Von Marco Finetti

Hochschulen wollen sich stärker für die Wirtschaft öffnen. Professoren sollen Manager in Strategie schulen, Studenten Mittelständlern Marketingprobleme abnehmen.

Wer von den Damen und Herren bloß auf die Idee gekommen sei, den Bundesfinanzminister einzuladen, scherzte Peer Steinbrück zu Beginn seiner Rede; damit gehe man ja doch ein Risiko ein. Ein Risiko war die Reise zur Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nach Gießen Ende vergangener Woche freilich auch für den SPD-Politiker. Denn natürlich gehören auch die Rektoren und Präsidenten zu den vielen im Lande, die angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs und der erwarteten Steuermehreinnahmen derzeit mit, so Steinbrück, "erotisch verklärten Augen auf den obersten Kassenwart blicken". Die Erwartungen im von der Polizei hermetisch abgeriegelten Gießener Stadttheater waren jedenfalls hoch, und sie wurden vom Politprofi Steinbrück gekonnt erfüllt - und zugleich auch enttäuscht.

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Enttäuscht wurden jene, die dachten, es werde mindestens so zugehen wie bei Gerhard Schröder. Der besuchte vor sieben Jahren als Kanzler die Rektoren und brachte mal eben 100 Millionen Mark für die Informatik-Studiengänge mit. Peer Steinbrück hatte kein Geld im Gepäck, dafür aber viele positive Signale. Und die reichten der Mehrzahl der Rektoren offenbar.

Ja, Bildung und Wissenschaft zählten zu den wichtigsten Politikfeldern, auf denen der Bund in Zukunft eher mehr als weniger ausgeben werde. Ja, in Köpfe zu investieren, sei allemal sinnvoller als in Sozialleistungen oder Beton, deshalb müssten Wissenschaftsausgaben steuerlich besser behandelt werden. Ja, der Bund werde sich wohl an einer Fortsetzung des Elite-Uni-Wettbewerbs und des Hochschulpakts, sprich am Ausbau von Spitzenforschung und Studienplätzen, beteiligen. Konkreter wurde der Finanzminister allerdings nicht, mit der einen Ausnahme, dass er schon für die kommenden Wochen den Entwurf für ein "Wagniskapitalbeteiligungsgesetz" ankündigte, mit dem die Gründung innovativer Unternehmen aus den Hochschulen heraus steuerlich begünstigt werden soll.

Damit war auch Steinbrück beim eigentlichen Thema der Rektorenversammlung angelangt. Was das Verhältnis "Hochschulen - Wirtschaft" angeht, so war in Gießen schon viel damit erreicht, dass die Hochschulen über dieses Thema überhaupt sprachen. Vor zehn Jahren noch hätte das die als Monstranz hochgehaltene Unabhängigkeit von Forschung und Lehre und die Furcht vor der Indienst-Stellung oder -nahme der Alma Mater durch das Kapital wohl verhindert.

Nun aber sprachen die Vertreter der Hochschulen und der Wirtschaft durchweg offen über ihr Verhältnis, das leider noch immer in weiten Teilen ein Nicht-Verhältnis sei. Man existiere nebeneinander her, jede Seite sei zu sehr ihrer eigenen Welt und Logik verhaftet, hieß es selbstkritisch.

Und manchmal blitzte in Gießen sogar auf, wie es besser werden könnte: durch gemeinsame "Transferstellen" und Projekte beispielsweise in der Medizintechnik, bei Farben, Lacken oder Textilbeton; mit Professoren, die Manager in Strategie und Controlling schulen, und mit Studententeams, die Mittelständlern Marketingprobleme abnehmen.

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(SZ vom 7.5.2007)