Schein zu wahren, ließ er sich von seinen Mitarbeitern Fragebögen und auch Süßigkeiten - als Belohnung für die Versuchspersonen - ins Auto laden. Doch die Versuche fanden nie statt. Stattdessen zauberte Stapel fertige Datensätze aus dem Hut. Wollte es jemand genauer wissen, reagierte er ausweichend, mitunter auch drohend. Diese Strategie war besonders gegenüber Jungwissenschaftlern erfolgreich. In 14 von 21 Dissertationen, die Stapel betreut hat, stieß die Kommission auf Manipulationen. Die Verfasser, die offenbar nichts von den Machenschaften ihres Betreuers wussten, müssen nun um ihre Karrieren fürchten.

Das ganze Ausmaß der Hochstapelei ist noch nicht absehbar; eine Liste der gefälschten Publikationen steht aus. Die Kommission ist sich aber sicher, dass Stapel allein die Verantwortung trägt. Sie hat der Universität geraten, eine Strafanzeige zu erwägen. Der Beschuldigte bekundete in einer öffentlichen Stellungnahme Reue. Der Druck, erfolgreich zu sein, sei zu groß geworden, erklärte Stapel; er habe der Versuchung nicht widerstehen können, die Schwächen des Systems auszunutzen. Ob auch Andere diese Schwächen ausnutzen, wenn auch in weniger spektakulärem Maßstab - das ist die Frage, die jetzt wieder einmal im Raum steht, nicht nur in der Sozialpsychologie und nicht nur in den Niederlanden.